„Du hast deine Kinder nicht im Griff!“ – Über perfekte Eltern und Kinder

Silhouette of a young mother lovingly kissing her little child on the forehead, outside in front of a sunset in the sky.

„Manchmal wünsche ich mir brave, wohlerzogene Kinder, die wenigstens einmal das tun, was man ihnen sagt.“ Kennst du diese Gedanken auch?

Ein Gedankengang, der getragen ist von Selbstzweifeln, Zweifeln an den eigenen Qualitäten als Eltern, Sorgen um den eingeschlagenen Weg in der Begleitung der eigenen Kinder, um deren Entwicklung und Wohlergehen sowie auch um die eigene Beziehung zum Kind, Zukunftsängsten sowie Angst vor der Meinung und den Bewertungen durch Andere, umso mehr, wenn diese einem nahestehen und nicht zuletzt auch von Erschöpfung, Überforderung und Ohnmacht. Dieser Satz verrät aber vor allem auch, dass wir das Zusammenleben mit Kindern erst einmal lernen müssen, denn wir haben selten eine Ahnung davon, was es bedeutet und wie Kinder denn überhaupt so sind. Insbesondere dann nicht, wenn sie nicht durch Erziehung geformt wurden.

Unsere Gesellschaft hat über viele Dinge sehr konkrete Vorstellungen, so auch darüber, wie ein „gelungenes“ Kind zu sein hat. Es ist artig, brav, folgsam, gehorsam und gesittet. So jedenfalls die Synonyme für „wohlerzogen“ laut Duden. Ein solches Kind wirft ein gutes Licht auf die Eltern, denn offenbar wussten sie es zu erziehen. Und ich kann nicht leugnen, dass auch ich einst so gedacht habe. Bevor ich Mutter wurde und mich noch nicht mit diesen Themen befasst hatte, dachte ich, dass gute Eltern auch wohlerzogene Kinder haben.



Damals war es mir offenbar nicht klar, dass auch Kinder Menschen sind, denn wie sonst kommt man zu solch einer Gleichung?

Auch ich bin das Kind einer kinderfeindlichen Umwelt und offenbar sind wir alle zusammen sehr daran bemüht zu vergessen, wie es war, Kind zu sein. Wäre es nicht so, würde ich vermutlich kein Blog schreiben und meine Artikel würden nicht immer wieder polarisieren.



Kinder und auch Eltern sind aber nun einmal Menschen und Menschen sind für gewöhnlich weder vollkommen, noch unfehlbar.

Unsere Gesellschaft und wir selbst haben einen sehr hohen Anspruch an Eltern und an Kinder. Dieser Anspruch und die damit einhergehenden perfektionistischen Erwartungen üben einen enormen Druck aus, an dem nicht selten die Schwächsten zerbrechen: Familien, Mütter und vor allem Kinder.

Eltern sollen zum Beispiel arbeiten gehen, aber zugleich für ihre Kinder da sein. Sie sollen möglichst nicht zu jung, aber bitte auch nicht zu alt sein. Sie sollen nicht nur ein Kind haben, aber bitte auch nicht mehr als zwei. Eltern sollen nicht streng, aber zugleich auch nicht zu nachsichtig sein. Sie sollen möglichst ein Häuschen bauen, aber dann bitte nicht so auf Karriere fixiert sein. Gepflegt, schlank und sportlich sollen sie sein, aber nicht so viel Wert auf das Äußere legen. Sie müssen sich um ihre Partnerschaft kümmern, einem Hobby nachgehen, aber bitte ihre Kinder nicht ständig irgendwohin abschieben. Sie sollen informiert sein, aber dann bitte auf ihre Intuition vertrauen. Auf die Ernährung achten, eine aufgeräumte Wohnung haben, aber sich auch die Zeit zum spielen und basteln nehmen…



Ja, die perfekten Eltern haben vor allem eines: wohlerzogene Kinder! Die Ironie dabei? Sie sollen sie bitte nicht brechen und glücklich sollen sie auch noch sein...

Es ist daher nicht besonders verwunderlich, dass Menschen auf Kinder, die einfach sein dürfen und ihre Gefühle ausleben, vor allem aber auf die dazugehörigen Eltern zumindest mit Irritation reagieren. Maria Montessori beschrieb diese Dynamik so:

"Früher [oder doch eher zurück in die Zukunft?] war es das ausschließliche Ziel der Erziehung, auf dass alle ihre Anstrengungen gerichtet waren, das Kind für das soziale Leben, das es einmal zu führen hätte, vorzubereiten. Deshalb war man vor allem darauf bedacht, dass es die Erwachsenen nachahme, man zwang es, die schöpferischen Kräfte seines Geistes unter dem Nachahmungstrieb zu ersticken, man lehrte es vorzugsweise, was zu wissen für unentbehrlich gehalten wurde, um in der zivilisierten Welt zu leben. [...]

Und doch ist das Kind - wie alle menschlichen Wesen - eine freie Persönlichkeit.

[...]

Der Mensch im Kind bleibt uns verborgen. Wir sehen nur alle Anstrengungen und alle Energie, deren es bedarf, um sich vor uns - den Erwachsenen - zu schützen: Schreien, Weinen, Launenhaftigkeit, Schüchternheit, Ungehorsam, Lüge, Selbstsucht, Zerstörungswut. Außerdem begehen wir damit aber den noch größeren Irrtum, Verteidigungsmittel als die Wesenszüge des kindlichen Charakters anzusehen. Wir halten es dann für unsere ernste Pflicht, sie mit äußerste Strenge auszumerzen, mit einer Härte, die sich manchmal zu Züchtigungen hinreißen lässt..."

Dies erklärt vielleicht auch ein wenig, warum selbst heute noch renommierte Psychologen auf dem Bild des kleinen Tyrannen beharren. Es erklärt, warum Passagiere im Flugzeug oder im Bus völlig verständnislos reagieren, wenn ein Baby über ein paar Minuten hinweg weint. Es erklärt vielleicht auch, warum wir uns so sehr schämen, wenn unsere kleinen Kinder in der Öffentlichkeit ihrer Wut und Frustration freien Lauf lassen und sich auf den Boden schmeißen und uns verbal oder körperlich abwehren. Es erklärt womöglich, warum einige Mitmenschen sich einen dummen Spruch nicht verkneifen können und kopfschüttelnd davonziehen. Unsere starke Entfremdung von uns selbst erklärt vielleicht sogar, warum eine im öffentlichen Raum stillende Mutter immer wieder für kontroverse Diskussionen sorgen kann. Es wundert in dieser Hinsicht doch sicherlich niemanden mehr, warum Eltern, aber insbesondere Mütter, so oft von Selbstzweifeln und Ängsten geplagt werden.



Erinnert sich denn wirklich keiner mehr daran, wie es war, Kind zu sein und dass kleine Kinder nun einmal weinen, schreien, lachen und laut sprechen?



Was sind denn nun aber die "Wesenszüge des kindlichen Charakters"?

  • Kinder sind Menschen und damit erleben sie – wie auch jeder anderer Mensch – die Vielfalt der Emotionen. Sie lernen diese gerade erst kennen und sind dabei, den „richtigen“ Umgang mit ihnen zu erfahren. Es liegt an uns als Eltern, aber auch als Gesellschaft, ihnen dabei ein Vorbild zu sein und ihnen entsprechende Strategien vorzuleben. Ein guter Anfang wäre es, den Kindern, aber auch ihren Eltern ein wenig Empathie und den nötigen Respekt entgegenzubringen.
  • Kinder sind einzigartig. Genauso wie du und ich! Es gibt ruhigere und unruhigere Kinder, ihr Verhalten alleine gibt nicht per se Hinweis darauf, wie sie durch ihre Eltern durchs Leben begleitet werden. Diese Last können wir uns als Eltern, aber auch unseren Kindern nehmen. Unsere Aufgabe ist es, sie zu lieben und ihnen einen geschützten Rahmen zur freien Entfaltung und zum Sein zu ermöglichen.
  • Nicht nur Babys weinen und schreien, auch kleine und größere Kinder tun das. Nicht nur zweijährige Kinder schmeißen sich wütend auf den Boden, auch Fünfjährige werden von ihren Gefühlen übermannt. Nicht nur Erwachsene haben schlechte Laune, sind kaputt und wollen mal in Ruhe gelassen werden, auch die Kleinsten unter uns haben mal einen schlechten Tag! Auch Kinder sind nur Menschen und funktionieren nicht!
  • Kinder laufen, wollen alles anfassen, sind wissbegierig und wollen von uns gesehen werden. Sie suchen Kontakt und brauchen das konstante Gefühl wertvoll zu sein und geliebt zu werden. Wenn wir aber von ihnen verlangen, ständig ruhig zu sein und sich ebenfalls so zu verhalten, nichts anzufassen und am besten auch nicht zu weinen oder andere Gefühle zu zeigen, so haben wir vor allem eines: verängstigte Kinder, die eben Angst davor haben, ihre Welt zu entdecken. Zu dieser Welt gehört nicht nur das im Außen sichtbare, sondern auch ihr Innenleben mit allen Gefühlen, Geräusche und Fähigkeiten. Und diese Gefühle wollen begleitet und erhört werden. Sie zu unterdrücken – auf welche Art und Weise auch immer – schadet dem Kind.

Das Leben mit Kindern ist laut. Es liegt in ihrer Natur, laut und intensiv zu sein. Sie weinen, schreien, singen, stampfen, rennen, spielen, werfen, springen, reden und tanzen. Kinder sind nicht dazu gemacht, über Stunden ruhig sitzen zu bleiben und artig, brav, folgsam, gehorsam und gesittet zu sein.



Es liegt an uns, ihnen eine möglichst passende Umgebung zur Verfügung zu stellen und nicht an ihnen, sich uns und unserem Leben anzupassen!

Meine Kinder sind alles andere als gehorsam. Sie haben eine eigene Meinung, eigene Bedürfnisse und eigene Vorstellungen. Sie wollen ernst genommen werden und haben manchmal einfach keine Lust. Sie sind sehr oft kooperativ, aber auch mal frustriert und schlecht gelaunt. Sie schreien aus Freude und Trauer, sprechen ohne Punkt und Komma, streiten sich, hauen, beißen und ärgern einander. Sie stellen die Wohnung auf den Kopf und haben ganz offensichtlich eine andere Vorstellung von Ästhetik und Ordnung als ich. Und manchmal finde ich ihr Verhalten unmöglich und will in den Erdboden versinken und dass sie doch einfach nur das eine Mal auf mich hören mögen! 😉



Nein, ich habe meine Kinder nicht im Griff. Dennoch habe weder ich als Mutter versagt, noch sind meine Kinder schwierig oder in irgendeiner Weise nicht in Ordnung, so wie sie sind. Sie sind Kinder und wundervolle Menschen noch dazu.

Als Mutter gerate auch ich immer wieder an meine Grenzen, bin überfragt und überfordert mit neuen Situationen und muss mich da erst einmal wieder neu „einarbeiten“ und verstehen lernen. Das Leben ist ständig im Wandel und bietet damit immer wieder neue Herausforderungen. Auch wir sind eine ganz normale Familie mit den täglichen Fragestellungen des Miteinanders und werden mit unseren ureigenen Themen konfrontiert. Auch ich verliere die Geduld und verfalle in alte Erziehungsmuster zurück. Davon kann sich vermutlich niemanden freisprechen. Auch nicht diejenigen, die andere Eltern begleiten und coachen…

Deswegen ist mir auch die Unterscheidung zwischen Haltung und Methode so wichtig. Es geht nicht darum, eine ToDo-Liste abzuarbeiten, um so zu einem perfekten Ergebnis zu gelangen. Es geht um Beziehung, um Liebe, um innere Arbeit und darum, miteinander sowie voneinander zu lernen. Also werden wir auf dem Weg immer wieder Dinge tun und meinen, die unserer Haltung eigentlich nicht zuträglich sind. Da ist es in meinen Augen sehr bereichernd, wenn andere uns darauf aufmerksam machen und wir darüber reflektieren können. Gerade dann, wenn bereits Probleme in unserer Beziehung zu uns selbst oder zu unseren Kindern bestehen und wir Hilfe suchen, aber nicht mit dem Streben nach Perfektion, sondern auf der Suche nach persönlicher Entwicklung und Wachstum. Genau dazu dient zum Beispiel mein Blog, denn wir alle – Kinder und Erwachsene – sind nicht perfekt, sondern einfach „nur“ Menschen, die sich entfalten wollen.

Saluditos und Axé

Aida S. de Rodriguez

 

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Die Urheberin dieses Bildes ist Christin Lola.

 

About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

16 Comments

  • Sylvia Weder

    Reply Reply 12. September 2016

    Liebe Aida S. de Rodriguez,
    ist es gestattet, Ihre Texte mit Copyright auszudrucken an an Eltern weiter zu geben? Ich bin in der Stillberatung, Mütterberatung und Elternbegleitung tätig.
    Herzliche Grüße
    Sylvia Weder IBCLC

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 13. September 2016

      Sehr gerne, liebe Sylvia. Dafür ist es da! Herzliche Grüße zurück!

  • Leen

    Reply Reply 12. September 2016

    Ein wirklich toller Beitrag! Danke, dass du alle Themen immer so greifbar machst. Ich lese alles mit Freude und es bringt mich in meinem Prozess weiter! Liebe Grüße Leen – Aufbruch zum Umdenken

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 13. September 2016

      Vielen Dank für dein Feedback und die darin ausgedrückte Wertschätzung, liebe Leen! Das freut mich sehr!

  • Mana

    Reply Reply 13. September 2016

    Hallo Aida,

    vielen vielen Dank für deinen Artikel – er kam gerade rechtzeitig 😉 Seit einiger Zeit ist es doch recht schwierig mit meinem Junior, jedoch erkenne ich auch, dass es das/unser Umfeld ist, welches Probleme hat, wenn mein Kind einfach das tut, was es gerade möchte und eben nicht zum Soldaten „erzogen“ wird… Es tut gut, solch Worte wie von dir zu hören/lesen -braucht „mutter“ auch mal, anstatt immer nur Vorwürfe etc. 😉

    Deinen Blog verfolge ich mit Begeisterung weiter 🙂
    Viele Grüße, die Mana

  • Carina

    Reply Reply 13. September 2016

    Hallo,

    Ich teile Ihre Artikel sehr gerne und erfreue mich immer am lesen.
    Sehr oft entdecke ich mich wieder und arbeite an Veränderung.
    Ja oft les ich nach „was hat sie geschrieben, wie geht das?!“, aber Sie haben völlig recht, es geht um die eigene Haltung.
    Und danke für das positive Gefühl, sich nicht schlecht fühlen zu sollen.

    Alles gute und liebe Grüße
    Carina

  • Mette

    Reply Reply 13. September 2016

    Super geschrieben. Freut mich immer wieder, deine Sachen zu lesen

  • Katharina

    Reply Reply 17. September 2016

    Danke für diesen mutspendenden Artikel❤️
    Davon wünsche ich mir weitere, zum Beispiel auch das Thema, wenn andere Mütter sich über einen stellen. Wie gehe ich mit diesen Anfeindungen in der Praxis um? Wie kann ich mich schützen? Ich persönlich werde immer wieder mit dieser Thematik konfrontiert.

    Liebste Grüße
    Katharina

  • Kathrin

    Reply Reply 19. September 2016

    Ein ganz wundervoller, motivierender Text. Mag ich sehr gerne!
    Danke dir 🙂

  • Barbara

    Reply Reply 30. Dezember 2016

    Liebe Aida, einfach immer wieder wunderbar Deine Texte! Klar, ehrlich und sehr authentisch! Danke Dir von Herzen und es tut auch total gut zu lesen, dass auch Du an Grenzen kommst, Deine Kinder schreien, hauen, beissen streiten…..
    Ja, Kinder sind wohl so…. und ich habe immer noch in mir ein Bild von friedlichen, lieben, ruhigen, verständnisvollen, angepassten Kindern….(so wie ich eben war…) …. und meine Kinder sind so anders (klar sind sie auch lieb und friedlich usw… doch sehr lebendig…😉) Und bringen mich natürlich immer wieder an den Rand meiner Grenzen…. die ich mehr und mehr loslassen kann… doch es ist ein Weg… ein Weg in mehr Freiheit… und ein Weg zu mir selbst…
    Alles Liebe, Barbara

  • lamamo

    Reply Reply 6. Januar 2017

    Man kann es sich gar nicht oft genug selbst laut vorlesen… Trotzdem bin ich immer mal wieder verunsichert. Von allen Seiten werde ich beschossen, dass meine Kinder (fast 2 und etwas über 4 Jahre) unmöglich sind. Wutanfälle, laut, hampeln rum, bleiben am Tisch nicht sitzen, reden nicht mit jedem, sagen nicht ständig bitte, danke und Entschuldigung blabla. Wir waren gerade mit drei Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten, im Urlaub und meine Kinder waren die auffälligsten, lautesten, streitbarsten etc. Eben nicht angepasst, duckmäuserisch, wohlerzogen. Wenn ich Deine Texte und andere unerzogen-Blogs lese, weiß ich, sie sind normal und gut so, wie sie sind. Andere Menschen bringen mich und sie völlig aus dem Takt. Wir sind froh, dass wir wieder zu Hause sind. Ich bin traurig darüber, dass ich mich manchmal aber außerhalb schäme und es dann doch gern anders hätte: weniger laut, weniger dreckig, weniger bockig. Wenn wir zu Hause sind, sind sie meistens nicht bockig und Wutanfälle gibt es auch kaum. Die entstehen erst, wenn wir schon im Vorfeld völlig angespannt sind und plötzlich auf Grenzen und Schranken hinweisen oder andere welche aufzeigen, die scheinbar sinnlos sind: z.B. wenn Opa nicht will, wenn mit seinen drei Sofakissen Burgen gebaut werden, die Tante verbietet, mit dem Keks rumzulaufen oder Deko anzufassen oder eben an allem etwas auszusetzen ist: Rede nicht so laut, sitz still, nicht schmatzen, nicht dies, nicht jenes… Wenn dann das Maß voll ist, entstehen Wutanfälle, die gerne auch eine halbe Stunde dauern können und die es für alle noch unangenehmer machen. Und dann geht das Getuschel los: dies und jenes hätte es bei uns früher nicht gegeben, das ist doch nicht normal, der muss mal in seine Schranken gewiesen werden (notfalls auch grob), du erziehst dir Tyrannen… Ich kann es echt nicht mehr hören. Wie gerne hätte ich nur mit Menschen zu tun, die mit uns auf einer Wellenlänge sind. Wo die Kinder Kinder sein dürfen, die man nicht nur sehen sondern auch hören darf, die wild und kreativ und phantasievoll und eben auch mal laut sein dürfen.

  • eine besorgte Lehrerin

    Reply Reply 10. Januar 2017

    Sehr geehrte Aida S. de Rodriguez,

    als Mutter, mit liebendem Blick auf mein eigenes Kind, kann ich Ihren Artikel gut lesen, als Lehrerin, mit liebendem Blick auf ALLE meine Schüler, jedoch nur schwerlich.

    Ich kann mich im Unterricht nicht klonen und ein Tintenfisch mit 8 Armen bin ich leider auch nicht. Selbstverständlich sollte jedes Kind sich wertgeschätzt und angenommen fühlen und prinzipiell ist jedes Kind ein wertvoller Mensch. Auf der anderen Seite kann kein Lernen stattfinden, wenn die Kinder nicht auch mal still sind und zuhören und eben nicht rumlaufen und alles anfassen, was ihnen gerade einfällt. Zu Hause haben Sie höchstens eine Handvoll Kinder, viel eins-zu-eins-Betreuung, in der Schule sind es mindestens 4x so viele Kinder und ich soll für alle (gleich) da sein. Alle diese Kinder haben ein Recht auf Unterricht, auch die „sogenannten“ braven und wohlerzogenen. Ich finde, es wird momentan enorm viel daran gearbeitet, chaotische Kinder als kreativ, unruhige Kinder als neugierig, etc. hinzustellen, um diese mangelnde Anpassungsbereitschaft salonfähig zu machen. Natürlich ist nicht jedes Kind gleich und manche Kinder haben es wohl schwerer still und ruhig zu sein, als andere. Nur, was soll die Lösung sein? Kinder sind eben, wie sie sind? Unterricht findet nur noch dann statt, wenn alle 20(+) Kinder Lust dazu haben?

    Ich möchte Sie hier wirklich nicht anfeinden, ich möchte lediglich einen Wechsel der Perspektive anregen. Was passiert, zunächst im Klassenzimmer, aber dann auch in unserer Gesellschaft, wenn es Kindern immer gestattet sein soll, so zu sein, wie sie nunmal sind? Wann soll Sozialisation stattfinden, wenn nicht im Kindesalter? Was ist Sozialisation, wenn nicht ein Nachahmen von dem, was dem Kind täglich vorgelebt wird? Wollen Sie einen Arzt aufsuchen, oder einen Handwerker beschäftigen, der es nie gelernt hat, sich an Regeln zu halten und verantwortungsvoll zu arbeiten? Und dass zu jedem Zeitpunkt und nicht nur nach Lust und Laune?!
    Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, den Willen der Kinder brechen, um kleine Soldaten zu haben, (wie Sie oben schrieben) ist sicher eine sehr extreme Herangehensweise an Erziehung. Die Augen allerdings zu verschließen und zu sagen, es liegt „(…) nicht an ihnen sich uns und unser Leben anzupassen!“, finde ich ähnlich extrem.

    Ich halte es für sehr verantwortungslos, diese trotzdem notwendige Sozialisation an andere, z.B. den Kindergarten oder die Schule, abzugeben. Natürlich ist Erziehung harte Arbeit und jede Mutter möchte mal die Füße hochlegen und Fünfe gerade sein lassen, doch sind wir als Eltern, meiner Meinung nach, nicht nur erziehungsberechtigt, sondern in erster Linie eben auch erziehungsverpflichtet. Das ist sowohl Chance, als auch Bürde.

    Herzliche Grüße

    • Miriam

      Reply Reply 18. März 2017

      Liebe besorgte Lehrerin,

      In meinen Augen liegt kurzgesagt das Problem darin wie die Institution Schule stattfindet.
      Man kann sich die Frage stellen, warum müssen sich Kinder an ein überaltertes Schulesystem anpassen, warum ist Schule heute nicht an Kinder angepasst?

      Liebe Aida,
      vielen Dank für deine Text, wie immer sehr treffend geschrieben.

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