Hilfe, mein Kind hat die Erzieherin angespuckt! – warum es anders ist, als du denkst

mother yelling at children

Im März 2014 ereignete sich im damaligen Kindergarten meiner Kinder eine Situation, zu der ich mir damals Unterstützung in der unerzogen Gruppe einholte. Als ich meine Kinder in der Gruppe abgab, bat mich die Erzieherin um ein Gespräch und erzählte mir folgendes:

Meine Tochter war mit ihrer besten Freundin von der Kita abgehauen. Ihre Erzieherin ist ihnen nach und wurde von den beiden „ausgelacht“. Meine dreijährige Tochter habe sie dann angespuckt. Die Erzieherin hat sie „in der Konsequenz“ für den Tag in einer anderen Gruppe gebracht, weil sie, wie sie sagt, überfordert war. Sie bat mich um Hilfe und mit meiner Tochter zu sprechen.

Bevor du weiter liest: was geht dir durch den Kopf? Was würdest du tun?

Mehr wusste ich zu dem Zeitpunkt ja auch nicht. Ich erhielt aber prompt eine erste Reaktion in der Gruppe: solch eine Respektlosigkeit meiner Tochter gegenüber ihrer Erzieherin dürfte ich nicht dulden, hieß es darin.

Ich war sehr irritiert. Zumal mein Anliegen weniger dem Verhalten meiner Tochter galt, sondern meinem Umgang mit der Erzieherin, denn mir war klar: meine kleine Tochter wird Gründe haben. Fühlte sich mein Kind vielleicht bedroht oder bedrängt? Wie kam es dazu? – ging es mir sofort durch den Kopf als mir die Erzieherin von der Situation erzählte.

Wo waren deine Gedanken? Und wo sind diese jetzt?

Spucken war bis zu dem Zeitpunkt kein Thema bei uns Zuhause und sollte auch in der Zukunft kein Thema werden (im Sinne von: es ist tatsächlich kein Thema gewesen und nicht „ich muss es verhindern“), dennoch implizierten einige Rückmeldungen, ich hätte mein Kind beibringen müssen, dass dies nicht richtig ist. Also präventives erziehen, oder so. Für gewöhnlich spucke ich jedoch keine Menschen an…

Es war ursprünglich ein toller Kindergarten: sehr familiär, lateinamerikanisches Lebensgefühl, überschaubar und nach dem Situationsansatz agierend. Mit einigen der Erzieherinnen bin ich heute noch gut befreundet, sie waren seinerzeit öfters bei uns Zuhause, Probleme wurden beim gemeinsamen kochen geklärt. Dann ist der KiGa förmlich explodiert. Binnen kürzester Zeit wurden aus 60 Kindern, 180. Es gab einen unerwarteten Gruppenwechsel und meine Zwillinge wurden von da an anders betreut. Die neue Erzieherin erlebte ich sehr autoritär und erzieherisch, wenn auch eine Anhängerin des Attachment Parenting. Erstaunlich, aber wahr. Meine Tochter mochte sie und wurde von ihr viel getragen. Auch mit ihren 3 Jahren. Aber ja, ich war sehr unglücklich und schaute mich bereits um. Damals war ich in einem angestellten Verhältnis, Hautverdienerin und auf den Kindergarten angewiesen. Ich habe 3 kleine Kinder und da findet sich nicht so leicht Ersatz, vor allem nicht, wenn man unerzogen lebt. Meine Kinder gingen jedoch noch gerne dahin, hatten viele Freunde und eben viele lieb gewonnene ErzieherInnen. Ich konnte es zu dem Zeitpunkt und mit meinem damaligen Mindset also noch einigermaßen für mich rechtfertigen.

Ich fragte die kritischen Stimmen, was nun der Vorschlag sei: Soll ich meinem Kind Konsequenzen aufzeigen? Es bestrafen? Ihr sagen „das tut man nicht“?

Was sagst du dazu?

Mein Ansatz war jedoch ein anderer: Ich wollte mit meiner kleinen Tochter sprechen und versuchen ihre Gründe herauszufinden sowie ihre Sicht kennen lernen. So gut, wie dies bei einer dreijährigen, die sich noch nicht sonderlich gut artikulieren kann, eben geht.

Aber unabhängig vom „Warum meine Tochter so agierte“, war es, meines Erachtens nach, in dieser Situation, Aufgabe der Erzieherin mit der Situation umzugehen. Sie ist als Erwachsene für die Qualität der Beziehung verantwortlich, nicht meine Tochter. Sie ist eine wichtige Bezugsperson und nur sie kann ihre Grenzen ziehen. Wie genau soll ich ihr da helfen? Was anderes wäre es, wenn mein Kind irgendjemanden in meinem Beisein anspuckt, der nicht mit ihm in Beziehung steht. Da kann ich spiegeln und vermitteln, aber so? Ich war jedenfalls froh, auf dieser Art wenigstens frühzeitig von der Situation erfahren zu haben.

Nachdem ich dann mit meiner Tochter sprach, kam folgender Blickwinkel dazu: Sie sagte, sie habe gespuckt, weil die Erzieherin sie angeschrien und sie daraufhin geweint habe, aber die Erzieherin dennoch nicht aufhören wollte. Sie fühlte sich also bedroht und versuchte ihre Integrität zu schützen. Ihr standen in dem Moment jedoch offenbar keine anderen Mittel zur Verfügung. Sie fühlte sich körperlich dem nicht gewachsen, also spuckte sie und lachte aus Überforderung und zur Beschwichtigung.

Stell dir vor, du bist noch keinen Meter groß und vor dir baut sich eine schreiende, 1,70 Meter große Furie auf? Ändert dies dein Blick auf die Situation?

Doch die erste Reaktion ist in der Regel, dass das Verhalten unterbunden werden muss und nicht geduldet werden darf. Da fragt kaum jemand zunächst nach einem Auslöser oder nach Lösungsstrategien für ein dreijähriges Kind, welches im Kindergarten ist und sich nicht zu helfen weiß.

So funktioniert unser Wertsystem und unser Urteilsvermögen und es ist eine Menge Arbeit sich an dieser Stelle von solchen Mechanismen zu lösen und unseren Kindern offen zu begegnen. Dabei ist es so wichtig, dass wir an ihrer Seite stehen!

An dieser Stelle wird gerne angemerkt, dass sich Kinder doch auch anpassen müssen. Da denke ich immer wieder: umso mehr ich die Gesellschaft mit all ihre Erwartungen und Pflichten sehe, umso mehr andere erziehen, sei es die ErziehenInner, der/die PartnerIn oder die Großeltern, umso mehr sehe ich den Mehrwert nicht zu erziehen. Umso mehr sehe ich die Notwendigkeit meinen Kindern auf Augenhöhe zu begegnen; sie, sie sein zu lassen. Es macht mich traurig zu sehen, dass derselbe Umstand dazu führt, dass andere erst recht mitmachen, Grenzen setzen, Konsequenzen ziehen und sich dem Druck beugen.

Natürlich ist es nicht in Ordnung andere anzuspucken. Genauso ist es nicht in Ordnung andere anzuschreien und die eigene Macht auszuspielen. Ich finde es aber vollkommen legitim, wenn Kleinkinder sich wehren und zwar mit den Mitteln, die ihnen in der Not zur Verfügung stehen. Wie sonst sollen sie ihre Integrität schützen, wenn selbst weinen nichts hilft?

Und du?

Ich stelle mir vor, ich hätte meine kleine Tochter nach solch einen Übergriff auch noch ermahnt oder bestraft, anstatt sie zu schützen. Schlimm genug, dass sie solch eine Situation überhaupt erleben musste…

Ich bin gespannt auf eure Rückmeldung in Bezug auf das kleine Gedankenexperiment. Das erlaubt mir immer wieder mich, meine Vorurteile und Glaubenssätze zu hinterfragen. Und zeigt, wie ich finde, wie wichtig, Wissen und Informationen sind, um sich eine eigene Meinung zu bilden, vor allem aber auch eine Haltung getragen von Wohlwollen, Offenheit und Neugier. Zumindest gegenüber unseren Kindern.

Saluditos & Axé

Eure

Aida

 

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Foto von fotofeel, Fotolia.

About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

4 Comments

  • Joe

    Reply Reply 22. Mai 2017

    Ich finde es toll, wie Du reagiert hast und wünsche mir, dass ich auch irgendwann an diesen Punkt kommen werde. Es gab schon so viele Situationen, in denen ich mein Kind nach alter Vorstellung von Erziehung zu etwas gezwungen hätte (Jacke anziehen, im Kindersitz anschnallen etc), die sich aber kurz darauf in Wohlgefallen aufgelöst haben, ganz ohne Tränen und Geschrei.

    Mein erster Impuls wäre vermutlich auch gewesen, meine Tochter zu ermahnen, dass man andere nicht anspuckt. Aber dass die kleinen Mäuse so etwas ja eigentlich nicht bösartig meinen und es eine Vorgeschichte geben muss, das muss einem erst einmal bewusst sein.

    Danke für die vielen tollen Artikel. Bitte weiter so, vielleicht schaffen wir es ja irgendwann, ganz aus dem Erziehungsdenken heraus zu kommen.

  • E-Lisa

    Reply Reply 4. Juni 2017

    Ein sehr einfühlsamer und toll veranschaulichter Artikel. Ich hätte in so einer Situation auch versucht, die Ursachen zu ergründen. Die Schwierigkeit für mich ist immer, nicht dem „anerzogenen“ Impuls zu folgen und mit „Das macht MAN aber nicht…“ zu reagieren. Mich würde aber noch interessieren, wie du die Situation mit der Erzieherin selbst im Nachgang „geklärt“ hast und was vielleicht ihr Lehre aus dieser Situation war. LG und weiter so!

  • Barbara

    Reply Reply 22. Juni 2017

    Mich würde interessieren, ob du mit der Erzieherin darüber gesprochen hast. Vielleicht ist ihr das selbst gar nicht in den Sinn gekommen?
    Und wenn du mit ihr gesprochen hast, wie war ihre Reaktion?

    Ich war vor einiger Zeit im Kindergarten meiner Tochter um der Erzieherin mitzuteilen, dass ich es nicht unterstützen kann, wenn Kinder die Verantwortung für andere Kinder zugeschoben bekommen. Ich war freundlich, blieb bei mir und hatte zuerst nachgefragt wie sie die Situation gesehen hatte. Die Reaktion war leider diese, dass sofort in Abwehrhaltung geantwortet wurde und mir somit gezeigt wurde, dass sie es zwar nicht richtig fand, aber sich nun schützen musste.
    Letztendlich habe ich ihr mitgeteilt, dass ich nicht will, dass mein Kind für andere Kinder Verantwortung übernimmt und wenn eine solche Situation wieder auftaucht, dass sie doch bitte eingreifen soll und das nicht von meiner Tochter verlangen sollte. Ich war nicht böse zu ihr und auch im Gespräch total gelassen – ganz im Gegenteil zu ihr, sie fühlte sich dennoch angegriffen.

  • Hallo Aida

    obwohl mir Unerzogen noch nicht gelingen will (leider, ich kämpfe sehr darum, mit mir), hätte ich auch sofort gedacht, dass mein Kind einen Grund hat. Das liegt aber auch daran, wie sehr man seinem Kind vertraut, glaube ich. Bei meinen über 2 Jährigen Kindern (2 Jungs), gäbe es keinen Grund der Welt, dass sie jemanden anspucken müssen, außer eben einen sehr schlimmen, wie bei Deiner Tochter!

    Bei meinem unter 2 Jährigen.. nein, da würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen, aber er macht manchmal Sachen nach, die er sieht, oder probiert aus, wie es ist, einem Erwachsenen anzuprusten. Aber ich glaube, das hätte dann auch eine Erzieherin richtig interpretiert.

    Ich bin auch gespannt, was du mit der Erzieherin besprochen hast. [auf Wunsch editiert]

    liebe Grüße

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