„Original Play“ im Kontext sexuellen Missbrauchs an Kitas

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Was für ein Tag. Ich liege mit Fieber im Bett und habe alle Termine außer Haus abgesagt. Meine Kinder und mein Mann waren die ganze Woche krank, nun bin ich wohl dran. Doch mein Telefon weiß nichts davon und es klingelt unaufhörlich. Anfragen zur Prozessbegleitung und Vorträge in Kitas und interkulturellem Verein sowie zur Beratung zur Schulgründung. Dazwischen versuche ich Termine der Schule zu koordinieren, verzweifle an Dienstpläne, schreibe E-Mails und führe Telefonate. Nächste Woche erscheint mein Buch, hier und da ist noch etwas in Klärung, meine Buchpremiere noch in Absprache. Der normale Alltagswahnsinn, welchen ich mit brummendem Kopf sofort zur Seite legen sollte, um einfach mal krank zu sein. Wäre da nicht der eine Artikel in einer meiner liebsten Facebook-Gruppen. Wenig später sollte sich auch mein Verlag hierzu bei mir melden…

<<Warnung vor Kita-Spiel „Original Play“ – „Einladung zu Übergriffen an Kindern“>>, titelt Der Tagesspiegel. Gestern um 22:45 Uhr strahlte der ARD eine Sendung mit dem Titel „Kindesmissbrauch in deutschen Kitas“ aus.

Ich erstarre für einen Augenblick.

Die Worte, die ich lese, passen nicht zu den Erfahrungen, die ich einst machte. 2016 belegte ich hier in Berlin einen dreitägigen Workshop zu „Original Play“ bei Fred O. Donaldson und den beiden europäischen TrainerInnen. Ich empfehle das ursprüngliche Spiel in meinem am Montag erscheinenden Buch in einer kurzen Erwähnung und hatte den großen Wunsch „Fred“ bei seinem anstehenden Besuch in Berlin für einen Workshop, auch bei uns in der Schule, einzuladen. Kennengelernt hatte ich seine Arbeit erstmals bei einem Online Kongress. Wir beide wurden als Experten eingeladen und sein Interview machte mir große Lust auf mehr. Bis zum heutigen Tag stand „Original Play“ für mich für eine zutiefst respektvolle Haltung zum Kind. Eine Einladung an Erwachsene sich dem Flow des Spiels hinzugeben und der Einladung der Kinder zu folgen. Bindung, Respekt, Achtsamkeit, Freude, Spiel, Liebe. Das sind die Dinge, die mir dazu einfielen.

„Fred“ kommt nicht wirklich gut weg im Film des ARD. Die Ausschnitte erfüllen seinen Zweck. Meine Erinnerungen an ihn sind andere und die Ausschnitte im Film im ursprünglichen Kontext ungewohnt, aber alles andere als verdächtig oder gar „pervers“.

Meine Teilnahme am dreitägigen Workshop berechtigte mich nicht dazu in Kitas zu gehen und das ursprüngliche Spiel anzubieten. Vielmehr verstand ich es als Zugang selbst mitspielen zu können. Die im Artikel als auch in der Sendung beschriebenen Vorgänge entsprechen demnach mit Nichten mein Erleben. Ich blieb im Rahmen des Workshops beim Spiel mit Kindern selbst als Zuschauerin im Hintergrund, weil ich noch nicht das Selbstvertrauen hatte, mich darauf einzulassen. Wer nicht mitmachen wollte, wurde nicht bedrängt. Alle Kinder wurden von ihren Eltern begleitet und kamen auch erst am letzten Tag dazu als alle in einem respektvollen Umgang eingewiesen waren. Hierzu gehörte auch, welche Berührungen und Positionen zum Schutz aller – absolut tabu – sind. Sexueller Missbrauch wurde proaktiv benannt. Etwas, was ich in anderen Kontexten oft vermisst habe.

Nun liege ich hier in meinem Bett und ringe nach den richtigen Worten. Neben mir ein Stapel Bücher:

„Von Herzen spielen. Die Grundlagen des ursprünglichen Spiels“ von Fred O. Donaldson. Akribisch suche ich nach den von Herrn Brisch im Interview mit dem rbb erwähnten Textpassagen, die seiner Aussage nach, sich „wie eine Anleitung für Pädophilie“ lesen. Ich schätze Herr Karl-Heinz Brisch, seine Arbeit und Meinung sehr, aber ich bin verwirrt. Also schreibe ich ihn an und frage nach, welche Textpassagen dies sind. Habe ich etwas übersehen? War ich seinerzeit aus Mangel an Kenntnissen und Erfahrung einfach blind für das Offensichtliche? War das damalige Überfliegen des Buches fahrlässig?

Gleich daneben liegt das Buch von Michael Tsokos und Saskia Guddat „Deutschland misshandelt seine Kinder“, in dem sie schonungslos die Fakten und Zahlen von Gewalt an Kindern auf den Tisch legen. Sie zeigen vor allem, wie ein ganzes System versagt. Eindrucksvoll auch ganz aktuell im Film „Systemsprenger“ der Regisseurin Nora Fingscheidt zu sehen. Das Mädchen Benni ist hochgradig aggressiv. Sie schreit nach Liebe. Alles, was sie braucht ist Bindung. Doch genau diese bekommt sie aus professioneller Distanz und Überforderung aller Verantwortlichen eben nicht.

Bindungsangst.

Ich würde wirklich wissen, wie Herr Brisch zu seiner Einschätzung kam…

In der Hand halte ich ein weiteres Buch, welches ich ganz aktuell lese: „Seelenprügel“ von Anke Elisabeth Ballmann. Sie beschreibt darin, was sie in Kitas in den vergangenen zehn Jahren erlebt hat und ich kann jede Einzelne ihrer Erfahrungen bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht nur bestätigen, sondern mit meinen eigenen regelrecht vorhersagen. Schließlich schreibe ich seit einigen Jahren über genau diese unhinterfragte erzieherische Gewalt, die unsere Kinder alltäglich unter dem Deckmantel der Erziehung wiederfährt. Untermauert wird diese Feststellung mit dem Dokumentarfilm „Elternschule“ der Regisseure Jörg Adolph und Ralf Bücheler, dessen gezeigten Methoden auch Herr Brisch scharf kritisierte. Es sind diese diffusen und autoritären Strukturen sowie der fachliche Mangel, welche Frau Ballmann in ihrem Buch verdeutlicht, die Missbrauch im institutionellen Umfeld ermöglichen. Seelengewalt, aber auch sexuelle Übergriffe und Missbrauch.

Herr Horst Seehofer, unser Innenminister, sagte nach dem Attentat in Halle die Gamer-Szene stärker ins Visier nehmen zu wollen. Einen Schuldigen schien ausgemacht.

Mir scheint hier ist es ähnlich und ein Angebot muss für das systemische und strukturelle Versagen Vieler herhalten. Es hätte vielleicht auch Kinderyoga an der Stelle von „Original Play“ nun am Pranger stehen können. Vielleicht. Der fade Beigeschmack bleibt.

Laut ARD-Bericht hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt, die Beschuldigten sind an andere Arbeitsstellen versetzt worden. Die Behörden in Hamburg und München würden das ursprüngliche Spiel aber nun in Kitas verbieten wollen. Thema erledigt.

Ich lese und höre nichts von Aufarbeitung und Schutzkonzepte. Kein Wort darüber, dass sexueller Missbrauch an Kindern all gegenwärtig ist und wir ein massives Problem haben, dessen Ursachen viel zu komplex sind als das wir einen Schuldigen benennen könnten. Eltern. Kitas. Schulen. Sportvereine. Die katholische Kirche. Original Play. Berührungen. Bindung.

„Ist Original Play, […], eine Einladung für Leute, die Kinder missbrauchen wollen?“, fragt der rbb Fred O. Donaldson im Interview. Dieser antwortet: „No, not more than parenting is.“ (Übersetzung laut rbb: „Nein, nicht mehr als Eltern kuscheln.“)

Ich habe noch ein weiteres Buch in meiner Nähe: „Grenzen halten. Schutz vor sexuellen Missbrauch in Institutionen. Ein Handbuch für die Praxis.“ von der Herausgeberin Ursula Enders. Und genau das fehlt mir in der Berichterstattung: Aufklärung und die Auseinandersetzung mit Strategien der TäterInnen sowie mit den Strukturen, die Missbrauch begünstigen. „Ein Täter kommt niemals allein!“ steht bereits im Inhaltsverzeichnis des Buches. Es sind laut ARD-Bericht mehrere Kinder Opfer sexualisierte Gewalt in Einrichtungen geworden. Das ist hochtraumatisierend und bedarf keiner weiteren fachlichen Einschätzung dessen oder die Bestätigung, man glaube den Kindern. Kindergartenkinder erfinden solche Dinge nicht. Diese Kinder und ihre Eltern brauchen dringend therapeutische und fachliche Hilfe. Ebenso offensichtlich aber auch die verantwortlichen Institutionen. Auch diese werden durch solche Übergriffe in ihren Reihen hochgradig traumatisiert. Zugleich sind sie in der Verantwortung und müssen sich umgehend mit Schutzkonzepte auseinandersetzen. Es ist nicht damit getan sich „Erweiterte Führungszeugnisse“ vorzeigen zu lassen. Das ist höchsten eine Absicherung durch „Dokumentation“. Den Kindern hilft das recht wenig.

Die Verantwortlichen hinter „Original Play“ werden sich ebenfalls ausführlicher mit Schutzkonzepte und den Vorwürfen auseinandersetzen müssen. Wie die Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg oder Attachtment Parenting nach Sears kann auch die Haltung hinter Original Play zur Methode verkommen und missbräuchlich eingesetzt werden. Es sind ja am Ende die Menschen, die sich die Dinge zu nutzen machen, auf die wir achten müssen.

Ich weiß um den Schmerz einer Mutter, wenn ihr eigenes Kind zum Opfer eines sexuellen Übergriffs wird und ich weiß, um die Verantwortung, die mit der Arbeit in einer Institution einhergeht. Daher wünsche ich allen involvierten Personen viel Besonnenheit bei der Aufarbeitung und im Umgang mit den Geschehnissen. Insbesondere aber wünsche ich den Kindern einfühlsame Erwachsene, die ihnen dabei helfen das Erlebte zu verarbeiten. Wir als Gesellschaft können unterstützen, indem wir das Tabu brechen, betroffenen Kindern, ihren Familien und Institutionen Hilfe zukommen lassen und auf polemische und reißerische Berichtserstattung sowie einfältige Problemlösungsstrategien verzichten.

Mit großer Betroffenheit,

Eure

Aida S. de Rodriguez

 

PD: Ein kleiner Nachtrag. Herr Brisch stellte mir den Link zum Bericht des ZIB-2 zur Verfügung. Diesen erlebe ich deutlich differenzierter und auch sein Interview ist sehr ausführlich. Darin erklärt er, wie er zu seiner Einschätzung kommt. Hier der Link: https://tvthek.orf.at/profile/ZIB-2/1211/ZIB-2/14029936

Ich teile an vielen Stellen seiner Einschätzung. In meiner Wahrnehmung bleibt es jedoch bei einer Bekämpfung von Symptome. Es ist die Haltung gegenüber Kindern, die solche Strukturen ermöglichen, in denen sich TäterInnen Zugang verschaffen. Egal, ob sie spielen, Yoga oder Capoeira machen.

 

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About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

3 Comments

  • Evelin Hager

    Reply Reply 25. Oktober 2019

    Liebe Aida,

    danke, dass Du Deine Gedanken zum Thema teilst sowie Deine Erfahrungen mit „Original Play“. Ich sah in einer Sendung von RBB eine Videoaufnahme, in der André Stern während einer entsprechenden „Schulungsveranstaltung“ mit seinem Sohn zu sehen war. Das machte mich doch sehr stutzig. 😉 Ich denke, die öffentlichen Medien versuchen eben alles, um ihre Quoten hoch zu halten.

    Was Du beschreibst, passt für mich so besser.
    Liebe Grüße, Evelin

  • Dörte

    Reply Reply 25. Oktober 2019

    Liebe Aida,
    ich danke Dir für Deinen differenzierten Artikel, den ich an vielen Orten teilen werde.
    Mir geht es wir Dir – ich bekomme das, was ich in den Workshops, von Fred und seinem Team erfahren habe, nicht mit den Vorwürfen zusammen. Dazu ist das „gelernte“ Setting alles andere, als Übergriffsfreundlich! Mich macht es sehr betroffen, dass nun Worte, wie „Sekte“ oder auch „Methode für Übegriffe“ fallen und ich frage mich auch, ob ich blind war. Aber: es ist so wie Du schreibst – wenn ein Übergriff geschieht, sind es viele Faktoren, die ihn ermöglichen, bzw. nicht verhindern, nicht zuletzt die Strukturen… Jetzt schaue ich mir mal das Interview von Hrn. Brisch an.
    Herzliche Grüße und danke für Deine Arbeit!
    Dörte

  • barbara

    Reply Reply 28. Oktober 2019

    das ist ein schwieriges thema.
    mich erinnern die videos zum einen an das rangeln und toben, wie man es mit den eigenen oder befreundeten kindern macht, zum anderen an contact-improvisation, eine tanzform mit viel körperkontakt.
    das erste macht man normalerweise aber eben nur mit den eigenen oder vertrauten kindern, das heißt, es gibt ein vertrauen oder sogar eine emotionale intimität. das zweite ist eine tanzform für erwachsene, die durch ihr alter (meist) reif genug sind, ihre grenzen und auch die des gegenübers zu wahren.

    ich zweifle nicht daran, dass das konzept nur gut und völlig „unschuldig“ gemeint ist und ein bedürfnis der kinder aufgreift. ganz bestimmt gibt es bei vielen kindern und vielen erwachsenen ein großes bedürfnis nach mehr körperkontakt. in unserer mitteleuropäischen welt ist körperkontakt meist erotisch konnotiert. jenseits des erotischen gibt es körperkontakt fast nur in der familie und auch da oft zuwenig, und sei es nur aus zeitmangel.

    trotzdem sehe ich das original play in einrichtungen wie kindergärten und schulen sehr kritisch.

    das eine problem ist , dass die grenze zur übergriffigkeit, und die muß noch nicht mal sexuell sein, so schwer zu erkennen ist. von außen und manchmal sogar für einen selbst.

    ich habe bestimmt das eine oder andere mal meinen sohn ungewollt etwas zu heftig geschubst , oder zu lange gekitzelt, oder die eine sekunde zu lange festgehalten, als er es nicht mehr wollte. selbst bei höchster achtsamkeit passiert das.

    das andere problem ist, dass kinder eben sich gegen diese übergriffigkeit, gewollt oder ungewollt, viel schwerer wehren können als erwachsene. dass sie ihr unbehagen selbst noch nicht mal richtig einordnen können und der erwachsene immer eine autorität für ein kind darstellt, gegen die es sich gar nicht oder nur sehr zaghaft wehrt unter umständen.

    wenn nun eine ungewollte übergriffigkeit durch VERTRAUTE personen geschieht, glaube ich, dass das besser wieder einzurenken ist, als wenn es durch völlig fremde erwachsene geschieht; dass das kind einem vertrauten menschen auch eher die eigenen grenzen zeigt als einem völlig fremden.

    die gefahr einer gewollten übergriffigkeit ist sowohl bei den eltern als auch bei den spielanleitern gegeben. auch das muß noch nicht mal sexuell sein, es langt, wenn ein erwachsener sein eigenens bedürfnis nach körperlicher nähe an kindern auslebt, vielleicht ist ihm das noch nicht mal bewußt, aber auch das wäre eine art „mißbrauch“. für dieses bedürfnis von erwachsenen gibt es ja spezielle erwachsenen-kuschelkurse.

    zusammengefaßt bin ich der meinung, dass diese art spiel zwar schön gedacht, aber zu heikel ist , als dass völlig fremde menschen sie ausgerechnet mit kindern spielen sollten.

    wenn erwachsene das tun wollen, können sie das selbst entscheiden, ebenso, ob sie einen kuschelkurs besuchen oder contact-improvisation tanzen. (letzteres ist wunderschön, ich kann es empfehlen).

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