Es reicht nicht auf Erziehung zu verzichten!

Young woman practicing yoga on the beach.

Mein Podcast mit meinen Freundinnen Ruth von Der Kompass (ursprünglich unerzogen leben) und Lena von Familienleicht heißt „Ponyhof“. In meinem E-Mail-Postfach entdeckte ich soeben eine Anfrage für ein Interview für einen Podcast, der sich mit Menschen und Gruppen befasst, die eine Utopie leben. Das vergangene Wochenende leitete ich ein Seminar zum Thema „Auf Augenhöhe begleiten im Kontext von selbstbestimmten Lernens“, bei dem irgendwann im Raum die vermeintliche Diskrepanz zwischen der „realen Welt“ und unserer „Schulblase“ stand.

„Das Leben ist doch kein Wunschkonzert!“ – ertönt es mal hier und dort. „Kinder müssen doch zurecht kommen in der „echten“ Welt!“

„Warum muss es immer gleich so extrem sein“, werde ich manchmal gefragt. Ich sei so radikal. Meine Haltung sei radikal.

Ein Blick in meiner Facebook-Timeline, und ich ahne was gemeint sein könnte: Kinder, die bestraft und abgewertet werden sowie Erwachsene, die ihre Macht missbrauchen und willkürlich darüber richten, was „gut“ und „richtig“ oder „böse“ und „schlecht“ ist, gehört in der Tat nicht mehr zu meinem Alltag und doch ist es da. Allgegenwärtig. Getragen, legitimiert und formentiert von unserer Gesellschaft.

Aber zugleich werde ich auch damit konfrontiert, dass „meine“ Definition von Erziehung gar nicht die „Wahrheit“ abbilden würde und „die Mehrheit der Menschen doch längst ganz liebevoll erziehen würden“. Ich würde ein zu düsteres Bild malen. Etwas, was längst vergangen ist… Und überhaupt, dieses „gegen etwas sein“ trennt und steht zur Gewaltfreiheit doch bereits im Widerspruch. Dazu die Verantwortung gegenüber denen, die vermeintlich „nicht verstehen“ und dann Erziehung weglassen, aber die entstandene Leere nicht zu füllen wissen…



unerzogen ist radikal

Ich habe lange gedacht, die Radikalität meiner Haltung läge daran Kinder nicht erziehen zu wollen. Dann verstand ich, dass die Radikalität bereits dort beginnt, wo ich Kinder als Menschen anerkenne und es allgemein irritierend zu sein scheint, Menschen menschenwürdig zu behandeln und im Vertrauen sowie neugierig gegenüber zu treten.

 

Es reicht nicht auf Erziehung zu verzichten. Wichtig ist, wie ich die Beziehung in der Abwesenheit von Erziehung gestallte.

 

Der Verzicht auf Erziehung ist ein erster unabdingbarer Schritt, weil es das Bekenntnis zur Gewaltfreiheit ist und dazu Menschen nicht zum Objekt der eigenen Erziehungsmaßnahmen und -zielen degradieren zu wollen. Zugleich ist es aber auch das Resultat eines Prozesses, welcher auf Bewusstwerdung beruht und dem Erkenntnis, dass es nicht nur genügt den Weg zu überdenken, sondern dass es notwendig ist, auch die Ziele aufzugeben.



Was Beziehung ausmacht

Wenn ich über Beziehung spreche, dann meine ich eine Beziehung, die auf Offenheit und Neugier beruht. Dahinter steckt der ehrliche Wunsch den Menschen mir gegenüber wahrhaftig kennenzulernen. Erziehung steht dem insofern im Wege, da diesen Ziele innewohnt, wie Mensch zu sein hat oder zumindest künftig im Leben stehen sollte. Das Verhalten und das Ziel; also das, was im Außen wichtig erscheint, steht im Vordergrund. Wir haben ein Bild dessen, was ein Kind ist. Den Stereotypen mit dem wir unser Kind und die Kinder der anderen abgleichen.



Das Kind ohne Identität

Stereotypen können sehr hilfreich sein und Orientierung geben. Es reduziert ein wenig die enorme Komplexität unserer Welt, von Beziehungen, des Menschen an sich. Stereotypen neigen jedoch auch dazu Menschen nicht mehr als solche zu betrachten. Sie verlieren ihre Individualität zum „Wohle“ der Gruppe und verschwinden in der Masse. Aus der kleinen Lisa, die einen schlechten Tag hatte, wird das Kind, welches trotzig ist. Die Schwelle zwischen einem Stereotypen und einer abwertenden Zuschreibung, die letztlich zur Diskriminierung einer vermeintlichen Gruppe in seiner Gänze führt, ist sehr fließend. Das ist für die meisten Kinder in unserer Welt gelebter Alltag und ich kenne persönlich niemanden, der sich von Adultismus freisprechen könnte. Umso wichtiger, dass wir diese Mechanismen klar benennen, uns dieser bewusstwerden und klar dagegen positionieren.

 

Adultismus verhindert Offenheit und Neugier. Er behindert uns und lässt nicht zu, dass wir die kleine Lisa kennenlernen. Adultismus erlaubt uns nur aus der kleinen Lisa ein „normales Kind“ zu machen.

 

Ich gehe davon aus, dass zumindest Eltern in der Regel daran interessiert sind, ihre Kinder wahrhaftig kennenzulernen. Sie wollen eine Beziehung, die auf Vertrauen und gegenseitigen Respekt beruht. Doch oft scheitern wir bereits daran zu erfassen, was Beziehung überhaupt ist, geschweige denn diese auszuhalten.



Beziehung ist Einfluss

Wenn wir Beziehung betrachten, geht es immer um die Beziehung zu uns Selbst, zu unseren Kindern und zu anderen Menschen. Unsere Partner und Partnerinnen, unsere Eltern, usw. Wir stehen außerdem in Beziehung zu unserer gesamten Umwelt, zugleich definiert diese den Kontext unserer Beziehungen mit. Um im Leben Selbstwirksam zu sein, muss ich erkennen, dass ich letztlich auf Alles Einfluss habe, jedoch selbstbestimmt und somit weitestgehend gewaltfrei, nur mich und meinen Lebenskontext ändern kann. Als Eltern und Pädagogen beispielsweise, bin ich Machtvoll genug, um ein Kind zu unterdrücken, indem ich meine Macht dazu missbrauche, in der falschen Annahme einen Menschen planbar und zielgerichtet in einer von mir für richtig befundene Richtung modellieren zu können. Aber genau dies ist der Trugschluss, es ist nicht kontrollierbar. Menschen funktionieren nicht.



Die vier Säulen der Beziehungsqualität

1. Die Beziehung, die ich zu mir, meinem Kind und anderen führe, hängt dabei maßgeblich von unterschiedlichen Faktoren ab. Zum einem ist da meine Haltung:

  • Mit welchen Augen sehe ich Kinder, mich, Frauen, Männer, Menschen im Allgemeinen?
  • Wie betrachte ich die Welt?
  • Welche Werte habe ich?

 

2. Unsere Haltung ist jedoch nur eine von vier Komponenten, die Einfluss haben. Da ist zum Beispiel auch der Prozess der Bewusstwerdung bzw. mein Bewusstsein:

  • Erkenne ich die Zusammenhänge von Erziehung und dem, was ich heute bin?
  • Erkenne ich den Zusammenhang meines Umgangs mit meinem Kind und meine Haltung?
  • Wie reflektiere ich diese Prozesse und Zusammenhänge?
  • Wo stehe ich im Leben?

 

3. Unmittelbar mit meiner Haltung und meinem Bewusstsein verbunden, sind auch die Fähigkeiten, die ich mitbringe. Diese determinieren meine Beziehungen genauso wie meine Bereitschaft an ihnen zu arbeiten:

  • Kann ich zum Beispiel aktiv zuhören?
  • Halte ich Beziehungen überhaupt aus?
  • Schaffe ich es präsent zu sein?
  • Bin ich in der Lage Nähe zuzulassen?
  • Fällt es mir leicht meine Gefühle und Wünsche zu artikulieren?
  • Kann ich meine Bedürfnisse erkennen und versorgen?

 

4. Letztlich hängt all das mit dem, was ich weiß oder zu wissen glaube zusammen:

  • Wie viel weiß ich über die kindliche Entwicklung?
  • Was weiß ich über Wut und andere Gefühle?
  • Kenne ich meine Rechte und Alternativen zur angeblichen Norm?

Zugleich aber suche ich die Quellen meines Wissens in starker Abhängigkeit meiner Haltung und Möglichkeiten. Und das meine ich tatsächlich vollkommen wertefrei. Jeder von uns lebt seine eigene Wahrheit und kreiert dabei die Welt in der seine Beziehungen eingebettet sind. Keine These, ohne Gegenthese. Kein unerzogen ohne Erziehung?

 

Was ich damit meine: es macht was mit mir, ob ich Winterhoff oder Kohn lese. Genauso ist es aber ein Unterschied aus welcher Haltung heraus ich Winterhoff oder Kohn lese. Am Ende hängt es auch noch von meinem Bewusstsein und von meinen Fähigkeiten ab, was ich vom gelesenen annehmen und umsetzen kann. Heute und in der Zukunft. Wenn ich denke, meine Lebenserfahrung und Reife legitimieren mich dazu über meine Kinder zu bestimmen, werde ich bestimmte Inhalte anders lesen und wahrnehmen als wenn ich denke, meine Lebenserfahrung und Reife erlauben es mir gegenüber meinen Kinder rücksichtsvoll zu sein und sie zu berücksichtigen bei meinen Entscheidungen und Handlungen.



Beziehung statt Erziehung ist ein Prozess

Veränderungsprozesse sind bereits für sich genommen verunsichernd, anstrengend und komplex genug. Eingebunden in zwischenmenschlichen Beziehungen wird es mitunter ganz schön kompliziert und nicht selten verliert der ein oder andere auf dem Weg seinen Pfad, ist verunsichert oder erstarrt. Es ist die Chance Systeme zu transformieren, indem wir uns selbst auf dem Weg machen und zugleich das Risiko sich zu überfordern oder in einer Krise zu geraten, bei der alles scheinbar aus den Fugen gerät. Diese Angst hindert viele Menschen daran sich auf dem Weg zu machen und so entstehen die Vorstellungen von vermeintlichen Utopien, die sowohl idealisierend als auch abwertend gemeint sein können, zum Beispiel wenn der Vorwurf besteht, in dieser „Blase“ Kinder der „echten“ Welt vorzuenthalten und zum Versagen zu verdammen. Doch auch Widerstände sind normal und es ist nicht damit getan, Dinge zu relativieren nur damit sich „alle“ besser „abgeholt“ fühlen. Das hat mit Selbstwirksamkeit und Verantwortung wenig zu tun,  auch wenn es nicht von der Hand zu weisen ist, dass Mittendrin immer Kinder beteiligt sind, was uns als Impulsgeber ebenfalls in einer anderen Qualität der Verantwortung bringt.

In meiner Wahrheit ist Erziehung Gewalt. Dabei möchte ich meine Mitmenschen auf Augenhöhe begegnen. Ein Widerspruch zwischen meiner Haltung zum Kind und zu Erwachsene, die erziehen? In meinen Augen keineswegs. Und selbstverständlich ist ersteres dennoch eine Wertung über die Handlung und Haltung anderer. Eine Wertung, die mitunter trennt. Mir ist es wichtig deutlich meine Stimme gegen (!) Adultismus und Formung zu erheben. Das hindert nicht meine empathische Haltung gegenüber anderen Menschen und das zugestehen von anderen Wahrheiten. Dennoch ist es wichtig für mich zu sagen: ich finde das, was du machst nicht gut! Adultismus, Diskriminierung, Gewalt – ist keine Meinung! Es widerspricht meinen Werten und an diesen Punkt mag ich keine Verbindung. Da bin ich in der Tat lieber Weltfremd, wie Sarah Lesch es so treffend in ihrem Lied Testament singt. Dann lebe ich eine mir von außen zugeschriebenen Utopie – auf dem Ponyhof, und feiere in meiner persönlichen Blase viele Wunschkonzerte…

Doch das trifft nicht ganz meine Wahrheit und Realität, denn ich sehe unseren gemeinsamen Nenner: die Liebe zu unseren Kindern und das Bedürfnis sie zu schützen. Genau da ist Begegnung in aller Klarheit und Empathie möglich. Und in diesen verrückten Alltag, der der Elternschaft innewohnt. So bin ich gerade ins Badezimmer geflüchtet, um kurz in Ruhe diese Gedanken, die seit Tagen und Wochen in meinem Kopf kreisen, endlich zu Ende aufs Papier zu bringen…

Saluditos & Axé

Eure

Aida S. de Rodriguez

 

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Foto © Kitja

About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

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