Gewaltfrei geht nur ohne Erziehung!

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Ein neues Video ist online!

Der 30. April ist Tag der Gewaltfreien Erziehung.

Ein wichtiger Tag.

Was aber ist „Gewaltfreie Erziehung“?

Was ist Gewalt?

Wo beginnt diese und wie wird Gewalt durch wen definiert?

Und ist Erziehung nicht per se Gewalt und somit eine gewaltfreie Erziehung in sich bereits paradox?…

Der Gesetzgeber scheint da seit dem Jahre 2000 sehr klar. Im bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) § 1631 Abs. 2 steht:

„Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung.

Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

Wow! Das liest sich großartig! Das ist prima!

Oder doch nicht? Was genau sind körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen?

Und warum werden Kinder differenziert betrachtet? Gilt für sie der Schutz durch das Grundgesetz nicht? Inwiefern unterschieden sie sich von anderen Menschen? Woran liegt es, dass wir das so deutlich herausstellen müssen, um auch Kindern diesen Schutz zukommen zu lassen?

Für einige mögen diese Fragen albern erscheinen, doch ist in der Gesellschaft – so erscheint es mir im Austausch mit anderen Eltern im Internet – eine gewaltfreie Erziehung alles andere als selbstverständlich. Und auch der Gesetzgeber scheint sich da nicht eindeutig klar zu sein, wo Gewalt beginnt.

Lehne ich mich nun weit aus dem Fenster? Ja, gut möglich. Aber wie sonst erkläre ich mir, dass nicht strafmündige Kinder, wie im Falle des 12-jährigen Tobias Kucharz wie derzeit verschiedene Medien berichten, per Staatsmacht aus dem elterlichen Haus gewaltsam herausgenommen werden?

War es eine Ausnahme?

Ich kann nicht auf der einen Seite Kindern – wie allen anderen Menschen auch –  per Grundgesetz Gewaltfreiheit zusichern, es bis einschließlich dem vollendeten 13. Lebensjahr für nicht strafmündig erklären und zugleich das Kind bei nicht Einhaltung einer per Gesetz erzwungenen Pflicht unter Gewaltandrohung und gar Anwendung unter Strafe stellen und zur Wahrnehmung der Pflicht zwingen. Angeblich erfüllte der Junge nicht die Schulpflicht.

Aber wäre es legitim so vorzugehen, wenn es um Kinderwohlgefährdung ginge? Kann ich das Kindeswohl schützen, indem ich das Kindeswohl selbst gefährde? Irgendwie paradox und grotesk zugleich…

Wenn ein Mensch nicht strafmündig ist, dann kann dieser auch nicht zu etwas verpflichtet werden. Oder habe ich hier ein Denkfehler? Mir fehlt das juristische Know How um diese Konstellation auch nur annähernd begreifen zu können. Es entzieht sich meiner Vorstellungskraft einen Grund zu finden, welches das Vorgehen in diesem genannten Fall in irgendeiner Weise legitimieren könnte…

Die Eltern können sanktioniert werden, doch gibt es manchmal Situationen, wo ein Kind eben verweigert und die Eltern selbst gewalttätig werden müssten, um ihre erzwungene Pflicht beizukommen. Was dann?

Es geht mir nicht um die Abschaffung von Schule. Auch wenn ich mich für die Transformation des Schulsystems einsetze und die Abschaffung der Schulpflicht aus verschiedenen Gründe begrüßen würde. Es geht mir auch nicht um den konkreten Fall dieses armen Jungen. Mir geht es hier um Gewalt an Kindern!

Und wenn es schon soweit ist, dass Gewalt an Kindern in einem solchen Ausmaß wie im genannten Fall legitimiert wird, um eine erzwungene Pflicht bei einer nicht strafmündigen Person durchzusetzen, einem 12-jährigem Kind, dann sollten wir als Gesellschaft eigentlich alle laut aufschreien und Stopp rufen!!!

Anstatt dessen wird aber lieber in den online Foren dieser Welt eine Familie – nein, eine Mutter, wie sollte es anders sein – diskreditiert, abgewertet, verurteilt und auf übelste betitelt. Und das Kind auch noch verantwortlich gemacht, wie mittlerweile üblich, als Tyrann bezeichnet und abgestraft. Ein Kind!

Ein Kind, welches laut BGB ein Recht auf gewaltfreie Erziehung hat.

Durch wen eigentlich?

Die Eltern?

Den Staat, repräsentiert hier im Beispiel durch Polizei und Jugendamt?

Durch Lehrer und der Institution Schule?

Und was ist mit uns? Tragen wir als Gesellschaft nicht auch Verantwortung?

Gewalt an Kindern ist allgegenwärtig. Sie findet Zuhause statt, in Obhut Dritter, in der Schule, auf der Straße und auch im Internet. Es ist für mich kaum zu ertragen und daher ein großes Bedürfnis darüber zu schreiben.

In den letzten Wochen war das Thema Gewalt an Kindern in zahlreichen Facebook-Gruppen in unterschiedlichen Dimensionen sehr präsent. Während der eine Videos zum Töpfchentraining erstellt, indem Kinder ähnlich wie Hunde zur Stubenreinheit dressiert werden, pervertiert der nächste die Gewaltfreie Kommunikation zur manipulativen Methode. Wieder woanders wird der „Klaps“ als erzieherische Maßnahme mit großer Vehemenz verteidigt, schließlich sei man selbst ja auch so – vermeintlich unbeschadet – groß geworden.

Körperliche Züchtigung „liebevoll“ verpackt unter dem Deckmantel der Erziehung. Und das alles zum Wohle der Kinder!

In verschiedenen Interviews werde ich gefragt, was denn nun unerzogen sei. Bei der meist daran anschließenden Definition von meinem Verständnis vom Erziehungsbegriff, entsteht sehr oft ein Gespräch über Gewalt. Ein schwerwiegendes Wort mit großer Wirkung. Denn Gewalt ist in meinen Augen noch viel mehr als das im Text erwähnte und offensichtliche. Sie ist allgegenwärtig, gemein und oft noch viel subtiler als wir glauben und dennoch ebenfalls schädlich.

Dazu zählt für mich der „Klaps“ auf den Po oder auf die Hand genauso wie das Training am Töpfchen. Manipulation, Beschimpfungen, Erpressung sowie jegliche Maßnahme, die darauf zielt einen Menschen nach der eigenen Vorstellung formen zu wollen. Anschreien, Liebesentzug, Schlaftraining, körperliche Bestrafungen, entwürdigende Maßnahmen und alles was die Existenz bedroht, fällt in meinen Augen ebenfalls in die Kategorie Gewalt

In meinem Video findest du eine Aufzählung von 7 Formen der Gewalt, die alltäglich gegen Kindern im Namen der Erziehung der selbigen eingesetzt wird. Diese Aufzählung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder rechtliche Relevanz, sie ist aber ein Appell an uns alle zur Selbstreflexion, zur Bewusstwerdung und Transformation.

Ich möchte für das Thema sensibilisieren. Ich habe nicht die Absicht Eltern zu verurteilen. Es geht mir nicht darum ein schlechtes Gewissen zu machen. Es geht auch nicht um einen Wettbewerb auf der Suche nach den besseren Eltern. Mir geht es um Bewusstsein, Verantwortung und gesellschaftlicher Wandel sowie gegenseitige Unterstützung!

Deswegen lade ich alle herzlich ein im Bedarfsfall in Austausch zu kommen und Hilfe zu suchen. Im Video nenne ich dazu einige Ansprechpartner.

Teilen für ein liebevolleres und respektvolleres Miteinander sehr erwünscht!

Aida S. De Rodriguez

About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

10 Comments

  • Mona Oberndorfer

    Reply Reply 18. Juni 2017

    Wunderbare Worte und gute Ansätze….
    Ich fände es jedoch hilfreich auch Beispiele zu zeigen wie man seinem Kind „richtig“ begegnet.
    Theoretisch bin ich mit jedem Ihrer Punkte einverstanden aber ich finde es fast unmöglich sie umzusetzen.
    Deswegen hätte ich mir „Lösungs-Beispiele“ gewünschf….
    Beste Grüsse,
    Mona.

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