10 Missverständnisse über unerzogen und das Leben ohne Erziehung

Happy child in spring field. Young girl relax outdoors. Freedom concept

Die Aussage „Ich verzichte auf Erziehung, weil ich Erziehung für schädlich und für Gewalt halte.„, löst beim Gegenüber verschiedene Assoziationen aus, die manchmal nicht nur Aggressionen hervorzubringen scheinen, weil sich diejenige Person durch die Aussage womöglich verurteilt fühlt, sondern es werden offenbar auch Bilder hervorgerufen, die sehr wenig mit unerzogen zu tun haben.

Unerzogen heißt die Abwesenheit von Erziehung. Erziehung verstanden als die bewusste Formung eines Kindes durch einen Erwachsenen, in eine von diesem für richtig befundene Richtung. Das Kind wird dadurch zum Objekt der Erziehung des Erwachsenen. Und das halte ich für gewalttätig. Deshalb verzichte ich darauf.

Oft lese ich, dass Erziehung als Einflussnahme verstanden wird und es daher gar nicht möglich sei, nicht zu erziehen. Kinder wachsen nicht im luftleeren Raum auf. Das ist klar. Dies verdeutlicht aber höchstens, warum Erziehung nicht nur schädlich, sondern obendrein vollkommen obsolet ist, denn wir leben vor und Kinder machen uns Vieles nach. Das betrifft leider auch das respektlose Verhalten bei der Anwendung verschiedener Erziehungsmethoden.

Wenn Erziehung Einflussnahme ist, wofür brauche ich dann zwei Begriffe? Vor allem aber, warum benutze ich Erziehung gegenüber Kindern, käme aber nicht auf die Idee zu behaupten, ich erziehe einen Erwachsenen? Hier sprechen wir ganz selbstverständlich über Beziehung. Bei Hunden hingegen zum Beispiel von Dressur…

In der Auseinandersetzung mit erziehenden Eltern, aber auch mit denjenigen, die sich für unerzogen interessieren oder schlicht am Wort Erziehung an sich festhalten wollen, kommt es oft zu verschiedenen Missverständnissen in Bezug auf das, was unerzogen tatsächlich ausmacht. Da wird manchmal Respekt gerne mit fehlender Orientierung verwechselt oder „dem Kind Raum geben“ als „das Kind sich selbst überlassen“ verstanden. Freiheit wird zu Verwahrlosung deklariert und in umgekehrter Richtung Fürsorge mit Kontrolle und Fremdbestimmung gleichgesetzt. Andererseits scheinen viele ein ähnliches Ergebnis zu erwarten, wie mit Erziehung: ein gehorsames, braves Kind.

Was aber bedeutet auf Erziehung zu Verzichten?

Da, wo Erziehung wegfällt, hat Beziehung Platz. Eine Beziehung, getragen von Liebe, Neugier, Offenheit, Respekt, Empathie, Authentizität, Achtsamkeit, Fürsorge, Augenhöhe und Gleichwürdigkeit. Kinder und Erwachsene sind Menschen und somit in ihrer Würde gleich. Erwachsene aber tragen, aufgrund ihrer vorhandenen Macht und der Abhängigkeit des Kindes, die alleinige Verantwortung für die Beziehungsqualität zum Kind. Es liegt also an uns Eltern, uns für eine bewusste (!) Elternschaft zu entscheiden und uns und die gesellschaftlichen Erwartungen und Normen zu reflektieren.

Inspiriert durch die Crianza con Apego, Crianza Respetuosa, möchte ich hier einige Missverständnisse über das Leben ohne Erziehung auflösen:

Unerzogen bedeutet nicht…

1. …dem Kind alles zu erlauben, sondern die Bedürfnisse hinter dem Verhalten zu erkennen und abzuwägen, wie es befriedigt werden kann. Es bedeutet ein hohes Maß an Flexibilität und Empathie.

2. …alle Wünsche zu erfüllen, sondern zu hinterfragen, worum es beim Wunsch tatsächlich geht und dem Kind das zu geben, was es wirklich braucht. Es bedeutet aber auch, die eigenen Prinzipien nicht auf andere zu übertragen und dem Kind Raum für eigene Interessen, Entscheidungen und Wünsche zu lassen.

3. …ein Leben ohne Grenzen. Eltern setzen keine Grenzen. Grenzen sind da! Und sie frustrieren manchmal. Wir brauchen nicht zusätzlich Frust durch künstliche Grenzen hervorzurufen, sondern, unser Job ist es, unsere Kinder dabei zu begleiten, mit ihren Gefühlen umzugehen.

4. …die eigenen Bedürfnisse immer hinten anzustellen oder gänzlich zu übergehen, sondern nach Wegen des Unden zu suchen, achtsam – auch mit sich – zu sein und zu erkennen, dass das Kind uns für die Erfüllung seiner Bedürfnisse braucht, wir aber für uns selbst sorgen können und müssen. Es geht um „thinking outside the box“ und um kreative Lösungen. Es geht aber auch darum zu lernen, Hilfe anzunehmen.

5. …das Kind sich selbst zu überlassen, sondern dem Kind Raum zu geben, zu sein. Raum für Erfahrungen, zum Fehler machen und erneuertem Ausprobieren. Im Wissen unseres Schutzes, unserer Liebe und in Sicherheit. Es bedeutet achtsam zu sein, zu begleiten sowie zu unterstützen und helfen, falls dies benötigt und eingefordert wird. Ich bin da, wenn du mich brauchst!

6. …das Kind mit allen Entscheidungen alleine zu lassen und mit einer Verantwortung zu belasten, die es gar nicht tragen kann. Es geht darum die Integrität des Kindes nicht zu verletzen, das Selbstbestimmungsrecht des Kindes anzuerkennen, seine Kompetenzen zu sehen und ihm mit Respekt zu begegnen.

7. …das Kind nicht über Normen, Kausalitäten und Konsequenzen aufzuklären. Es bedeutet unsere Erwartungen zu hinterfragen und das Kind unter Berücksichtigung seiner Möglichkeiten eigene Entscheidungen treffen zu lassen sowie es anzunehmen wie es ist. Auch dann, wenn wir bestimmte Entscheidungen und Verhaltensweisen nicht als richtig empfinden.

8. … das im Leben plötzlich alles „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist. Konflikte gehören zum Leben dazu und finden immer wieder statt. Sie müssen auch nicht um jeden Preis verhindert werden. Es bedeutet vielmehr, dass Konflikte respektvoll und konstruktiv gelöst werden. Was brauchst du? Was brauche ich? Und wie machen wir daraus ein sowohl-als-auch? Und wenn dies nicht möglich ist, so bin ich da und wir finden eine andere Lösung. Auch streiten will gelernt sein.

9. …das Kind über den Erwachsenen zu stellen, sondern Kinder in der gleichen Würde zu begegnen. Auf Augenhöhe und mit derselben Wertschätzung und dem selben Respekt, den wir uns für uns wünschen. Und zwar unter Berücksichtigung vorhandener Bedürfnisse sowie mit der notwendigen Rücksichtnahme auf noch nicht vorhandene Fähigkeiten.

10. …das Kind durch einen liebevollen Weg zu einem guten Menschen und glücklichen Erwachsenen zu machen. Unerzogen funktioniert nicht. Unerzogen sieht nicht ein Ziel, sondern den Menschen. Im Hier und Jetzt.

Unerzogen ist herausfordernd und konfrontiert uns mit unseren Ängsten und Unzulänglichkeiten. Es gibt gute, weniger gute und schlechte Tage. Wir werden uns immer wieder Situationen gegenübersehen, die uns in alte Muster verfallen lassen und uns unglaublich anstrengen. Und ja, es gibt Menschen, die einen dann verurteilen und das Lebendige im Kind befremdlich finden, denn die meisten Menschen kennen nur erzogene Kinder und wissen gar nicht, wie ein Mensch, der sein darf, als Kind ist. Und das erfordert Rückhalt und manchmal auch viel Kraft.

Unerzogen ist ein Weg, ein Prozess. Es bedeutet lebenslanges Lernen, Selbstreflexion und inneres Wachstum. Unerzogen ist die Entscheidung zu vertrauen und die Entscheidung für Frieden. Es bedeutet Bewusstsein und die Übernahme von Verantwortung. Es ist das größte Geschenk, das uns die Elternschaft machen kann: die Auseinandersetzung mit uns selbst. Im Guten wie im Schlechten…

Unerzogen ist Liebe. Zum Kind und zu sich selbst!

Saluditos & Axé

Eure

Aida S de Rodriguez

 

 

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Foto von Sunny studio bei Fotolia.

About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

12 Comments

  • Lothar Miethe

    Reply Reply 15. Juni 2016

    Ich persönlich würde es nicht unerzogen nennen, ABER: Für mich sind diese 10 Punkte eine Selbstverständlichkeit. Meine Tochter ist ein Individuum, sie wird nicht erst zu einem Individuum. Und Kinder brauchen nun mal vor allem Zeit und Aufmerksamkeit. Das überfordert viele Eltern einfach.

  • Lothar Miethe

    Reply Reply 15. Juni 2016

    Ich persönlich würde es nicht unerzogen nennen, ABER: Für mich sind diese 10 Punkte eine Selbstverständlichkeit. Meine Tochter ist ein Individuum, sie wird nicht erst zu einem Individuum. Und Kinder brauchen nun mal vor allem Zeit und Aufmerksamkeit. Das überfordert viele Eltern einfach.

  • Yardena Gerlach

    Reply Reply 15. Juni 2016

    Ein schöner, aufklärender Artikel, wie ich finde!
    Ich habe mich viel von Jesper Juul gelesen, bevor ich von einer Freundin das „Unerzogen-Magazin“ geliehen habe.

    Ich sehe es grundsätzlich wie Lothar auch: all diese Punkte sollten eine Selbstverständlichkeit sein.

    Und doch merke ich auch selbst, dass ich immermal wieder an mir selbst scheitere. Da ist ein aktuell nicht erfüllbares Bedürfnis in mir (nach Freiraum, um etwas zu tun, was mir gerade wichtig wäre) oder die Last eines Konfliktes oder auch einfach große Müdigkeit und schon komme ich schnell an meine Grenzen.
    Dann merke ich, dass ich meine eigenen Erwartungen nicht erfülle oder erfüllt habe.

    Und genau da setzt dann dein Satz an: Unerzogen ist Liebe. Zum Kind und zu mir selbst. Das ist enorm wichtig, um nicht in solchen Situationen zu zweifeln und vor Ärger über sich selbst all das Schöne und Gute und Gelingende zu sehen.

    Danke deshalb für den Artikel! Manchmal muss man Dinge einfach hin und wieder schwarz auf weiß vor sich haben, um sie nicht zu vergessen. 🙂

  • Sabrina

    Reply Reply 17. Juni 2016

    Liebe Aida,
    ich finde diesen Artikel auch wundervoll, weil er meinem Bild vom gemeinsam wachsen entspricht und ich ebenfalls ein Problem mit dem Wort erziehen habe.
    Allerdings finden sich doch die gleichen Prinzipien oder Grundgedanken, wie immer man es nennen möchte, schon in der bedürfnisorientieren oder bindungsorientierten Elternschaft, in der bedingungslosen Liebe und dem Attachment Parenting wieder.
    Warum so viele Begriffe für eine „Erziehungshaltung“, die eigentlich dank der Kinderrechte auch längst eine Selbstverständlichkeit sein sollten.
    Woher kommt dieser Begriff auf einmal? Ich finde ihn auch ziemlich schwierig, weil er so negativ klingt und weil es sofort als falsch verstandene vernachlässigende Antiautorität missverstanden werden kann.
    Liebe Grüße
    Sabrina

  • Maike

    Reply Reply 6. Oktober 2016

    Danke für den tollen Artikel, der es für große Skeptiker einfacher macht einen Zugang zu gewinnen! Ich habe ihn auf blog.hans-natur.de geteilt.

  • Wibke Dihrberg

    Reply Reply 6. Oktober 2016

    Liebe Aida
    Dakeschön für diesen Artikel! Diese 10 Punkte hast Du toll formuliert!
    Eine Frage habe ich zu Punkt 6. Das ist mir ganz wichtig, weil ich damit in „unerzogen“-Kreisen oft anecke! 😉
    Ich bin ja groß und verantwortlich für das Wohlergehen meines Kindes, und ich möchte nicht mein Kind mit Entscheidungen und Verantwortlichkeiten überfordern, die es noch nicht treffen kann.
    Vieles können Kinder, je nach Reife/Alter ja entscheiden, aber nicht alles.
    Wie siehst Du das? Wie entschiedest Du das, ohne dass es in Deinen Augen „Gewalt“ weil Fremdbestimmung ist? Daran bin ich erhlich interessiert, da ich Deine Artikel sehr schätze und auch selbst ursprünglich aus der unerzogen-Ecke stamme, aber an dem Punkt… immer wieder „Ärger“ bekomme…
    hier noch der Link zu einem Artikel von mir (für den Titel bekomme ich auch gleich Steine an den Kopf geworfen, Achtung, ich mache nur Spaß!)
    http://wibke-dihrberg.de/so-werden-deine-kinder-lieb-und-folgsam-freiwillig/

    Liebe Grüße
    Wibke

  • Sonja

    Reply Reply 19. Januar 2017

    Hallo Aida
    Ich fasse mal zusammen wie ich dich verstehe: Erziehung ist für dich Gewalt da sie immer ein Ziel verfolgt.
    Unerzogen ist demnach zwar Einfluss zu nehmen aber nicht gezielt, also nicht bewusst. Unbewusst vermitteln Eltern ja zwangsläufig Werte Normen etc und leider auch genug Mist aus vorigen Generationen …
    Ich denke hier müssen wir aufpassen denn Kinder spüren sehr genau unbewusste Erwartungen. Klar ist das logisch zu sagen schlimm bzw gut genug. Mehr braucht es nicht. Das Vorbild allein und die Interaktion genügen.
    Ich sehe keinen Unterschied zu juul, was für das Konzept spricht.
    Nur hat dieser nie behauptet nicht von Erziehung zu sprechen.
    Er wird teils aber interessanterweise dafür kritisiert gar keine Erziehung zu propagieren sondern Kommunikationsformen etc …
    Verstehe ich das alles richtig so?
    LG
    Sonja

  • Nadine

    Reply Reply 20. März 2017

    Ich lese mich gerade ganz neu ein in dieses Thema und versuche zu verstehen, was nun „unerzogen“ meint für euch Nicht-Erziehenden. Die Gesellschaft scheint es ziemlich gleich zu setzen mit ungezogen, schlecht erzogen und fehlenden Benehmen und ich höre solche Begriffe, wenn Kinder frech, vorlaut, beleidigend, gemein, schlagend oder negativ auffällig sind.
    Du schreibst „Vor allem aber, warum benutze ich Erziehung gegenüber Kindern, käme aber nicht auf die Idee zu behaupten, ich erziehe einen Erwachsenen? Hier sprechen wir ganz selbstverständlich über Beziehung. Bei Hunden hingegen zum Beispiel über Dressur…“ und ich frage mich: Ist das wirklich so? Ich habe durchaus schon häufiger gehört, dass man sich den Freund schon noch richtig erziehen wird, ihm Dinge beibringen wird und Menschen, die sich schlecht benehmen wohl keine gute Erziehung genossen haben. Und bei Hundedressur denke ich nicht an normalen Hundeschul-Unterricht, sondern eher an alberne Kunststücke.

    • Denise

      Reply Reply 23. März 2017

      Hallo liebe Nadine,
      danke für Dein Feedback und Deine Fragen.
      Die Menschen, die der Auffassung sind, ihre Partner noch richtig zurechterziehen zu müssen, die existieren tatsächlich und es sagt natürlich auch sehr viel über die Form der Beziehungsgestaltung aus. Es wäre natürlich Spekulation, darüber zu sinnieren, wie verbreitet diese Ansichten sind, daher mag ich mich der Überlegung gar nicht weiter widmen. Es gibt diese Überzeugungen, oft sind das sicher auch salopp und unreflektiert dahergesagte Ratschläge, die im Kern nicht ansatzweise die erzieherische Tiefe transportieren, wie wenn von Kindern gesprochen wird, aber ich teile Deine Beobachtung durchaus. Der Glaube an eine Notwendigkeit zur Formung eines Menschen zugunsten der eigenen Vorlieben ist weit verbreitet und äußert sich oft subtil… Herzliche Grüße,
      Denise vom Team Elternmorphose

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