Gewalt gegen Kinder ist keine Privatsache! Schau nicht weg!

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Gewalt hat viele Gesichter. Nicht jede Form von Gewalt wird sofort als solche erkannt. Unsere Wahrnehmung wird auch durch die Summe unserer Erfahrungen geprägt. Verdrängung, Verharmlosung, wenn nicht gar Negierung von Gewalt, setzt unsere Sensibilität auf eine harte Probe.

Auch in Deutschland ist Gewalt gegen Kinder ein alltägliches Ereignis. Nein, an dieser Stelle rede ich nicht primär, wie so oft, über strukturelle – sozial anerkannte – Gewalt, also das, was wir Erziehung nennen. Ich rede über das, was wir – zumindest bei Erwachsenen Menschen, vorwiegend Frauen – unter häusliche Gewalt verstehen: „über subtile Formen wie Demütigungen, Beleidigungen und Einschüchterungen, psychischen, physischen und sexuellen Misshandlungen bis hin zu Vergewaltigungen und Tötungen“ (BKA-Präsident Holger Münch in: Wenn das eigene Zuhause nicht sicher ist – Gewalt in Paarbeziehungen). Und ja, die Grenzen sind da fließend und es wird tatsächlich bei Kindern nicht selten mit verschiedenem Maße gerechnet. Tragisch genug und macht es in der Tat nicht einfacher.

Die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache:

Laut den 2016 veröffentlichen Daten des Bundeskriminalamtes (BKA), so die Tagesschau, wurden 2015 130 Kinder getötet. 8 von 10 Kindern waren dabei jünger als 6 Jahre. Dazu kommen zahlreiche Tötungsversuche: 52 in der Zahl. Die Täter sind zumeist, laut Angaben des BKAs, so die Tagesschau, enge Angehörige. Beinahe 4.000 Kinder – in Zahlen: viertausend Kinder – erlitten körperliche Misshandlungen. 14.000 Kinder wurden Opfer sexueller Gewalt. Dazu kommt das Massenphänomen Kinderpornographie. Laut Angaben wurden 6.500 Kinder im Jahre 2015 Opfer dieser Machenschaften.

Gewalt findet in der Regel da statt, wo sich Menschen am sichersten fühlen sollten: Zuhause, innerhalb der eigenen Familie. Die Täter stehen den Kindern meist sehr nahe und sind vertraute Personen. Auch Kindergärten und Schulen sind keineswegs immer sichere Orte, wie zahlreiche Elternberichte und Artikel zeigen.



Gewalt gegen Kinder ist keine Privatsache! Es ist eine Straftat.

Bürgerliches Gesetzbuch (BGB)

1631 Inhalt und Grenzen der Personensorge

(2) Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.



Gewalt an Kindern muss enttabuisiert und vor allem auch erkannt werden!

Ohrfeigen, Schläge auf dem Hinterkopf oder auf den Hintern, am Ohr ziehen, massives Schreien und Demütigen und noch viele andere Dingen, von denen regelmäßig in verschiedenen Gruppen berichtet wird, sind keine Lappalie oder wegen meiner auch „anerkannte Erziehungsmethoden“. Es ist massive Gewalt. Es sind mitunter Straftaten! Und wir dürfen nicht wegsehen. Das macht uns zu Mittätern, vor allem dann, wenn es in unseren eigenen vier Wänden passiert und wir unsere Kinder nicht schützen. Die oben genannten Zahlen geben keinen Einblick auf die Dunkelziffer.

Kinder sind vollkommen abhängig von uns Erwachsenen. Wie schutzlos, ohnmächtig und ausgeliefert, müssen sie sich in solch einer Situation fühlen? Und die traurige Wahrheit ist, das sind sie, wenn wir nicht endlich beginnen die Dinge beim Namen zu benennen und uns vor ihnen zu stellen.

Ich lese oft viel Verunsicherung im Umgang mit Gewalt. Auf der einen Seite scheint niemanden „sich im Leben anderer einmischen zu wollen“, auf der anderen Seite haben viele schlicht Angst vor der Reaktion des Aggressors. Da haben Erziehung und Sozialisierung ganze Arbeit geleistet.

Daher noch einmal in aller Deutlichkeit:



Gewalt gegen Kinder ist keine Privatsache!

Es ist nicht das „böse Jugendamt“, was „mal wieder“ versagt hat. Es sind oft wir, die wegschauen! Selbst bei unseren eigenen Kindern…

Ich erinnere mich an einem Zwischenfall im vergangenem Jahr. Da sah ich auf der anderen Straßenseite wie eine Mutter ihre kleine Tochter anschrie, am Ohr packte und gegen die Wand drückte. Ich schritt ein mit einem lauten und klaren Stopp. Die Mutter ließ von ihrer Tochter los, begann sich lautstark zu rechtfertigen, sich als das eigentliche Opfer zu deklarieren und letztlich auch mich zu bedrohen. Aber sie ließ los. Die Gewalt gegen das Kind war zumindest in dem Augenblick gestoppt.

Aufgrund der fehlenden Gesprächsbereitschaft Seitens der Mutter und meiner Sorge um das Wohl des Kindes, informierte ich die Polizei. Ich erhielt von den rumstehenden Menschen, die sich – laut eigenen Angaben – hinter mich gestellt hatten, da sie Sorgen hatten, die gewaltbereite Frau würde mich angreifen, dafür Kritik. Auch eine Erzieherin gab sich zu erkennen, mit den Worten, dies sei die Mutter und doch nicht so schlimm sowie ihr täglich Brot auf der Arbeit. Mich machte es damals sprachlos, wütend, ohnmächtig und traurig. Wie muss sich da ein Kind fühlen? Mich, erwachsene Frau, wollten diese Passanten vor der wütenden Frau schützen. Das, was mit dem Kind passierte, empfanden sie als normal…



Es ist nicht normal! Vor allem aber ist es nicht in Ordnung! Wir dürfen nicht zulassen, dass Gewalt an Kindern zur Normalität gehört.

Wir dürfen nicht zulassen, dass die nette Bekannte auf dem Spielplatz ihrem Kind den Hintern versohlt. Wir dürfen nicht zulassen, dass der liebevolle Papa in der Überforderung unserem Kind auf dem Hinterkopf schlägt. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Lehrerin unser Kind am Arm packt und wegschleift. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Erzieherin unser Kind alleine in irgendeinem Raum einsperrt, damit es „keinen Ärger mehr macht“. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Mama im Schwimmbad ihr „nicht hörendes – folgsames – Kind“ einmal im Becken untertaucht. Wir dürfen nicht zulassen, dass die liebe Verwandtschaft, die uns in den Ferien aufnimmt, das eigene Kind regelmäßig körperlich „bestraft“ und somit misshandelt. Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Angst uns lähmt, wenn der cholerische Mann sein Kind anschreit und demütigt oder die nette Oma dem kleinen, „frechen“ Jungen eine Ohrfeige verpasst, damit dieser endlich am Tisch sitzenbleibt.



Wir müssen aufhören uns hinter unzähligen Ausreden zu verstecken und das vorleben, was uns wichtig ist: Gewaltfreiheit und Fürsorge.

Dieser Beitrag soll kein Aufruf sein, sich selbst in Gefahr zu begeben. Es ist auch kein Aufruf dazu jedem zu kriminalisieren. Wer meine Beiträge liest, weiß, dass für mich Beziehung ein wichtiges Anliegen ist. Ich bin auch der Überzeugung, dass die einzige Form, Gewalt nachhaltig zu stoppen, in Beziehung zu gehen ist. Jedoch sollte Schutz und somit ein sofortiges Stoppen der Gewaltausübung, immer im Vordergrund stehen.

Deshalb möchte ich dir ganz konkrete Handlungsalternativen an die Hand geben, für den Fall, dass du Zeuge von Gewalt an Kindern wirst:



Schütze Kinder mit aller Klarheit, die dafür notwendig ist.

1. Lasse nicht zu, dass die Gewaltausübung weitergeht oder sich wiederholt:

Gehe dazwischen, zum Beispiel mit einem deutlichen „Stopp“. Alternativ kannst du auch dazwischen gehen, indem du Hilfe anbietest: „Warte(n Sie), ich helfe Dir/Ihnen!“. Dadurch fühlen sich die Menschen weniger verurteilt und sind eher zugänglich für ein anschließendes Gespräch. Zumal Gewalt in der Regel ein Zeichen für Überforderung und eigene Not ist. Auch Täter brauchen Hilfe.

2. Versuche dich auch körperlich vor dem Kind zu stellen:

Bilde eine schützende Wand zwischen dem Kind und den wütenden Erwachsenen. Dies gilt auch sehr subtil mit nur einem Arm oder Hand und ohne den Konflikt weiter skalieren zu lassen. So verschiebt sich die Aufmerksamkeit des Erwachsenen auf dich, wenn nicht sogar auf sich selbst. Du ziehst eine imaginäre Schutzlinie um das Kind, in dem du mit deiner Präsenz denn Raum einnimmst.

3. Es ist wichtig, dass das Kind erfährt und sieht, dass niemand es verletzen darf und Gewalt benannt und nicht einfach so hingenommen wird.

Fördere, falls möglich, andere (nahestehende) Erwachsene auf, sich um das Kind zu kümmern. Alternativ kannst du dich zum Kind wenden und fragen, ob alles in Ordnung ist. Oft ist die Zuwendung zum Kind viel wichtiger, sinnvoller und deskalierender als dem Aggressor die Aufmerksamkeit zu geben.

4. Gehe in Beziehung:

Wenn du mit der Person eine Beziehung pflegst oder die Person sich als zugänglich erweist und auch du die nötige Kraft und Lust hast, so suche Verbindung.

Was hast du beobachtet? Wie geht es dir damit? Was sind deine Gedanken dazu? Vielleicht mag die Person dann auch aus ihrer Sicht berichten, wie es dazu gekommen ist und du kannst ein wenig Hilfe leisten. Durch Zuhören, Empathie, Aufklären und durch konkrete Handlungsangebote, wie die Kontaktaufnahme mit offiziellen Institutionen oder eines geeigneten Therapeuten.

5. Suche das Gespräch in einem ruhigen Moment:

Niemand ist in der Wut wirklich zugänglich. Die Wahrscheinlichkeit sich dann eher defensiv oder gar aggressiv zu verhalten, ist sehr groß. Gerade innerhalb einer Familie ist es wichtig, dass sich die beteiligten Erwachsenen in Ruhe zusammensetzen und einander zuhören. Worum geht es dem anderen eigentlich? Ist es Überforderung? Sind es Glaubensmuster? Ist es, weil „das macht man so“?

Wenn du weißt, worum es deinem gegenüber geht, kannst du demjenigen vielleicht dabei unterstützen andere Wege zu finden für sich und für die eigenen Bedürfnisse zu sorgen, ohne die eigenen Aggressionen an Kindern auszulassen.

6. Kontaktiere entsprechende Instanzen:

Es darf keine Option sein, dass Kinder weiter Gewalt ausgesetzt bleiben. Es ist unser Job als Eltern, aber auch als Gesellschaft Kinder zu schützen. Wenn du dich nicht traust unmittelbar einzugreifen oder befürchtest die Situation durch deinen Einsatz zu verschärfen, so kontaktiere entsprechende Instanzen.

Beobachtest du unmittelbar Gewalt an öffentlichen Plätzen, so solltest du die Polizei rufen. Die Polizei hat nur in der akkuten Situation die Möglichkeit zu handeln! Erlebst du Gewalt gegen Kindern in der Nachbarschaft oder im engeren Umfeld, so ist das Jugendamt der richtige Ansprechpartner. Bist du im Schwimmbad, so kannst du die Badmeister rufen. Beobachtest du es im Kindergarten, so informiere die ErzieherInnen, die Leitung oder den Träger. Etc…



Wichtig ist, dass du handelst und nicht wegschaust.

Es gibt nicht nur zahlreiche Studien, die belegen, wie schädlich Gewalt für die Entwicklung und das Leben von Kindern ist, sondern auch Gesetze, die dem Schutz von Kindern dienen. Nutze sie!

Schau nicht weg! Informiere dich! Hier zum Beispiel, kannst du verschiedene Anlaufstellen finden.

Danke!

Eure

Aida

 

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Foto von soupstock, bei Fotolia.

About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

2 Comments

  • Agnes

    Reply Reply 27. April 2017

    Liebe Aida,

    vielen Dank für diesen wachrüttelnden, berührenden Artikel!

    Eine Verständnisfrage, die sich nur im Unerzogen Kontext immer wieder stellt ist folgende:
    Wie steht es um psychische Gewalt?

    Wir als Eltern wenden diese (fast) nie an (perfekt sind wir natürlich nicht, aber bemüht, uns ständig zu verbessern).
    Die Großeltern hingegen (oder wer auch immer: Freunde, Paten etc.) verstehen unser Handeln nicht. Auch nicht nach Erklärungen…

    Ganz konkret:
    Mein Kind wird von den Großeltern (gern auch laut) gezwungen, am Esstisch nicht „herumzuhampeln“, seinen Teller leer zu essen, sich vom Opa beschmusen zu lassen etc.

    Nun soll ja niemand erzogen werden, weder das Kind, noch der Großvater.
    Allerdings leidet mein Kind unter dieser Gewalt. Es findet es doof aufessen zu müssen, traut sich aber nicht, dass zu sagen. Genau wie mit dem beschmusen. Es hat Opa lieb und lässt es deshalb zu (möchte nicht, dass der traurig oder wütend wird), und erzählt hinterher, dass es das eig. nicht mag.

    Habe ich nun die Pflicht mich in die Beziehung einzumischen?
    Von meinen Eltern kommt immer „wenn ihr XY nicht gefällt wird sie es schon sagen“, was sie aber offensichtlich in manchen Situationen schlichtweg nicht kann.
    Oder (mein Vater) in Bezug auf die Essenssituation: „Meine Wohnung, meine Regeln“.

    Mir fällt es sehr schwer, da ohne den anderen Erwachsenen zu erziehen die Grenzen meines Kindes zu wahren, wenn es selbst das nicht kann.

    Anderes Beispiel, nochmal ein bisschen schlimmer finde ich.

    Schwiegermutter ist mit unserer Tochter (ohne uns) draußen. Sie will weitergehen, mein Kind nicht. Nach einigen Bitten lässt sie die Kleine einfach allein mit der Aussage: „Die wird schon kommen wenn sie mich nicht mehr sieht. Ich lass mir nicht von ihr auf der Nase Rumänen!“
    Töchterchen war später zu Hause etwas verwirrt: „Die Oma hat mich einfach allein gelassen.“

    Nun stelle ich mir vor: ein kleines Kind, allein gelassen in der Fußgängerzone, ängstlich, lernt doch daraus, „Wenn ich nicht mache was andere sagen werd ich nicht mehr beachtet, allein gelassen etc“, oder? Zumindest besteht bei mir diese Sorge, und genau aus dem Grunde (und weil ich Mausis Willen respektiere) würde ich so nie handeln.

    Auf meinen Hinweis hin sagte die Schwiegermutter: „Ihr (Eltern) könnt das gern machen wie ihr möchtet, aber sie soll lernen, dass sie sich bei mir anders zu verhalten hat.“

    Nun, dass ist natürlich Ihr gutes Recht, wenn sie möchte dass unsere Tochter so ein Bild von ihr bekommt, aber was ist mit der psychischen Gesundheit der Kleinen? Diese Situation ist ja nicht die einzige…

    Ich wäre für deine Meinung dazu wirklich sehr sehr dankbar, liebe Aida!

    Herzlichst,
    Agnes

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