„Wenn du gehauen wirst, dann hau zurück!“ – Warum dieser Ratschlag schadet

Foto: cicisbeo

Kaum ein Thema erfüllt mich mit mehr Demut als die seelische Widerstandsfähig von Menschen. Immer wieder erzählen mir meine GesprächspartnerInnen von ihren Herausforderungen, Schicksalsschlägen, existentiellen Krisen, traumatischen Erfahrungen in der Kindheit und im Verlauf ihres späteren Lebens. Die Fähigkeit und die verschiedenen Strategien unserer Seele damit umzugehen, faszinieren mich.

Auf der anderen Seite, sehe ich wie unterschiedlich resilient, also widerstandsfähig, Menschen sein können. Während die einen, große Krisen scheinbar unbeschadet überstehen und die kleinen und großen Problemen des Alltags mit entsprechender Kreativität und Flexibilität meistern, erscheinen für andere diese Dinge unlösbar, sie fühlen sich hilflos und verzweifeln regelrecht daran.

Resiliente Menschen haben ausreichend Selbstvertrauen und ein gesundes Selbstwertgefühl, um mit existenziellen Krisen und die des Alltags umzugehen. Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen erleben sich selbstwirksamer und erfolgreicher, in dem was sie tun und das bildet die Basis, um mit Menschen, Problemen und dem Leben selbst gut zurechtzukommen.

Es wird kaum jemanden überraschen, wenn ich nun behaupte, dass das Fundament für ein hohes Maß an seelischer Widerstandsfähigkeit in der Kindheit gelegt wird.

Viele Menschen denken, dass das Leid – insofern sie dies überhaupt erst als solches erkennen und sich eingestehen können -, welches sie einst als Kind selbst erfahren haben „sie zu dem gemacht hat, was sie heute sind“. In der Regel wird dieses Argument als etwas Positives herangezogen, um zu beweisen, dass übergriffiges Verhalten durch Eltern oder andere erzieherische Personen ihnen nicht geschadet habe. Schlimmer noch, es wird nicht selten zur Rechtfertigung der eigenen lieblosen Übergriffigkeit genutzt, schließlich dürfe man Kinder ja nicht „mit Samthandschuhen anfassen“. Die schlechte Nachricht aber ist, es hat ihrer Widerstandsfähigkeit leider vermutlich sehr wohl geschadet und anders als erhofft, macht es Kinder alles andere als für das Leben stark. Es schwächt sie sogar ganz nachhaltig.

Warum ist das aber so?

Resilienz wird durch die enge emotionale Bindung zu den wichtigsten Bezugspersonen in der Kindheit überhaupt erst ermöglicht. Sie ist das Resultat einer Beziehung, die uns positive Erfahrungen bietet, indem diese uns Schutz, Orientierung, Unterstützung, Anerkennung und vor allem bedingungsloser Liebe erfahren lässt. Menschen, die mit Konflikten und Problemen kreativ und flexibel umzugehen wissen, hatten in der Regel auch entsprechende Vorbilder und sie haben das Vertrauen in sich und in die eigenen Fähigkeiten mit den Widrigkeiten des Lebens ebenfalls fertig werden zu können.

Häufige Kritik und Niedermachen, Strafen, ständige Vergleiche zwischen Geschwistern oder Mitschülern, überhöhte Erwartungen, Fremdregulation und das Gefühl nur dann geliebt zu werden, wenn man die Bedingungen anderer erfüllt, schwächt hingegen das Selbstwertgefühl nachhaltig. Nicht wenige Erwachsene machen sich in der Folge dieser Erfahrungen in der Kindheit selbst klein, indem sie geringschätzig über sich denken oder gar reden. Sie trauen sich selbst wenig zu, haben Angst vor alles, was neu ist und sind schnell frustriert und gestresst. Sie geraten außerdem schnell in Abhängigkeiten aller Art. Sei es von der Anerkennung anderer oder auch von Substanzen, die sie von ihrer inneren Leere ablenkt.

Nicht selten melden sich Eltern bei mir mit der Frage danach, wie sie ihre Kinder stärken können. Diese wurden im Kindergarten, auf dem Spielplatz, Zuhause oder in der Schule Opfer von Angriffen anderer Kinder und die Eltern haben den Eindruck, sie würden sich nicht wehren. Manchmal geht es darum, dass die Kinder bei Herausforderungen aller Art schnell aufgeben und frustriert sind. Noch viel öfter aber sind es die Erwachsenen selbst, die nicht genau wissen, was sie können und wollen, die mich kontaktieren. Die Themen sind natürlich alle sehr individuell und entsprechend komplex, um es auf die Frage der seelischen Widerstandsfähigkeit zu reduzieren. Aber Resilienz ist sehr oft der gemeinsame Nenner oder die Summe aller Themen.

Was kann also genau getan werden, um Kinder zu stärken?

Die Reise beginnt – wie so oft – bei sich selbst. Vorleben ist einer der wichtigsten Aufgaben von uns Eltern. Daher kann die Antwort zunächst nur lauten:

Finde heraus, wer du bist, was du brauchst, was du kannst und was du willst. Steigere damit dein Selbstwertgefühl und dein Selbstvertrauen. Werde selbstwirksam im Leben und selbstsicherer im Umgang mit Konflikten und größere Krisen. Sorge für dich und lebe deinem Kind das vor! Mehr zu diesen Themen kannst du Hier, Hier und Hier nachlesen.

Viele Eltern denken, sie müssten etwas beim und am Kind tun. Sie suchen – oft unbewusst – nach Funktionalität, nach einem Schalter, ein Wort, eine Botschaft, welche das Kind scheinbar mutiger und stärker macht. Dabei sind es wieder wir Eltern, die etwas tun müssen:

Sei für dein Kind da! Nimm es ernst! Interessiere dich für dein Kind! Liebe es bedingungslos! Wenn ein Kind um Hilfe bittet, dann helft und gebt den erhofften Schutz! Das sind nämlich genau die Dinge, welche das Selbstwertgefühl eines Menschen stärken.

Das ist übrigens auch der Grund, warum unbedachte, oft erzieherische Ratschläge wie „Wenn du gehauen wirst, dann hau zurück!“ schaden können. Eltern, die ihren Kindern so etwas sagen, wollen ihre Kinder stärken. Sie wollen, dass sie selbstbewusst werden und anderen, die ihnen schaden wollen, die Stirn bieten. Die Kinder sollen Selbstbewusst und nicht zum Opfer werden. Doch ihre positive Intention sendet genau die gegenteilige Botschaft. Nicht nur, dass sie den Teufelskreis der Gewalt hiermit befeuern und Gewalt als Mittel der Wahl legitimieren, sie sagen damit „Ich helfe dir nicht. Du musst alleine zurechtkommen!“.

Schickt eure Kinder nicht weg mit wohlgemeinten Ratschlägen, die oft sogar konträr mit euren Werten einhergehen!

Kinder, die ihre Eltern ganz konkret um Hilfe bitten, haben hier eine Strategie der Problemlösung gewählt, die bei genauer Betrachtung, viel reifer ist als der Vorschlag der Eltern zurückzuschlagen. Sie suchen Schutz! Sie wollen Unterstützung! Gewalt ist – warum auch immer – nicht ihre Strategie, sonst hätten sie diese eingesetzt. Anstatt dessen wenden sie sich an einen Erwachsenen und bitten um Hilfe. In dem Moment, wo sie gehört werden und Unterstützung erfahren, erleben sie, dass sie es wert sind. Sie erfahren Anerkennung für ihre Strategie. Das zeigt ihnen ihre Selbstwirksamkeit in der Lösung von Problemen und sie gewinnen an Selbstvertrauen. Dafür müssen sie nicht selbst zuschlagen.

Hilfe zu holen ist eine wunderbare und äußerst reife Strategie zur Konfliktbewältigung! Für Kinder und Erwachsene!!!

Neben der Fähigkeit zur Bitte um Hilfe und Unterstützung, das Selbstvertrauen in die eigenen Stärken zur Lösungsfindung, der Selbstwirksamkeit und somit das Vertrauen daran auf das eigene Leben Einfluss nehmen zu können, wodurch die Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben und Handlungen erst möglich wird (lese dazu auch mein Artikel Mein Kind macht mich fertig!), bildet das Wissen nicht alleine zu sein, einen wunderbaren Rahmen für die Ausbildung von seelischer Widerstandsfähigkeit.

Eine enge emotionale Bindung, echtes Interesse am Kind, die Freiheit und den Raum zum Sein sowie ein bedürfnisorientiertes Umfeld bieten gute Voraussetzungen für das Meistern von allen zum Leben dazu gehörenden Widrigkeiten. Wir können unsere Kinder nicht davor schützen Probleme, Konflikte und Krisen zu durchleben, aber wir können sie mit unserer bedingungsloser Liebe und durchs Vorleben auf das Leben vorbereiten, um mit den auftretenden Problemen fertig zu werden.

Saluditos & Axé

Aida S. de Rodriguez

 

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About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

16 Comments

  • Claudia

    Reply Reply 19. August 2016

    Situation: kleines Mädchen im Kindergarten nimmt meiner Großen was weg oder schubst sie. Ihre Reaktion: heulen und zu Mama laufen. Nicht einmal der Ansatz um ihre Rechte zu kämpfen. Gut, sie holt sich Hilfe. Aber irgendwann ist Mama nicht mehr bei ihr. Auch wird sie irgendwann groß sein und niemanden finden, der noch größer ist um ihr zu helfen. Und nicht in jeder Situation hat man die Chance Hilfe zu holen.
    Man muss doch gelernt haben, auch mal sich selbst zu helfen und damit seine eigenen Stärken kennenzulernen.

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 13. September 2016

      Hallo Claudia,

      ihre Tochter ist im Kindergarten, also sind ihre Freunde und „Kontrahenten“ ebenfalls sehr klein. Hier kannst du zum Beispiel nachlesen, warum kleine Kinder auf diese Art kommunizieren: http://elternmorphose.de/6-gruende-warum-kleine-kinder-hauen/

      Ja, auch ich erachte es für wichtig, dass Menschen sich in Akut-Situationen zu helfen wissen. Und das tun sie in der Regel immer dann, wenn sie die Erfahrung machen dürften, dass auch ihre Grenzen wichtig sind und ihre Integrität respektiert wurde. Das beginnt nicht mit dem Abwehren von vermeintlichen Angriffen anderer Kinder im Sandkasten an, sondern in der Beziehung von und zu uns Eltern. Wie respektvoll gehen wir zum Beispiel in der Autonomiephase mit unseren Kindern um, wenn sie zum Beispiel nicht baden oder die Windeln wechseln wollen? Werden wir übergriffig oder lassen wir unseren Kindern die Erfahrung, dass nur sie über ihren Körpern bestimmen dürfen?
      Achten wir darauf auf jegliche Form der körperlichen Gewalt zu verzichten oder zerren wir unsere Kinder doch mal morgens am Arm aus dem Haus?

      Und dann ist da noch die Sache mit „du musst dich wehren, um nicht zum Opfer zu werden“, die diesem zu verstehen gibt, er habe etwas falsch gemacht und es läge einzig an ihm die Situation zu ändern. Und das ist ein ganz schrecklicher Glaubenssatz.

      Wir sollten beginnen einander besser zuzuhören. Warum hauen kleine Kinder? Warum tun es große Menschen ebenfalls? Was fehlt ihnen? Was brauchen sie?
      Was braucht mein Kind, wenn es bei mir Schutz sucht?

      Alles Gute
      Aida

  • Magnus aka MJKW

    Reply Reply 20. August 2016

    Mein Beitrag geht in eine ähnliche Richtung wie der Vorgehende: selbst Herausforderungen meistern und den Erfolg dabei erfahren gehört zu einem der wichtigen Bausteine von Selbsterfahrung und Selbstermächtigung und damit auch zu einem der Bausteine der Resillienzentwicklung. Das widerspricht ja nicht dem o.a. fehlt aber im Artikel als Aspekt. Kinder haben nicht umsonst einen starken „Selber machen“ Impuls. Und ein Vorleben von klugen Umgang mit körperlicher Auseinandersetzung kann sich m.a.n. nicht nur in „ich hol mir Hilfe“ erschöpfen (ohne die Erfahrung „Ich bekomme Hilfe wenn ich mir welche suche“ zu schmälern, das ist mir wichtig! Zu lernen sich externe Unterstützung zu holen ist extrem wichtig und Teil der Selbst Ermächtigung). Hilfe durch Eltern oder andere ist (und sollte, schönen Gruss an die Helikopterelternfraktion da draussen) nicht immer und rechtzeitig da, das gilt es m.a.n. zu berücksichtigen.

  • Sven

    Reply Reply 20. August 2016

    Liebe Claudia,

    anscheinend scheint somit der Weg, den Sie mit Ihrer Tochter bisher eingeschlagen haben, der falsche zu sein.
    Ohne jetzt tatsächliche Wesenszüge ihres Mädchens zu kennen.

    „Man muss doch gelernt haben, auch mal sich selbst zu helfen und damit seine eigenen Stärken kennenzulernen.“

    Hier scheint in ihrer beider Leben noch Spielraum nach oben zu sein.
    Die Person von der ihre Tochter bisher am meisten gelernt hat, dürften im besten Falle sie selbst sein. Hier scheint genau das zu Fehlen was im Beitrag oben behandelt wird.

    Ihrer Tochter fehlt es einfach an Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen.

    Als Vater einer sehr empathischen und sehr zartfühlenden Tochter würde ich Ihnen folgenden Rat mitgeben.
    Begleiten Sie ihre Tochter. Begeben sie sich mit ihr in diese ängstigende Situation und helfen ihr dabei, sich selbst zu helfen.
    – Sagen Sie ihr was sie zu dem Mädchen sagen soll, und lassen sie es ihre Tochter widerholen.
    – Begleiten Sie ihre Tochter zu einem/einer Erzieherin und helfen sie ihr sich bei einer Aufsichtsperson Hilfe zu holen.
    – Beginnen Sie mit leichtem Kontakt zu fremden. Lassen sie ihre Tochter das Eis in der Eisdiele selbst bestellen, geben ihr aber vorher die richtigen Worte vor. Lassen Sie sie das Geld zum Bezahlen der Bedienung selbst in die Hand geben.

    All diese kleinen Dinge stärken das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen ihres kleinen, großen Mädchen und helfen ihr Situationen selbst zu bewältigen.

    Aber auch hier gilt… Bieten sie diese Möglichkeiten an. Bezahlen bei der Bedienung, bezahlen am Kassenautomat im Parkhaus, eigenes Essen und Trinken bestellen bei der Bedienung, aber erzwingen Sie es nicht.
    Wir haben es so gemacht das wir unserer Tochter die Worte vorgegeben haben: „Ich hätte gerne eine Apfelsaftschorle mit einem Strohhalm bitte.“ Und wenn unsere Tochter das Bestellen verweigerte, aus Angst, oder Scham oder Unsicherheit, dann haben wir für sie bestellt. Aber auch mit genau diesen Worten die wir ihr vorgegeben haben.

    Nach einer gewissen Zeit normalisieren sich die Situationen und heute bestellt sich ganz sicher alles selbst, auch in ganz fremden Lokalen, und sie verteidigt ihre Position auch anderen Kindern gegenüber. Nicht immer ohne die Hilfe der Erzieherin, aber sie stellt sich selbst der Situation und sucht dafür eine angemessene Lösung.

    Stärken Sie einfach die Autonomie ihres Kindes, mit vielen, für uns selbstverständlichen, Kleinigkeiten. Und mit jeder selbst gemeisterten Situation wächst sie innerlich und fasst neuen Mut.

    Ich wünsche Ihnen und ihrer Tochter eine wunderbare Zeit und viele kleine, autonome Kleinigkeiten bis sie ihren Weg zu einer starken und selbstbewussten Persönlichkeit gefunden hat.
    Mit freundlichem Gruß

  • Carola

    Reply Reply 21. August 2016

    Ich bringe meinen Kindern bei, sich mit Worten zu wehren, soll heißen, verbal ihre Grenzen und Bedürfnisse deutlich zu machen. Wenn das nichts nützt, sollten sie Lehrer*innen oder Erzieher*innen um Unterstützung bitten. Auch als Erwachsener kann man im Bedarfsfall idealerweise Hilfe von anderen erwarten, sei es in Form von Zivilcourage durch nette Mitmenschen oder durch die Polizei.

  • Clara

    Reply Reply 22. August 2016

    Ich bin als Grundschülerin von den Mitschülern gemobbt, gehänselt und körperlich angegriffen worden. Es war ein Horror. Jeden Tag kam ich weinend nach Hause, weil es sich nicht mit Worten stoppen ließ. Meine Mutter war überfordert, sie sprach mit den Lehrern, den aufsichtsführenden Lehrern in den Pausen und auch mit den Eltern der Jungen, und doch konnte sie nichts bewirken. Meinetwegen gab es auch eine Klassenkonferenz, in der die Lehrerin mit der Klasse über das Verhalten (der Schüler) mir gegenüber sprach. Danach wurde es nur noch krasser. Die Situation eskalierte.
    Ich hatte von von herein eine Abneigung dagegen mich körperlich auseinanderzusetzen. Meine Mutter sagte irgendwann einmal: „Dann wehr dich doch endlich mal!“ was ich dann auch tat.
    Ich kämpfte eine Pause lang mit meinem ärgsten Widersacher, dem ich nur knapp unterlegen war. Das war das letzte Mal, dass mich meine Mitschüler ärgerten. Der Horror war beendet.
    Fazit: Wer sich nur mit Worten wehren und nicht auch im Notfall auch körperlich werden darf, der geht in solchen Gemeinschaften unter. Der wird auf Opferdasein eingestellt und wird es nicht mehr los, obwohl er nichts falsch gemacht hat.
    Manche verstehen nur eine Sprache, da hilft auch kein Reden.

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 13. September 2016

      Hallo Clara,

      deine Geschichte berührt mich sehr. Es muss eine sehr belastende Zeit gewesen sein und ich hoffe für dich,dass du hast einen Weg gefunden mit diesen traumatisierenden Erfahrungen umzugehen.

      Ich lese in deinen Ausführungen, dass viel geredet wurde. Die Frage, die sich bei mir immer schnell einstellt ist „Wurde auch ZUGEHÖRT?“. Wir Erwachsene neigen dazu uns auf das Verhalten zu fokussieren und Menschen danach zu beurteilen. Wir machen uns sehr selten die Mühe die Ursachen zu erforschen, sondern versuchen immer wieder Symptome zu bekämpfen. Das wäre nicht deine Rolle gewesen, aber doch der verantwortlichen Erwachsene. Hier allen voran der Schule.

      Als Eltern ist es unsere Aufgabe unsere Kinder zu schützen und ich bin persönlich überzeugt, dass es nicht notwendig ist, unsere Kinder zur Gewalt aufzurufen. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns nicht verteidigen dürfen. Natürlich würde ich mich wehren, wenn ich angegriffen werde! Und selbstverständlich sollen auch meine Kinder dies tun können und dürfen (deswegen halte ich auch nichts vom Glaubenssätze „man darf nicht hauen!“). Doch geht es hier darum, dass du und auch die Kinder in meinen Artikel sich eine andere Strategie überlegt haben, nämlich die des „ich hole Hilfe“. Die akute Situation war ja bereits vorbei. Und diese Strategie wird in der Überforderung (und das Ausmaß dessen wird in deiner Beschreibung sehr deutlich) mit einem „hau zurück“ quittiert. Diese Hau-Strategie ist aber genau das: ein Zeichen der Überforderung. Wir schaffen es nicht unsere Kinder aus der persistierenden Bedrohung zu holen und antworten ebenfalls mit Gewalt und das bereits im Sandkasten…

      Es geht nicht um die konkrete Gefahrensituation, sondern um das bewusste darauf ansetzen und um die offensichtliche Ohnmacht, die hier zum tragen kommt.

      Alles Gute
      Aida

  • Sven

    Reply Reply 25. August 2016

    @ Clara

    Das sehe ich komplett anders.
    Ich wurde auch in der Schule gehänselt, wie so ziemlich jeder mal in seinem Leben das Opfer war.
    Hier ist jedoch bereits in der Grundschule ganz wichtig das das Kind Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen hat, und mit Sicherheit weiß, das es von den wichtigen Menschen in seinem Leben geliebt und geachtet wird.
    Ich wurde zwar gehänselt, auch ausgegrenzt, aber mir war es gänzlich egal.
    Wer mich nicht so akzeptieren kann wie ich bin, wieso sollte ich dann versuchen diese Person dazuz zu bewegen, das sich sein/ihr Weltbild von mir ändert?
    Mit Gewalt?
    Sehe ich gänzlich falsch.
    Gewalt erzeugt nur Gegengewalt und in einer Gesellschaft in der Gewalt das einzige Kommunikationsmittel zu sein scheint, dann tut es mir leid, aber dann werden meine Kinder nie ein Teil einer solchen Gesellschaft werden.

    Bis zu einem Gewissen Teil muss man sich an seine Umgebung und an seine Gesellschaft anpassen. Aber wenn ich anfangen muss dafür meine Werte und meine Prinzipien zu verraten, dann will ich lieber kein Teil dieser Gesellschaft sein.

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 13. September 2016

      Lieber Sven,

      vielen Dank für die deutlichen Worte! Ich teile weitestgehend deine Meinung!

      Ich mag nur zwei Dinge aufgreifen und einer anderen Perspektive geben: Nein, es ist nicht normal in der Schule gehänselt zu werden oder Opfer zu werden. Das dürfen wir auch gar nicht erst einfach so hinnehmen!

      Menschen wollen sich in der Regel anpassen, denn wir sind kooperative Wesen, die das starke Bedürfnis nach Zugehörigkeit haben. Wir müssen es nicht. Wir wollen es. Und ja, wenn Anpassung heißt, sich selbst aufzugeben, dann rücken andere, ebenfalls wichtige Bedürfnisse nach Integrität und Autonomie in den Vordergrund.

      Danke und alles Gute
      Aida

  • Katja

    Reply Reply 1. September 2016

    Mein Sohn ist 20 Monate alt und haut uns gerne mal… Einfach so ohne Grund (manchmal hab ich das Gefühl er will uns schon provozieren). Er haut auch manchmal andere Kinder mit denen er spielt, wenn die was machen was ihm nicht passt. Mein Mann und ich erklären ihm immer wieder, dass er nicht hauen soll und dass das weh tut, aber es wird nicht besser. Was können wir denn machen um ihm klar zu machen, dass das der falsche Weg ist?

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 13. September 2016

      Hallo Katja,

      das Verhalten eures Sohnes ist vollkommen Altersgerecht. Er will nicht provozieren, sondern er sucht Kontakt und möchte kommunizieren.

      Hilfreich ist es, das verhalten weniger zu kommentieren, dafür aber Alternativen anzubieten: wenn er dich oder dein Mann schlägt, schiebe seine Hand sanft zur Seite (falls es weh tat, drücken sie es auch aus „Aua“) und versuche für ihn zu verbalisieren „Oh, wolltest du gerade mit mir sprechen?“. Wenn er dazu neigt, andere Kinder zu schlagen, dann ist es wichtig ihn hier derzeit ein wenig enger zu begleiten und solche Situationen möglichst zu antizipieren, so dass ihr 1. seine Hand umlenken könnt und so schlimmeres verhindern sowie ihm Alternativen vorleben, 2. sein Wunsch verbalisieren könnt „wolltest du gerade mit dem Auto spielen?“ und 3. ggf. andere Kinder trösten könnt.

      Ich habe dazu bereits ein Artikel geschrieben und denke, es könnte euch eine große Hilfe sein: http://elternmorphose.de/6-gruende-warum-kleine-kinder-hauen/

      Alles Gute
      Aida

  • Tine

    Reply Reply 20. März 2017

    Liebe Aida,
    ich weiß, man sollte vieles je nach Situation angehen. Wenn aber kalt ist was der Grund ist (beide Kinder wollen den Bagger), wie kann ich meinem Kind helfen das immer zurück steckt und weint? Natürlich nehme ich sie in den Arm und tröste, aber mehr als „der will auch mit dem Bagger spielen, du kamst warten bis er fertig ist“ fällt mir einfach nicht ein. Ach so, es geht hier um öffentliches Spielzeug. Oder anderes Beispiel Rutsche auf dem Spielplatz. Hier lässt meine die anderen immer vor, klettert teilweise die Stufen wieder runter weil die anderen von hinten drängen. Sie kann das einfach nicht haben und fängt irgendwann an zu weinen weil sie auch rutschen will. Bisher gehe ich irgendwann wieder mit ihr hin und versuche die anderen Kinder zurück zu halten (mit Wortrn), aber das funktioniert ja auch nicht immer.
    Kannst Du mit hier irgendwelche Hinweise geben?

  • Susanne

    Reply Reply 2. April 2017

    Danke für den Artikel, Aida. Ein Thema, an dem ich regelmäßig gedanklich hänge. Einen wichtigen Aspekt vielleicht noch zu gewalttätigen Schulsituationen: es gilt auch, die Kinder aufmerksam auf sowas zu machen. Dass sie nicht wegsehen und anderen helfen. In der Akutsituation durch Hilfe holen, aber auch danach. Frühe Zivilcourage sozusagen. Hatten hier einen Fall hier in der Grundschule wo während des Verprügelns andere Kinder es sahen und weiter Fußball spielten.

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