Verlassene Kinder – Wenn Beziehung fehlt

nio aburrido

Wir haben einen Wasserschaden im Keller. Den dritten in diesem Jahr, aber den ersten im Keller. Ich hatte mir Ende letzten Jahres vorgenommen, die wenigen Fotos aus meiner Kindheit zu digitalisieren. Es sind nur wenige vorhanden, da mein Vater durch einen – ihr werdet es nicht glauben – Wasserschaden vor vielen Jahren fast alle Alben verlor und mir die verbliebenen schenkte, damit ihnen nichts passiert. Ich sammelte sie in einer Kiste im Abstellraum, da ich sie dort in Sicherheit vor vielen kleinen Kinderhänden glaubte. Dann begann es in der Wohnung bzw. im Badezimmer zu regnen. In der Wohnung über unserer war ein Rohr geplatzt. Der Schaden wurde behoben. Einige Tage später entdeckte ich in der Küche Wasserflecken an der Decke. Zwischen Bad und Küche befindet sich das Abstellzimmer…

Es waren nur eine Hand voll von den wenigen Fotos zu retten. Diese verwahrte ich in einer Plastikkiste, gemeinsam mit einigen Briefen aus meiner Kindheit. Ein paar davon sind mir sehr wichtig, denn viele der Menschen, mit denen ich als Kind schriftlich über den Ozean hinweg kommunizierte, leben nicht mehr oder sind aus anderen Gründen nicht mehr Teil meines Lebens. Die Distanz im Außen wurde zur Distanz im Inneren. Was ich aber nicht wusste: die Kiste hatte einen Riss. Und nun sind auch diese Erinnerungen unwiderruflich dem Wasser zum Opfer gefallen. Offenbar sollten diese Bilder durch Wasser aufgelöst werden.

Ihr fragt euch sicherlich, was das mit dem Titel meines Artikels zu tun hat. In meinem Leben eine ganze Menge, denn ich bin ein sogenanntes Scheidungskind und der Verlust dieser Erinnerungen in Papier- und Bildform zwingen mich zu einer Entscheidung: Lasse ich diese Erinnerungen gehen oder bringe ich sie in mein Bewusstsein, so dass sie wenigstens dort weiter sein können. Während sie da in der Kiste lagen, fühlte ich mich sicher. Ich konnte sie an mich heranlassen und auch wieder fortschicken, nun war es plötzlich an der Zeit zu fühlen. Ich wollte mich noch nicht verabschieden. Nicht so.

Meine Eltern trennten sich als ich 3 Jahre alt war. Laut meiner Mutter war ich ein absolutes Papakind und mein Vater bis dahin ein großartiger Vater. Das kann ich mir gut vorstellen, denn ich durfte viele Jahre später erleben, wie liebe- und hingebungsvoll er mit meinen Halbbrüdern umgegangen ist. Aber ich erinnere mich nicht daran, dass er auch mir einst solch ein Vater gewesen ist. Nach der Trennung meiner Eltern, sah ich ihn vor allem mal am Wochenende im Ferienhaus meiner Oma, zu Besuch bei meinem Opa am Sonntagnachmittag oder zu Weihnachten bei einer meiner Großeltern. Zu anderen Ausflügen nahm er mich selten mit, da ich ihm dafür zu klein war. So holte er meist nur meine Brüder ab. Noch ein Grund, warum es nur wenige Bilder von uns gab. Ich erinnere mich, dass er uns auch in der Schule besuchte. An diese Besuche kann ich mich noch ziemlich genau erinnern. Sie machten mich sehr stolz.



Eine Trennung oder Scheidung muss kein Verlust eines Elternteils bedeuten, aber es passiert sehr oft

Ich habe es als ‚verlassen werden‘ erfahren. Ein Gefühl, welches sich mit jedem „du bist noch zu klein“ oder mit jeder nicht eingehaltenen Verabredung fest zementierte. Ich erinnere mich zum Beispiel auch daran, dass mein Vater einen meiner Brüder einmal vom Papa-Wochenende nicht zurückbrachte und meine Mutter ihn in einer „Nacht und Nebel-Aktion“ wieder nach Hause holte. Alle schimpften auf meinen Vater ein, ich aber fragte mich, warum er mich nie entführen wollte. Ich war überzeugt, dass mein Vater mich nicht liebte und dass ich daran schuld war. Weil ich zu klein war. Mein Vater schaffte es sogar, zu spät zum Flughafen zu kommen, als wir Brasilien vor nun über 24 Jahren verließen. Wir konnten uns nicht verabschieden… Später schrieb er Briefe. Briefe, die nun nicht mehr da sind.

Warum erzähle ich euch das alles?

Kinder werden nicht nur verlassen, weil sich Eltern trennen und eine der Parteien sich „entscheidet“ „sich nicht mehr zu kümmern“. Manchmal werden Kinder verlassen, obwohl alle ständig um sie herum sind. Überforderung, fehlendes Bewusstsein für die Auswirkungen von Erziehung, keine Kenntnisse über die Sprache der Liebe des Gegenübers, falsch verstandene (finanzielle) Fürsorge sowie ebenfalls falsch verstandene Freiheit und die Verwechselung von Selbstbestimmung mit Desinteresse für das Kind können dafür ein Grund sein. Sehr oft merken wir Erwachsene es nicht einmal, schlimmer noch, wir geben alles, was wir können und doch scheint es nicht genug. So habe ich eine unglaublich mutige und starke Mutter, die alleine als Migrantin in einem Land ohne soziale Absicherung drei kleine Kinder großzog und später, zurück in ihrer Heimat, mit drei Kindern, die die Sprache nicht beherrschten, noch einmal von vorne begann. Sie gab alles und noch ein wenig mehr. Und trotzdem reichte es nicht. Ich war frei und selbstbestimmt, doch fühlte ich mich allein und erneut verlassen.

Woran liegt das?

Meine Kollegin Ruth von unerzogen leben schrieb in der unerzogen Gruppe zu dem Thema sehr treffend:

"Wenn wir Erziehung weg lassen, muss da was hin. Und ja, das ist ein Problem. Es gibt genug Eltern, die können keine Beziehung zulassen. Da ist dann Leere. Keine Verantwortungsübernahme. Angst. [...] Beziehungslosigkeit und mangelnde Authentizität sind auch nicht nur da, wenn man Erziehung weglässt, wie werden von der scheinbaren Verantwortungsübernahme durch Erziehung nur übertüncht. [...] Ich begleite jede Menge Eltern, die Angst vor Selbstregulation haben und die erziehen dann an diesen Punkten. Die haben Angst. Das ist okay. Es ist kein Marathon, unerzogen zu leben. Es gibt keine Bestnoten. [...] "Don´t do it if you don´t understand it" ist wirklich ein kluger Ratschlag an der Stelle."



Als ich Mutter wurde, hatte ich noch gänzlich andere Werte als heute

Das wichtigste für mich war es, dass meine Kinder niemals in finanzielle Not geraten sollten. Damals wusste ich nicht, dass mein größeres Problem als Kind nicht die erlebte finanzielle Armut, sondern die erfahrene emotionelle Armut war. Ich dachte, wenn wir das nötige Kleingeld gehabt hätten, hätte sich die Liebe eingestellt. Und ja, sicherlich wäre einiges deutlich einfacher gewesen. Womöglich hätte meine Mutter so sogar die Chance gehabt, ihre eigene Erziehung aufzuarbeiten und Beziehung „auszuhalten“, weil sie sich nicht ums Überleben hätte kümmern brauchen. So wie ich es heute tue, um für meine Kinder präsent sein zu können. Bewusstsein ist schließlich der erste Schritt für Veränderung.

Verlassene Kinder haben oft Eltern, die ebenfalls einst in irgendeiner Weise verlassen wurden, durch Scheidung, Vernachlässigung, Erziehung oder Laissez-Faire, sei es aus Überzeugung oder Überforderung. Auch sie neigen dazu, selbst ihre Kinder zu verlassen. So versteckte ich mich einst hinter meiner Arbeit und muss mich nach wie vor darin üben Beziehung zuzulassen. Meine Mutter war die perfekte Hausfrau, ich bin ein Workaholic. Letztlich taten wir selbiges: wir entzogen uns unseren Kindern und schafften es nicht, in Beziehung zu sein. Wir waren gesellschaftlich betrachtet große Vorbilder und doch vollkommen überfordert mit den Erwartungen und unserer eigenen Geschichte.



Als Kind fühlte ich mich nicht geliebt

Dabei gab meine Mutter ihr letztes Hemd für mich. Und auch mein Vater gab, was er konnte, auch wenn es für mich nie sichtbar wurde. Wir alle geben immer das, was uns gerade möglich ist und das ist das Beste, was wir in dem Moment geben können. Besonders tragisch wird es, wenn wir eigentlich deutlich mehr geben könnten, es aber aufgrund limitierender Glaubenssätze nicht tun. Weil wir Angst haben, unsere Kinder zu verwöhnen sodass sie dann nicht selbständig werden. Oder weil wir denken, wir greifen in ihre Selbstbestimmung ein oder befürchten, dann erzieherisch zu sein.

Kinder gleichwürdig zu behandeln bedeutet auch ihnen ihre Selbstbestimmungsrechte anzuerkennen, genauso wie ihr Bedürfnis auf Begleitung, Zuwendung und Fürsorge. Auch dann, wenn es zum Beispiel um digitale Medien, Zucker oder Hygiene geht. So kann ich einem Kind das Recht „zugestehen“, selbst zu entscheiden, welche Medien es für sich nutzt, einzelne Medien aufgrund meiner Wertung oder Angst limitieren oder verbieten, oder aber ich „erlaube“ es, diese zu nutzen, weil ich Diskussionen leid habe, überfordert bin oder es mir schlicht egal ist. Womöglich aber bin ich in meiner Haltung bereits so klar, dass ich das Recht der Selbstbestimmung gar nicht erst in Frage stelle, kein „zugestehen“ brauche, sondern mich schlicht offen und neugierig mit den Interessen meines Kindes verbinden kann und es in Liebe begleite. Es ist und bleibt eine Frage der Haltung und nicht zuletzt auch der momentanen emotionalen Kapazitäten.



Erziehung, Fremdbestimmung oder aber Laissez-Faire - auch aus Überzeugung; all das lässt Kinder alleine

Weil sie sich nicht gesehen fühlen. Weil sie denken, nicht ok zu sein. Weil sie sich nicht geliebt fühlen. Es gibt einen Grund, warum sich so viele Menschen innerlich einsam fühlen. Dr. med. Michael Depner dazu:

"Nur wer den eigenen Wert erkennt, genügt sich selbst. Nur wer sich selbst genügt, lässt den anderen sein, wie er ist. Nur wer den anderen sein lässt, wie er ist, kann frei zwischen Begegnung und Rückzug wechseln."

Wer auf Erziehung verzichten und echte Beziehung eingehen will, kommt also nicht drum herum, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und den eigenen Wert zu erkennen. Und wir sind gut damit beraten, unseren Kindern diese Bürde gar nicht erst aufzuerlegen.

Du willst ganz konkret wissen, wie du an dir arbeiten kannst, um in Beziehung zu kommen und auch zu bleiben? Morgen erscheint dazu mein Trainingsprogramm für 2017. Begleitet wird die Anmeldungsfrist zum Trainingsprogramm von zahlreichen Artikeln zum Inhalt! Melde dich für meinen Newsletter an, um nichts zu verpassen!

Saluditos & Axé

Eure

Aida

 

 

Bild von esthermm, erworbei bei Fotolia.


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About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

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