10 Fähigkeiten, an denen Eltern arbeiten können, um mit ihren Kindern in Beziehung zu sein

Little girl running in country field in summer

Im Austausch zwischen Eltern, insbesondere zwischen Müttern geht es oft um ganz konkrete Alltagsprobleme im Zusammenleben mit Kindern. Es beginnt Morgens beim Zähneputzen und endet Abends beim ins Bett gehen. Dazwischen birgt der Tag vielfältige Herausforderungen im zwischenmenschlichen Umgang zwischen Eltern und Kindern.

Wir sind darauf trainiert für ein konkretes Problem nach einer sofortigen und einfach umzusetzenden Lösung zu suchen. Dabei fokussieren wir uns in der Regel auf das Verhalten vom Kind. Es ist oft sehr unbefriedigend für Eltern, wenn ihnen in der unerzogen Gruppe keine Methode oder sofort wirksame Maßnahme angeboten werden kann. Die Antwort auf Fragen lautet oft:



Die Entscheidung für Beziehung statt Erziehung ist vor allem viel Arbeit an sich selbst


Manche Eltern reagieren darauf resigniert und frustriert, manchmal sogar aggressiv. Wenn eine recht konkrete Frage zunächst mit Gegenfragen zur eigenen Einstellung beantwortet wird, kann dies sehr irritierend sein. Durch den Hinweis darauf, dass man vor allem an sich selbst arbeiten muss, fühlen sich viele missverstanden und verurteilt. Wenn ich aber niemanden erziehen will und Kinder nicht zum Objekt meiner Erziehung werden lassen möchte, so kann es keinen anderen Ort der Suche nach der Lösung von Problemen geben als eben in uns selbst.

In meiner Rolle als Beraterin, Trainerin und Coach, sei es im Transformationsbereich oder im interkulturellen Umfeld, setze ich mich intensiv mit der Frage nach der Lebenseinstellung von uns Menschen gegenüber anderen und uns selbst, sowie mit unseren Fähigkeiten im zwischenmenschlichen Umgang auseinander. Wie auch bei unerzogen komme ich hierbei auf verschiedene Fähigkeiten und Einstellungen, die in meiner Wahrnehmung durch die Elternschaft weiter entfaltet werden können. Dies setzt allerdings voraus, dass wir das große Geschenk annehmen und die Chance erkennen, die sich durch unsere Kinder ergibt, an uns selbst zu arbeiten und daran zu wachsen.

Hier sind 10 Fähigkeiten, an denen wir arbeiten können, um mit unserem Kind oder Kindern in Beziehung zu kommen und zu
sein:



1. Selbstreflexion


Mit Selbstreflexion ist die Fähigkeit gemeint, sich selbst, sein eigenes Verhalten, seine eigenen Werte und Vorstellungen kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu relativieren. Es geht um die Fähigkeit sich neue Denk-, Verhaltens- und Empfindungsmuster zu erschließen. Dahinter stecken ganz wesentliche Fragen unseres Seins:

  • Wer bin ich?
  • Wo komme ich her?
  • Was hat mich geprägt?
  • Was treibt mich dazu an auf bestimmte Dinge so zu reagieren, wie ich reagiere?

Wenn mir zum Beispiel auffällt, dass ein bestimmtes Verhalten meines Kindes mich in den Wahnsinn treibt, kann ich mich darauf fokussieren sein Verhalten durch Erziehung zu ändern. Ich suche dann die Lösung am Kind. Ich will formen. Ich verpasse die Chance etwas über mein Kind und mich zu erfahren. Ich kann mich aber auch dazu entscheiden bei mir selbst zu suchen, mir und meinem Kind mit Neugier und Wohlwollen zu begegnen und so bestimmte Handlungsmuster aufzubrechen.

Es geht dabei nicht darum die eigene Identität aufzugeben, sondern darum sich selbst kennen zu lernen und damit die Fähigkeit zu erlangen, bewusst Entscheidungen zu treffen und die Verantwortung in der Beziehung zum eigenem Kind zu übernehmen. Wenn ich weiß, was mich antreibt und woraus dieser Antrieb entspringt, kann ich mein Verhalten gegebenenfalls ändern.

Ich habe drei kleine Kinder. Und wie das so ist, wollen sie öfters verschiedene Dinge zur selben Zeit und das bitte sofort. Ich bin zwar selber ein recht ungeduldiger Mensch, hasse es aber, wenn ich mich bedrängt fühle. Ich gerate da schnell unter Stress. Keine gute Konstellation. Zugleich liegt es aber auf der Hand woran ich persönlich arbeiten kann: An meiner eigenen Ungeduld und an meiner Stressresistenz. Was genau verursacht mir in dieser Situation Stress? Welche Erwartungen und Erfahrungen stecken dahinter? Was kann ich in solchen Momenten für mich tun? Und wie schaffe ich es adäquat auf meine Kinder und die mich überfordernden Situation zu reagieren? Usw.



2. Interaktionsfähigkeit


Bei der Interaktionsfähigkeit geht es um die Fähigkeit mit anderen in Beziehung zu gehen und in Verbindung zu bleiben. Dabei ist es irrelevant, ob ich verbal oder non verbal in Austausch gehe oder kommuniziere. Es geht um die Fähigkeit der Verbindung zwischen (inter) verschiedenen Menschen. Dies setzt voraus, dass ich in der Lage bin, sowohl eigene Wünsche und Bedürfnisse als auch die meines Gegenübers zu erkennen und zu differenzieren.

Ein großer Meilenstein für mich, war hier die Auseinandersetzung mit der Gewaltfreien Kommunikation von Marshall Rosenberg. Den Unterschied zwischen Gefühlen und Bedürfnissen auf der einen Seite zu verstehen sowie die Unterscheidung zu verschiedenen Strategien auf der anderen Seite zu verinnerlichen, half mir sehr den Menschen anstatt das Verhalten im Fokus zu halten. Außerdem erleichterte es mir, mich klarer und verständlicher zu positionieren.

Eines meiner drei Kinder kommunizierte von Anbeginn an stark körperlich: Beißen, Haare ziehen, kneifen, hauen. Das ganze Programm eben. Die Fähigkeit mich mit seinen Bedürfnissen zu verbinden, vereinfachte es für mich ihm mit der nötigen Empathie und Unterstützung im Ausbau neuer Kommunikationsstrategien zu begegnen. Er wollte in Verbindung gehen, hatte aber keine andere Fähigkeit und Strategie zur Verfügung als eben seinen Körper und seine Kraft einzusetzen. Er wollte nichts anderes als „Hallo, ich mag mit dir spielen“ sagen. Hätte ich ihm ihn dieser Situation ein pauschales „Hauen darf man nicht“ entgegen geschmettert, hätte ich ihm großes Unrecht getan. Daneben hätte ich mir die Chance genommen seine Bedürfnisse kennen zu lernen und ihm dadurch langfristig zu helfen.



3. Empathie


Die Empathie beschreibt die Kompetenz sich in andere Menschen einfühlen zu können und dadurch adäquat auf sie zu reagieren. Es geht darum die Welt durch die Augen des anderen zu sehen.

Auch hier ist die Gewaltfreie Kommunikation eine große Hilfe für mich. Durch die bewusste und – den Versuch – der bewertungsfreien Beobachtung, gelingt es mir öfters mich in die Gefühlswelt meiner Kinder einzufühlen. Dies hilft mir nicht nur sie besser zu verstehen, sondern vor allem sie (!) fühlen sich eher verstanden und gesehen.

Bei drei kleinen Kindern gibt es natürlich auch häufiger Zoff. Es ist sehr verlockend bei Streitigkeiten nach dem Schuldigen zu suchen und diesen dann zu ermahnen. In der Regel hat davon aber niemand etwas. Weder habe ich so erfahren, welche Bedürfnisse unerfüllt sind, noch bin ich mit meinen Kindern in Verbindung geblieben. Ganz zu schweigen davon, dass sich in dem Fall niemand gesehen oder verstanden fühlt.

Schaffe ich es aber meine Kinder in ihrer Not zu sehen, ihnen empathisch zu begegnen, dann habe ich gute Chancen ein für alle verbindendes Erlebnis zu erschaffen. Was ich versuche in solchen Situationen ist, beide Kinder auf meinen Schoss oder in meine Arme zu nehmen. Es ist mir egal, wer was getan hat. Ich sehe zwei kleine Menschen, die offenbar überfordert und in Not sind sowie dessen Bedürfnisse nicht erfüllt wurden. Ich tröste sie, höre ihnen zu und suche bei Bedarf mit ihnen nach Lösungen. Ohne zu werten oder beschuldigen. In der Regel reicht es bereits sie zu fühlen, zu kuscheln, spiegeln und zu sehen.



4. Offenheit


Offenheit ist die Fähigkeit sich unvoreingenommen mit neuen Situation auseinanderzusetzen und sich auf andere Menschen einzulassen. Es ist das Erfahren wollen, wer diese Menschen sind und was sie bewegt. Es ist eine Haltung geprägt von Neugier, Interesse und Respekt. Um herauszufinden, welche Haltung man selber hat, lassen sich in der Selbstreflexion einige Fragen stellen:

  • Wie begegne ich Kindern?
  • Welche Stereotypen oder Vorurteile habe ich durch Sozialisierung und Erziehung ihnen gegenüber?
  • Sind Kinder für mich kleine Tyrannen oder gleichwürdige Menschen?
  • Wie sehr romantisiere ich die Kindheit und schaffe dadurch womöglich überzogene Erwartungen?
  • Welches Menschenbild habe ich allgemein?

Jemandem mit Neugier, Respekt und Interesse zu begegnen, bedeutet nicht, alles hinzunehmen und kritiklos zu akzeptieren. Es ist wichtig im Zusammenspiel in der Familie einen gemeinsamen Rahmen der Orientierung zu gestalten. Die Frage ist hierbei, wie viel Raum gestehe ich meinen Kindern dabei ein und von welchem Bild werde ich geleitet.

Bevor ich Kinder hatte, war ich ein sehr Leistungsorientierter Mensch. Ich dachte, man müsse Kinder frühzeitig fördern und dass es wichtig sei, dass sie durch andere angeleitet werden. Kindergarten. Schule. Eltern. Zum Glück war ich offen und neugierig genug mich eines besseren belehren zu lassen. Ich konnte erkennen, dass meine Kinder von sich aus eine Menge intrinsische Motivation mitbringen für die Dinge, die für sie bereichernd sind. Ich durfte lernen, dass die Beurteilung und Bewertung anderer völlig irrelevant und sogar schädlich sind und dass es sich lohnt nach seinem Herzensthema zu suchen. Ohne die nötige Offenheit, hätte ich mir den Zugang zu einer ganz neuen und wunderbaren Welt versperrt. Vor allem aber, hätte ich die Beziehung zu meinen Kindern gefährdet.



5. Ambiguitätstoleranz


Die Ambiguitätstoleranz ist bereits als Wort herausfordernd. Damit ist die Fähigkeit gemeint, Widersprüchlichkeiten aushalten zu können. Es geht um ein hohes Maß an Frustationstoleranz und auch um die Fähigkeit sich dem neuen Kontext anzupassen.

Im Zusammenleben mit Kindern werden wir mit Dingen konfrontiert, die uns an sich inakzeptabel erscheinen. Ein prägnantes Beispiel hierfür sind wieder einmal Aggressionen. Es gibt kaum ein Glaubenssatz, den wir auf unserem moralischen Podest höher stellen als „Schlagen darf man nicht“. Welche Bedeutung Aggressionen in unserer Entwicklung haben und warum es wichtig ist, dass erklärt Jasper Juul sehr dezidiert in seinem Buch „Aggression: Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist“. Es würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen darauf tiefer einzugehen, daher belasse ich es bei folgendem Beispiel.

Im ersten Kindergarten meiner Kinder kam es mit dem Wechsel von der Krippe in den Kindergartenbereich ebenfalls zu einem Wechsel der Erzieherinnen. Wo zuvor ein sehr Bedürfnisorientierter Umgang mit den Kindern gepflegt wurde, nahm Erziehung in der neuen Konstellation immer mehr Raum ein. Eines Tages rief die Erzieherin meiner Zwillinge an und berichtete mir, dass eines meiner Kinder sie angespuckt hätte. Ich erzählte anderen Müttern davon. Das Urteil war schnell gefällt. Spätestens da müsse man dem Kind Grenzen aufzeigen.

Ich suchte das Gespräch mit der Erzieherin und auch mit meinem Kind. Es zeigte sich, dass mein Kind sich stark bedrängt fühlte, als es dazu kam. Die Erzieherin wurde ihr gegenüber sehr laut und befahl ihr vom Spielplatz in den Gruppenraum zu gehen. Meine Tochter grinste verlegen, was ihre Erzieherin als Provokation deutete. Sie fühlte sich ausgelacht, war offenbar stark überfordert und wurde noch lauter. Meine Tochter spuckte sie an. Sie war zu dem Zeitpunkt keine drei Jahre alt…

In diesem Fall ließ sich die Situation auflösen. Oft aber bleiben solche Dinge ungeklärt und unsere Kinder handeln nach gesellschaftlichen Maßstäben völlig inakzeptabel. Hier sind wir als Eltern ganz besonders gefragt. Vertrauen ist die Basis für eine gesunde Beziehung. Meine Kinder haben jedenfalls kurz darauf den Kindergarten verlassen…



6. Konfliktfähigkeit


Zur Konfliktfähigkeit gehört es zum einem fair streiten zu können und zum anderem zu einer Lösung des Konfliktes beizutragen. Hierzu gehört auch die Toleranz Konflikte auszuhalten.

Viele von uns haben eine sehr romantische Vorstellung von Familienleben und Beziehungen. Keine „Familienwerbung“, die nicht in Harmonie endet. Streits zwischen Geschwistern überfordern die allermeisten Eltern. Während die einen ein Nein mit allen Mitteln meiden, sagen die anderen Nein und legitimieren es mit einem „weil ich es sage“. Allem gemeinsam ist die Angst vor dem Konflikt. Zum einem aus dem gesellschaftlichen Erwartungsdruck heraus, zum anderen aus einem völlig verzerrtem Bild vom Leben in einer Familie oder von zwischenmenschlichen Beziehungen in seiner Gänze.

Ein ebenfalls interessantes Phänomen sind die zahlreichen Pseudo-Kompromisse, die vermeintlich im Einvernehmen mit den Kindern getroffen werden. „Du, noch eine Sendung, dann gehst du ins Bett, ja?!“. Das ein oder andere Kind versucht hier vielleicht noch eine weitere Sendung oder einige Minuten auszuhandeln, aber in der Regel willigen sie Alternativ los ein, um nach der nächsten Sendung doch nicht den Apparat auszumachen oder in Verzweifelung auszubrechen. Und wir Eltern reagieren dann auch noch verwundert und überrascht, wenn nicht gar wütend, schließlich hat das Kind doch eingewilligt.

Fair streiten heißt, es begegnen sich zwei Interessensparteien auf Augenhöhe. Sie verfügen über die gleiche Entscheidungsmacht oder aber die Symmetrie in der Ausgangslage ist allen Beteiligten bewusst und wird berücksichtigt. Es ist nicht fair, wenn wir Eltern von unseren Kindern die Absolution für unsere Entscheidungen erwarten und ihre Kooperation voraussetzen oder antizipieren. Wenn ein Kind nicht wirklich nein sagen darf oder kann, dann liegt es an uns dafür auch die Verantwortung zu übernehmen und hinter unseren Entscheidungen zu stehen. Wenn dieser Spielraum aber tatsächlich besteht, so können wir aus unserem Erfahrungsschatz schöpfen und unsere Kindern dabei unterstützen mit uns gemeinsam den bestehenden Konflikt für alle Gesichtswahrend und Bedürfnisorientiert zu lösen.



7. Kreativität


Kreativität ist die Fähigkeit Neues zu erschaffen. Es ist die Schöpferische Kraft des Neuen, und gegebenenfalls des Widersprüchlichen. Es ist aber auch die Fähigkeit Unsicherheit und Transformation zuzulassen.

Bei hierarchischen Machtstrukturen wird eine Anpassung der Schwächeren erwartet. Kinder passen sich dem Leben der Eltern an. Punkt. Sie integrieren sich nicht nur, sie werden regelrecht assimiliert. Gewohnheiten, Interessen und Werte der Eltern werden anerzogen und möglichst übernommen. Bei einer gleichwürdigen Begegnung von Kindern auf Augenhöhe sieht dies ein wenig anders aus: Das Paar wird zu Eltern und zum Teil einer Familie. Die Familie als Ganze formt und lernt sich neu kennen. Es ist eine inklusive Betrachtung von Familien und jedes Mitglied trägt zum Gesamtergebnis gleichwürdig bei. Es ist eine von Bereicherung getragene Haltung gegenüber Vielfalt.

Kaum ein Thema hat mich stärker berührt in der Elternschaft als die schöpferische Kraft des Neuen. Lernen los zu lassen und Unsicherheit anzunehmen ist äußerst herausfordernd, vor allem dann, wenn man wie ich gerne alles unter Kontrolle hat. Die transformative Kraft, die die Geburt meiner Kinder für mein Leben hat, ist für mich jeden Tag aufs Neue überwältigend. Es erfordert viel Mut sich aus seiner Komfortzone zu begeben und dem Neuankömmling den Raum zur Entfaltung zu lassen, wenn dies bedeutet sein komplettes Leben kritisch zu betrachten und gegebenenfalls auf den Kopf zu stellen.

Was macht man, wenn beide Eltern Vollzeit arbeiten, die Karriere im vollen Gang ist oder anders einfach das Geld nicht reicht, aber mindestens eines der Kinder deutlich signalisiert, dass es mehr Begleitung und Anwesenheit der Eltern braucht? Was macht man, wenn die Kinder die Pläne der Eltern „torpedieren“, weil die Eltern sie bei ihrer Planung, oft aus Unwissenheit, einfach nicht berücksichtigt haben? Spätestens hier ist ganz viel Kreativität bei der Alltagsbewältigung gefragt oder aber eben Mut zur Transformation. Von der Gleitzeit, zur Krankmeldung, über Au Pair, zu Home Office bis hin zum Jobwechsel. Und manchmal, reicht auch das nicht. Weil es weiterhin ein festhalten ist, an etwas, was nicht mehr passt. Assimilation oder Vielfalt? Ich entscheide mich für letzteres.



8. Wissen


Wissen ist eine wichtige Voraussetzung und Grundlage um Glaubenssätze aufzulösen. Wer nichts über die menschliche, insbesondere (klein)kindliche Entwicklung weiß, hat es sehr schwer sich dem gesellschaftlichen und eigenen Druck zur Erziehung zu widersetzen bzw. sich neuen Wegen gegenüber zu öffnen. Erziehung macht sich unsere Ängste zu nutzen und Angst ist ein sehr schlechter Begleiter.

An sich wollte ich an dieser Stelle über Intuition schreiben. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass wir unserer Intuition oft erst dann wieder vertrauen, wenn wir bestimmte Impulse kognitiv nähren und belegen. Im Zeitalter des Internets ist Wissen jedem im großen Umfang zugänglich. Die Fülle an Information, gepaart mit oft konträren Thesen überfordern uns aber zunehmend. Gerade beim Thema Kind und Elternschaft wird es schwierig sachliche Information zu erhalten. Ich versuche immer auch die Haltung des Urhebers für mich zu erschließen, um so die Informationen für mich besser nutzen zu können.

Meine ersten Kinder sind Zwillinge. Sie kamen 14 Wochen zu früh auf die Welt. Nach vielen Monaten im Krankenhaus konnten wir endlich nach Hause. Mein Mann und ich hatten ihnen liebevoll ein Zwillingsbettchen anfertigen lassen, welches wir in unser Zimmer stellten. Im Krankenhaus wurden wir voll umfänglich über die Risiken des Plötzlichen Kindstods informiert. Gerade das erhöhte Risiko bei solch kleinen Frühgeborenen wurde immer wieder betont. Wir hatten große Angst und waren von den Monaten des Bangens gezeichnet. Die Kinder hatten ihr eigenes Bett und Schlafsäcke. Wir haben beides nie benutzt.

Zuhause angekommen, war es für uns intuitiv klar, dass wir sie in unsere Nähe haben sollten. Dass es viel sicherer sein würde, wenn sie bei uns in direktem Kontakt schliefen. Außerdem hatten wir viel nachzuholen. In den ersten Wochen turnierten mein Mann und ich in der Nacht und hielten Wache, um so auf sie aufzupassen. Wir trauten uns nicht gemeinsam einzuschlafen und so beobachtete immer einer von uns sie im Schlaf. Wir sammelten Informationen zu dem Thema, die unser Gefühl stützten und hinterfragten beide Sichtweisen kritisch. Der Abgleich mit unserer inneren Stimme führte uns zu Vertrauen und Liebe. Wir schlafen seit vielen Jahren, mittlerweile zu fünft, im Familienbett.



9. Flexibilität


Flexibilität ist die Fähigkeit sich auf vielfältige Situationen und Menschen einzustellen, ohne sich dabei aufzugeben oder verunsichert zu werden. Es ist die Fähigkeit zur Orientierung am einzelnen Kind und nicht an Methoden, Glaubensmustern oder Funktionalitäten. Es ist die Fähigkeit sich auf Vielfalt einzulassen und zu akzeptieren, dass jeder Mensch anders ist. Es gibt keine Lösung x für Problem z, sondern für jedes individuelle z, gibt es im Rahmen eines Kontextes y, eine individuelle Lösung. Flexibilität ist Grundvoraussetzung für „thinking outside the box“. Und das wiederum ist im Umgang mit Kindern äußerst hilfreich.

Selbstaufgabe und Verunsicherung sind sicherlich zwei Themen, die uns Eltern sofort ansprechen. Gerade wenn wir am Anfang einer Beziehungsorientierten Begleitung unserer Kinder sind, ist Verunsicherung unser ständiger Begleiter. Und das ist vollkommen legitim, denn Veränderung bedeutet altbewährtes los zu lassen und sich zu neuen, unbekannten Ufern aufzumachen. Wir wollen nicht mehr erziehen, haben aber keine Ahnung, wie nicht erziehen gehen soll. Und wir haben Angst, dass unerzogen die komplette Negierung des Selbst nach sich zieht bzw. erleben wir das in unserer Verunsicherungsphase teilweise auch so.

Was mir in der Transformation unglaublich geholfen hat, war das Runterbrechen des großen Ganzen auf die konkrete Situation. Anstatt unerzogen vollständig einsaugen zu wollen, begann ich damit mich auf meine Kinder einzulassen. Jedes einzelne für sich in seiner Persönlichkeit und Individualität. In dem Moment, wo ich nicht mehr darauf fokussiert war mit Kindern allgemein bewusst umzugehen, sondern ein Individuum vor mir sah, ging es von ganz alleine.

Ich frage mich nicht, ob es in Ordnung ist, Kinder ohne Zähne zu putzen ins Bett gehen zu lassen. Ich Frage mich, ob es in der konkreten Situation für dieses eine Kind gerade irgendeinen Handlungsbedarf meinerseits gibt. Ich lerne meine Kinder als Menschen zu betrachten und begegne ihnen mit Neugier. Daneben arbeite ich an meinen Erwartungen, welche oft das Ergebnis von Verallgemeinerungen sind. Das erlaubt mir flexibel auf die unterschiedlichen Bedürfnisse meiner drei Kinder einzugehen. Und zwar individuell und situativ.



10. Authentizität


Bei einer authentischen Person stimmen Schein und Sein überein. Meine Gedanken passen zu meinen Gefühlen und zu den Signalen, die mein Körper aussendet. Authentisch zu sein, setzt die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung voraus. Wer immer eine Rolle erfüllt und mit sich selbst nicht in Verbindung steht, wird es schwer haben im Einklang zu sein.

Es passiert oft, dass wir zwar Beziehung statt Erziehung wollen, unsere interne Programmierung aber nicht mitmacht. Manchmal liegt es daran, dass wir Haltung und Methode miteinander verwechseln. Wir haben nach wie vor die Erwartung an eine Funktionalität unseres Tuns und wollen eigentlich, dass unerzogen zum gewünschten Ergebnis führt. Das führt immer zu Enttäuschung und Frustration, denn unerzogen funktioniert eben nicht. „Ich habe mit Engelszungen mit ihm gesprochen und trotzdem ist er nicht darauf eingegangen“ oder „Ich wende die Gewaltfreie Kommunikation an und mein gegenüber reagiert genervt und fühlt sich nicht ernst genommen“ sind nur zwei Beispiele, die zeigen, dass Methode erwartet wird, wo Haltung eigentlich gemeint ist…

Wenn ich unsicher oder überfordert bin, dann äußere ich es oder ich erbitte mir etwas Bedenkzeit. So kann ich mich sortieren. Außerdem versuche ich mein Gegenüber in meine Überlegungen mit einzubeziehen und erbitte Hilfe und Lösungsvorschläge. Oft sortieren sich die eigenen Gedanken dann von ganz alleine.

Wer für sich klar hat, seine Kinder nicht manipulieren, ziehen oder formen zu wollen und auch nicht die Utopie der allwissenden Eltern hegen muss, kann ganz authentisch – auch seinen Kindern gegenüber – mit seinen menschlichen Fehlern und Begrenzungen umgehen. Wir sind Menschen und Menschen sind nicht perfekt. Das sollten unsere Kinder auch erfahren dürfen.

Wir haben ein gesamtes Leben um zu lernen und es lohnt sich, auf dem Weg zu sein…

Saluditos & Axé

Eure

Aida S. de Rodriguez

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Foto: © goodluz, Fotolia

11 Comments

  • Corinne

    Reply Reply 22. März 2016

    Liebe Aida
    Danke für diesen Blog!
    Das ist sehr klar aufgeführt und hilfreich!
    Man spürt Deine Erfahrung und ich schätze Deine Autentizität❤!

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 29. März 2016

      Danke für deine wertschätzende Worte! Es freut mich sehr! <3

  • Barbara

    Reply Reply 13. Mai 2016

    Hallo Aida
    Vielen Dank für deine berührenden Artikel. Es gefällt mir, wie du schreibst! Autentisch, mit Erfahrung, liebevoll und ohne ‚gesulze’…. Einfach, autentisch und klar!
    Hilft mir grad in meiner Situation (auch Mama von drei Kindern. Und ich lasse so langsam unerzogen in mein tieferes Bewusstseinsfeld einfliessen… Erfordert aber ganz viel Offenheit, Ehrlichkeit mit mir selber und vor allem Selbstmitgefühl, was gar nicht immer so einfach ist… In Stressmomenten ist mein Stammhirn voll aktiviert und da gelingt es mir noch selten, dies zu regulieren…)
    Also mach bitte weiter mit deinen wertvollen Beiträgen 😊
    Vielen Dank und liebe Grüsse
    Barbara

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