Bevor ich Kinder hatte… – Der Bericht einer unerzogenen Mutter

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Was passiert mit uns, wenn wir Eltern werden?

Was passiert mit uns, wenn wir uns öffnen für die Liebe?

Was passiert mit uns, wenn wir uns entscheiden zu vertrauen?

Meine größte Leidenschaft sind Veränderungsprozesse. Menschen dabei zu begleiten, wie sie ihr Leben an die Hand nehmen und alles in sich und um sich transformieren, um so wieder näher bei sich zu sein und in Liebe zu leben, erfüllt mich mit größter Dankbarkeit.

Es ist oft alles andere als ein einfacher Weg. Es ist ein Weg voller Erkenntnisse und auch Schmerzen. Es ist ein Lernprozess zwischen Loslassen und Annehmen. 

Manchmal findet dieser Prozess im Austausch oder begleitet statt, manchmal auch im verborgenem. Vergangene Woche ließ eine Mutter aus der unerzogen Gruppe uns an ihrer Geschichte und Gedanken teilhaben. Sie berührte damit sehr viele Gruppenmitglieder und erlaubte mir es hier bei Elternmorphose in ihrem Namen zu veröffentlichen.

 

Ein Text von Swanje Feddersen:

„Ich lese in der unerzogen Gruppe schon über ein Jahr mit und habe nun schon seit einiger Zeit das Bedürfnis etwas nieder zu schreiben:

Ich finde ja, dass ein Elternpaar Raum für sich und seine Intimität braucht. Man sollte das Kind gar nicht erst daran gewöhnen bei den Eltern im Bett zu schlafen.

Wenn ich sehe, wie manche Kinder ihren Eltern auf der Nase herum tanzen, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Es muss schon mächtig was schief gelaufen sein, wenn ich nicht durch die Kasse komme ohne einen Schokoriegel zu kaufen. Ich kaufe meinem Kind einfach nie etwas, das nicht auf dem Zettel steht, dann wird es auch nie solche Probleme machen.

Auch werde ich für das Kind nicht mein Leben auf den Kopf stellen. Das Kind kommt ja in unser Leben hinein und muss sich darin anpassen. Es gibt klare Regeln, klare Konsequenzen, so können wir am besten miteinander leben.

Das alles hat nichts damit zu tun, dass ich mein Kind weniger liebe, ich lege nur den Grundstein dafür sich später in der Welt besser zurechtzufinden….

Das alles habe ich gedacht und auch gesagt, als ich noch keine Kinder hatte!

Dann war SIE da.

Dieses winzige Häuflein Mensch, deren komplette Welt ich war.

Ihre Babywiege wurde zum Kleiderständer, die Fläschchen zum Staubfänger, die Babynahrung ist abgelaufen, die Babyseife wurde ranzig und der Kinderwagen kam in den Keller.

Wie gut, dass ich auf meine Intuition hörte und erkannte, dass sie wirklich nur mich brauchte. Meine Milch, meine Nähe, meine Bewegung. Mehr nicht, aber auch nicht weniger!

Mein Bild von konsequenter Erziehung ist aufgebrochen und ich kam zu AP. Hach, meine Intuition bekam einen Namen und es fühlte sich alles so richtig und gut an. Die Erziehung kann noch warten, bis sie ein Jahr ist.

In dieser Zeit habe ich in der unerzogen Gruppe und in AP Gruppen gelesen, habe mir Bücher von [Jesper] Juul und Katia [Saalfrank] besorgt und einen AHA-Effekt nach dem andren erlebt.

Ich fing an zu verstehen warum ich so bin wie ich bin und warum ich eigentlich nie gut genug bin und warum ich möchte dass die anderen immer ein anderes Bild von mir haben, als ich mich fühle und warum das alles immer so schwierig und kompliziert ist.

Meine Eltern haben mich geliebt, ganz sicher und sie wollten ganz bestimmt mein bestes, doch hat das Biegen und Drücken Spuren hinterlassen.

Ich möchte, dass mein Kind sich richtig fühlt, dass sie frei ist, dass sie glücklich ist und dass ich immer ihr Fels in der Brandung sein darf, auch wenn sie nicht so ist, wie ich es mit wünsche.

Am Wochenende ist sie Nackt im Garten herumgelaufen, gestern bin ich mit dem Bus, statt mit dem Auto gefahren, weil sie (inzwischen 2,5 Jahre) im Wagen geschoben werden wollte. Ich stille nach über 30 Monaten immer noch und wir haben inzwischen ein 2,60 Meter Bett.

Sie darf essen was und wann sie will, sie darf ihre Youtube-Filmchen schauen wann sie will, sie geht selbstbestimmt ins Bett, ich begleite sie immer in den Schlaf und so weiter…

Wie oft tobt ein Vulkan in mir, weil ich nicht weiß, ob das nun alles so „richtig“ ist.

Informiere ich mich vielleicht zu einseitig?

Muss ich doch mehr durchgreifen?

Das Kind hat ja gar kein Respekt vor mir!

Moment mal…

Hast du dir heute denn schon Respekt verdient?

Ist für mich die einzige logische Lebensart tatsächlich unerzogen?

Gerade mir?

Ich bin selbständig im Handel, setze mich in einer Männerdomäne durch und das Geld verdienen geht immer vor alles.

Ähm…

Ging vor alles.

Es macht alles so viel mehr Sinn unerzogen zu leben. Nicht nur mit meinem Kind, sondern mit meinem Umfeld, das mich manchmal ganz entgeistert anschaut, was denn da bloß aus mir geworden ist.

Wenn ich die vielen Machtkämpfe um mich herum sehe, Mütter die ihre Kinder entkräftet an den Armen zerren oder anbrüllen, Eltern die sich gegenseitig schlecht machen und kein Vertrauen zueinander haben, Kinder denen man die Einsamkeit in ihrer Familie ansieht und das seichte Gewaber von angepassten Erwachsenen, die bloß nicht anecken wollen und versuchen zu funktionieren.

Ich arbeite weiter daran erlerntes zu überschreiben und dadurch mit meiner Familie ein besseres Leben zu führen und mein Kind glücklich zu machen. Das ist natürlich auch nicht immer von Glückseligkeit begleitet, aber ich bin viel mehr bei mir.

Gäbe es Gruppen wie die unerzogen nicht, hätte ich eher nicht den Mut dazu gehabt meine intuitive Stimme überhaupt zu hören.“

 

Wie hast du diese Anfangszeit deiner Elternschaft erlebt?

Wie bist du zu unerzogen gekommen?

Welche waren und sind deine Erkenntnisse?

Was hat sich in deiner Wahrnehmung geändert?

Ich freue mich, wenn ihr mir in den Kommentaren davon schreibt!

Über meinen Weg könnt ihr HIER mehr erfahren…

Aida S. de Rodriguez

About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

1 Comment

  • Bella

    Reply Reply 3. Dezember 2016

    Sehr schöner Text. Ich War immer schon darauf bedacht, liebevoller zu meinen Kindern zu sein, als meine Eltern es mir gegenüber waren. Von unerzogen und bedürfnisorientierter „Erziehung“ wusste ich damals noch nichts, aber ich bin sehr feinfühlig auf die Bedürfnisse eingegangen. Doch ab und zu kamen dann doch immer wieder alte vorgeprägte Muster in mir hoch. Es widerstrebt mir zu sein,wie meine Eltern es waren/sind, aber es scheint in diesem Augenblick nicht ich zu sein. In manchen Situationen, sehe ich mich dann von außen und denke, während ich gerade aus irgendeinem total sinnlosen Grund am meckern bin:“Hör auf, hör auf, warum bist du jetzt so verärgert? Seine Kinder lieben dich und du sie doch auch. Nimm sie in den Arm, sag ihnen dass du sie liebst. Beruhige dich.“ Ich bin glücklich über unerzogen erfahren zu haben, da es mich darin bestärkt und mir hilft, mich selbst zu beobachten und in Konfliktsituationen ruhiger und mitfühlender zu reagieren.

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