„Sei brav!“ – 5 Glaubenssätze, die uns das Leben schwer machen

Serious father 30s rebuking small daughter for offence at home

Glaubenssätze, davon wird immer wieder gesprochen. Was aber sind Glaubenssätze? Wieso ist es wichtig, sich diese bewusst zu machen und warum müssen sie oft aufgelöst werden, um sich von alten Erziehungsmustern zu befreien? Inwiefern verhindern sie unser Weiterkommen und hindern uns daran zu wachsen? Warum ist es so schwer, sich von ihnen zu lösen?

Glaubenssätze werten uns nicht nur ab, sie hindern uns auch daran Verantwortung zu übernehmen

Glaubenssätze beeinflussen massiv unser Verhalten und auch unsere Entscheidungen. Oft passiert dies gänzlich unbewusst. Diese inneren Botschaften entstehen in der Regel in der frühen Kindheit. Sie werden durch die Beziehung zu unseren Eltern und anderen engen Bezugspersonen geprägt. Dazu zählen auch die Botschaften, die wir in der Schulzeit sowie im weiteren Lebensverlauf durch Sozialisierung verinnerlichen. Viele meiner Artikel beginnen mit einer solchen Botschaft, die ich dann durch Informationen und Perspektivenwechsel versuche aufzulösen.

Glaubenssätze können stützend sein, ein Motor für das Erreichen eigener Ziele, sehr oft aber einengend und belastend wirken. Besonders gefährlich sind diese Botschaften, wenn sie uns vermitteln, nur dann in Ordnung zu sein, wenn wir deren Grundsatz befolgen. Für Kinder ist an Bedingungen geknüpfte Wertschätzung und Anerkennung besonders dann schädlich, wenn sie auch nur dann unsere Liebe und Zuneigung spüren und wahrnehmen. Als Erwachsene sind uns diese Mechanismen oft nicht bewusst, aber sie machen uns abhängig von der Bewertung anderer und sie limitieren uns durch Sätze wie „man muss“ oder „das darf man nicht“. Sie begrenzen unsere Entwicklungsmöglichkeiten und schaden der Beziehung zu unseren Kindern, die dann ebenfalls diese Glaubenssätze verinnerlichen. Dazu kannst du auch in meinem Video einiges erfahren.

Hier sind aber nun fünf Glaubenssätze, die viele von uns verinnerlicht haben und die uns das Leben oft unbewusst schwer machen. Sie begegnen mir nicht nur im Alltag und im Austausch mit anderen Menschen, sondern auch in verschiedenen Seminaren und in zahlreichen Büchern….

1) Beeile dich mal bitte!

Die Botschaft: Du bist zu langsam!

Kaum ein Kind, welches diesen Satz nicht täglich zu hören bekommt. Alles muss schnell und sofort getan werden. Am besten alles auf einmal und in ausgeprägter Hektik. Besonders früh am Morgen, wenn Kindergarten, Schule und Job auf uns warten, verfallen wir schnell in dieses Muster. Der Tag beginnt bereits voller Stress. Viele Kinder verweigern sich und werden in der Folge auch noch verantwortlich für die Situation gemacht: „Deinetwegen kommen wir zu spät.“ Und am Ende sind wir völlig verwundert über ungeduldiges Verhalten und ständige Unruhe unserer Kinder. Was das außerdem mit Respekt zu tun hat, erfährst du hier.

Menschen mit diesem Glaubenssatz unterbrechen oft andere im Gespräch und haben Schwierigkeiten mit dem Zuhören. Sie haben gelernt sich zu beeilen, denn dafür wurden sie gelobt. Besonders dramatisch dabei ist: Im Hier und Jetzt lebt niemand, der diesen Glaubenssatz verinnerlicht hat. Das Leben findet in der Zukunft statt und so wirklich kommt dort niemand an…

2) Gut ist nicht gut genug!

Die Botschaft: Du musst perfekt sein!

Dieser Glaubenssatz hat mein Leben lange stark geprägt. Ich war eine unglaubliche Perfektionistin, zugleich aber sehr ungeduldig. Dabei bin ich sehr vielseitig interessiert, ein leidenschaftlicher Mensch und eine Generalistin, die gerne das große Ganze im Blick behält, anstatt sich mit Kleinigkeiten aufzuhalten. Ich habe also mit diesem Glaubenssatz stark gegen mein Innerstes gearbeitet. Zumindest dann, wenn ich mich mit Dingen auseinandersetzen musste, die sich nicht wirklich in meinem Interessenfeld befanden. Gewissenhaftigkeit, Perfektion und Liebe zum Detail sind völlig unterschiedliche Dinge.

Menschen mit diesem inneren Antreiber stehen unter Druck, alles gründlich zu machen. Sie versuchen ihre Aufgaben möglichst perfekt zu erfüllen. Unabhängig davon, wie lang sie für etwas brauchen und wie viel es letztlich kostet. Sie haben sehr hohe Erwartungen an sich. Wollen Vorbild sein und sind um Genauigkeit bemüht. Sie schämen sich über Fehler und sind immer auf der Suche nach Anerkennung. Sie versuchen möglichst alles gut unter Kontrolle zu haben und befürchten ständig, nicht akzeptiert zu werden, wenn sie mal nicht ganz so gründlich sind. Sie lassen sich nicht gerne unterstützen, denn am Ende müssten sie doch alles korrigieren und perfektionieren.

3) Streng dich doch ein bisschen an!

Die Botschaft: Du machst nicht genug! Und du musst es dir verdienen!

Erfolge, die nicht auf Fleiß basieren, taugen nichts. Diesen Glaubenssatz haben sehr viele verinnerlicht. Die typische Geld-gegen-Zeit-Falle. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“ Genießen? Fehlanzeige! Selbst Erfolge werden nicht wirklich gefeiert. Wer seine Leidenschaft ausleben möchte, sucht sich ein Hobby. Wer Geld verdienen möchte, braucht einen Beruf. Geld verdienen und seine Leidenschaft leben? Womöglich tatsächlich Spaß haben und genießen!? Das ist etwas für ganz Wenige und die absolute Ausnahme. Ja, beinahe schon absurd, schließlich sei „das Leben doch kein Ponyhof!“. So jedenfalls die gängige Meinung. Ich persönlich glaube an Berufung. Aber dazu in einem anderen Artikel mehr.

Für Kinder ist das besonders dramatisch. Da ist die Drei in Mathe eben nicht gut genug oder es wäre eine Eins eben noch ein wenig besser. Die Ursache für scheinbar falsches und inadäquates Verhalten wird ebenfalls immer beim Kind gesucht. „Selber Schuld!“ ist einer der Sätze, die mein Mann als allererstes in Deutschland kennenlernte. Auf den Gedanken, das System, welches das Kind umgibt, sowie die darin agierenden Erwachsenen zu hinterfragen, kommen nicht viele. Gar Empathie? Fehlanzeige!…

Mit diesem Glaubenssatz sind Menschen immer unter Anspannung und meinen sich alles erst einmal verdienen zu müssen. Vielen erscheint es wichtig, zu betonen alles ganz alleine und durch viel Fleiß erreicht zu haben. Das Leben ist geprägt von Schwierigkeiten, Problemen und Krisen. Vor allem aber ist alles auf den Jahresurlaub und den Eintritt der Rente fokussiert. Denn dann kann man endlich das Leben genießen…

Doch Leben findet immer statt. Vor allem aber Hier und Jetzt!

4) Ist doch nichts passiert!

Die Botschaft: Du bist zu schwach! Und deine Gefühle sind nicht wichtig!

Auch ein Satz, denn leider viele Kinder jeden Tag zu hören bekommen. Sie sollen stark sein und lernen. Lernen, dass man teilen muss.“ „Lernen, dass man nicht nur loszuweinen braucht und schon kommt jemanden angerannt.“ Ganz besonders Jungs sind nach wie vor stark von diesem Glauben betroffen. Schließlich „weinen starke Männer doch nicht!“ Dabei brauchen Kinder Trost, Begleitung, Zuwendung und Liebe, um so mit Frust und Kummer umgehen zu können.

Wer diesen Glaubenssatz verinnerlicht hat, zeigt keine Schwäche und auch ungern Gefühle. Zurückhaltung und Selbstbeherrschung zeichnen oft Menschen mit dieser inneren Haltung aus. Auch hier sind es insbesondere Kinder, die nachhaltig geschadet werden. Kinder, die immer wieder erleben müssen, dass ihre Wahrnehmung scheinbar falsch ist, verlieren mit der Zeit das Vertrauen darin. Vor allem aber denken sie, dass sie nicht ok sind mit dem, was sie fühlen und brauchen. Und das ist für die gesamte Existenz eines Menschen ziemlich tragisch.

Um Hilfe bitten ist ebenfalls ein Aspekt, der sehr vielen Menschen schwer fällt, denen eben genau das in dem Moment, als der oben genannte Satz fiel, verwehrt blieb. Dazu habe ich hier gerade erst einiges erzählt.

Etwas aufzugeben kommt für viele Menschen mit diesem verinnerlichten Glaubenssatz genauso wenig in Frage, auch dann nicht, wenn die Situation einem eindeutig schadet und überfordert. Dass unter anderem genau dies zu einer existenziellen Krise führen kann, habe ich hier berichtet. Daneben fällt es ihnen schwer, über sich selbst zu sprechen und sie verstecken sich lieber hinter einem „man“ und verschaffen so die nötige Distanz und geben nebenbei entsprechende Verantwortung ab.

Die Kontrolle der Emotionen gibt scheinbare Sicherheit und man fühlt sich dadurch weniger verletzlich. Dabei ist Verletzlichkeit, neben Vertrauen und Liebe, das, was eine innige Beziehung ermöglicht. Auch zu sich selbst.

5) Sei lieb und brav!

Die Botschaft: Du bist nicht in Ordnung so wie du bist! Und du musst Rücksicht auf andere nehmen!

Meine Kinder wurden erstmalig mit 5 Jahren mit diesem Ausdruck konfrontiert. Im Kindergarten wurde ein Buch vorgelesen, in dem dieser Ausdruck vorkam und eines meiner Kinder fragte dann, was dies denn bedeuten würde. Es hatte das Wort „brav“ bis dahin noch nicht gehört. Die anderen Kinder klärten auf: „Wenn ich brav bin, bekomme ich ein Geschenk!“ oder „Kinder müssen brav sein und ins Bett gehen!“. Mein Kind verstand es immer noch nicht und so sprachen wir auch Zuhause sehr ausführlich darüber. Die Quintessenz: Brav sein ist gemein!

Kinder sind kooperative Wesen. Sie helfen gerne und wollen, dass ihre Eltern glücklich sind. Vor allem aber sind sie von den Erwachsenen abhängig. Lieber geben sie sich selber auf, als zu riskieren, dass sich der Erwachsene abwendet. Das Problem ist, dass der Versuch, alle zufrieden zu stellen, geprägt ist von der Angst der Zurückweisung und Einsamkeit. Durch starke Kooperation erhofft man sich Liebe und Wertschätzung von anderen.

Sich um das Wohlergehen anderer zu kümmern, ist an sich etwas sehr Bereicherndes. Problematisch wird es, wenn wir uns für die Gefühle anderer verantwortlich sehen und über die Wünsche anderer zu phantasieren beginnen. Wenn wir annehmen, dass wir bestimmte Grundsätze befolgen müssen, um ebenfalls anerkannt und respektiert zu werden. Besonders dann, wenn dies dazu führt, dass die eigenen Bedürfnisse immer hinten an gestellt werden und man nicht in der Lage ist, ein „Nein“ auszusprechen. Zugleich sind da auch die Erwartungen an andere, die bitte die eigenen Wünsche und Bedürfnisse erahnen sollen, auch wenn man selbst nicht in der Lage ist, diese zu kommunizieren. Mit diesem Glaubenssatz gelangt man sehr schnell ins „Opfer – Täter – Spiel„.

Erzieherische Glaubenssätze haben aber vor allem das Ziel andere zu lenken, sie sind Allgemeinplätze, die wir oft unbedacht aussprechen und dadurch unsere Beziehung in dem Moment kappen. Sie schaden! Wir stellen eine Behauptung auf, die unumstößlich erscheint, die unser Gegenüber oft abhängig macht. Für ein Kind bedeutet dies, dass es sich nicht gesehen und ernst genommen fühlt. Schlimmer noch, es empfindet sich mit den eigenen Gefühlen falsch und somit sich selbst. Und das hat eben Auswirkung auf das gesamte Leben.

Als Erwachsene können wir daran arbeiten, unsere eigenen verinnerlichten Glaubenssätze aufzulösen und zugleich diese an unsere Kinder gar nicht erst weiterzugeben.

Kennst du deine verinnerlichten Glaubenssätze?

Saluditos & Axé

Aida S. de Rodriguez

 

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About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

5 Comments

  • Jana

    Reply Reply 27. August 2016

    Vielen Dank für Ihre zahlreichen hilfreichen Anregungen, um über die eigene Kindheit und die Überforderung der eigenen Eltern nachzudenken.

    Jede Ihrer Ausführungen zeigt mir, warum ich es als erwachsener Mensch immer noch nicht lernen konnte, Selbstachtung, Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbstannahme etc. aufzubauen.

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 13. September 2016

      Hallo Jana,

      vielen Dank für das Feedback und die darin ausgedrückte Wertschätzung. Es freut mich, einen Mehrwert schaffen zu können.

      Es ist nie zu spät all das aufzubauen!

      Alles Gute
      Aida

  • Sprössling

    Reply Reply 4. Februar 2017

    Toller Artikel. Hast du Tipps wie ich die, mir anerzogenen Glaubenssätze Auflösen kann. Schließlich wurden Sie tief ins Unterbewusstsein erzogen?

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