Du brauchst deinem Kind keine Grenzen zu setzen – Grenzen sind da!

Mdchen am Strand

Es gibt kaum einen Satz, der öfter fällt, als „Kinder brauchen Grenzen“. In beinahe jedem Erziehungsratgeber wird darüber geschrieben. Kaum ein Tag in Elterngruppen oder Foren, an dem Grenzen kein Thema sind. Auch in der Facebook- unerzogen-Gruppe fallen öfter Sätze, wie „unerzogen hin oder her, aber ganz ohne Grenzen geht es nicht“. In der Folge werden dann Dinge aufgezählt wie: Ich kann mein Kind doch nicht durchgehend Fernsehen schauen lassen oder „Ich kann mein Kind nicht das neugeborene Geschwisterchen schlagen lassen“. In anderen Foren fallen dann eher Sätze, wie „Kinder ohne Grenzen werden zu respektlosen oder gar kriminellen Erwachsenen“ oder „Sie müssen später auch auf die Lehrer und den Vorgesetzten hören“.

Auf der einen Seite ist da wieder einmal das Bild des respektlosen Tyrannen. Das Kind, das gezähmt werden muss und lernen muss, sich zu fügen. Erziehung als unabdingbare Bedingung, um den Menschen in die richtige Richtung zu lenken und zum Guten hin zu formen. Auf der anderen Seite steht die Unsicherheit darüber, was Grenzen denn nun sind und das Missverständnis zwischen einer beziehungsorientierten Elternschaft, Verwahrlosung, Verantwortung, Machteinsatz und schützender Macht. Das volle Programm also.

Ich möchte gerne gleich zu Beginn mit diesem Missverständnis aufräumen:

Auch Kinder, die unerzogen aufwachsen, spüren Grenzen. Wir alle spüren diese jeden einzelnen Tag. Ob wir Grenzen auch brauchen, ist eine andere Auseinandersetzung wert, aber Fakt ist, dass wir diese haben. Unser Leben wird durch n a t ü r l i c h e und  r e a l e  Grenzen mitbestimmt. Und das ist genau der Unterschied:

Natürliche und reale Grenzen, keine willkürlichen.

Ich habe drei kleine Kinder. Drei kleine Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Wünschen und Gefühlen. Dazu zwei Erwachsene, die ebenfalls Bedürfnisse und zahlreiche Wünsche haben. Wenn wir zusammen einkaufen gehen, passiert es, dass die Kinder sich was aussuchen möchten und manchmal übersteigt es das vorhandene Budget. Unsere vorhandenen Mittel sind begrenzt. Eine reale und nicht willkürlich gesetzte Grenze. Also sage ich meinen Kindern:

„Es tut mir leid, aber leider reicht es dafür (diesmal) nicht.“

Das Geld dafür ist nicht vorhanden. Es ist nicht möglich. Und genau da ist der Unterschied zu: „Du kannst nicht alles haben.“ Ja, warum denn eigentlich nicht? Weil ich es sage? Weil man sagt, dass es nicht gut ist, wenn Kinder alles bekommen? Weil Kinder lernen müssen mit Frustration umzugehen?

Nun, meine Kinder reagieren auch auf reale oder natürliche Grenzen manchmal mit Frust. Ich als Erwachsene übrigens ebenfalls. Doch habe ich im Laufe der Zeit gelernt, immer besser damit umzugehen. Und genau da sind wir als Eltern gefragt:

Eltern sind da, um ihren Kindern zu helfen, mit ihren Gefühlen umzugehen, und nicht um Grenzen und zusätzlichen Frust künstlich zu kreieren! 

Wenn ich auf die Frustration meiner Kinder methodisch, erzieherisch oder gar aggressiv reagiere, haben wir alle nichts gewonnen. Ich nehme mir die Chance, die Gefühlswelt meiner Kinder kennenzulernen und entziehe ihnen die Chance, alternative Strategien im Umgang mit Frust zu erfahren. In solchen Situation ist, wie so oft, vor allem Empathie gefragt. Kinder wollen gesehen und mit ihren Gefühlen angenommen werden. So lernen sie mit natürlichen und realen Grenzen und dem daraus gegebenenfalls resultierenden Frust umzugehen.

Was ist aber, wenn mein Kind meine „Grenzen“ überschreitet und mich haut oder ich bestimmte Dinge einfach nicht möchte?

Manchmal übertreten Kinder bewusst oder unbewusst die körperlichen Grenzen anderer. Gerade unter Geschwistern ist körperlicher Streit ein Dauerthema. Kleine Kinder kommunizieren auch gerne nonverbal oder reagieren aggressiv auf Frust. Und wir reagieren gerne darauf mit „Man darf nicht hauen“ oder „Das macht man nicht“. „Spätestens hier ist doch eine Grenze erreicht!“ Oder nicht?

Es gibt verschiedene Gründe, warum ein Kind haut. Entweder hat es noch keine anderen Kommunikationswege im Repertoire oder es ist frustriert, wütend und mit seinen Gefühlen überfordert. Womöglich versucht das Kind auch schlicht, verzweifelt die eigene Integrität zu wahren. Es will uns etwas sagen und es ist unsere Aufgabe hinzusehen. Auch hier führt der Weg über Empathie und den Willen zu verstehen. Und dennoch dürfen, sollten und müssen auch wir unsere Grenzen wahren:

„Das tut mir weh. Ich will das nicht.“ 

In der Kita lernten meine Kinder „Stopp“ zu sagen und die Hand dabei auszustrecken, wenn ihnen jemanden zu nahe kommt oder sie sich bedrängt fühlen. Es passiert schon mal beim spielen, kämpfen oder kitzeln, dass wir gegenseitig unsere Grenzen übertreten. Dann rufen sie mir ein lautes „Stopp“ oder ein „Ich will das nicht (mehr)“ entgegen. Und ich respektierte es und zeige ihnen dabei sehr viel mehr, als wenn ich willkürliche Grenzen ziehen würde. Ihr Körper, ihre Regeln und Grenzen. Mein Körper, meine Regeln und Grenzen. Wir schützen uns ohne Willkür, denn was für mich körperlich eine Grenze ist, muss nicht für jemand anderes auch eine solche sein.

Ein Blick in andere Kulturen verrät, wie unterschiedlich das Empfinden von Grenzen, auch körperlicher Natur, sein kann. Das Verhältnis zu Nähe und Distanz kann sehr unterschiedlich sein und viele Missverständnisse aufwerfen. Während man sich hier zur Begrüßung die Hand reicht, gibt man sich anderswo links und rechts ein Küsschen auf die Wangen. Grenzen sind immer sehr individuell und sehr oft situationsabhängig. Zu den persönlichen Empfindungen kommen sozialisierte Verhaltensweisen und diese sind immer eine kritische Betrachtung wert.

Was ist aber, wenn mein Kleinkind zum Beispiel dem Geschwisterchen wehtut? Also die Grenze Dritter übertritt…

Dann schütze! Nimm das Geschwisterchen in den Arm, bleib dabei, sei aufmerksam, interagiere, begleite, übersetze, vermittle. Aber diskreditiere nicht dein Kind dafür oder verschiebe gar deine Verantwortung dahin. Genau das ist dein Job! Auch wenn der überforderte Dritte bereits erwachsen ist. Vermittle, biete Lösungen an. In Beziehung, nicht durch Erziehung.

Das gilt auch für andere Dinge, wo schnell die „Grenzkarte“ gezogen wird. So wird gerne bei Bildschirmmedien, Spielen mit Lebensmitteln, Körperhygiene, Schlafenszeiten, Süßigkeiten und vielem mehr mit „der persönlichen Grenze“ argumentiert. Der aufmerksame Leser wird bemerken, dass es die typischen Erziehung-Alltags-Themen sind und in der Regel verstecken sich dahinter tief sitzende Glaubenssätze. Grenze wird dann oft zur Legitimation für Erziehung, Kontrolle und Fremdbestimmung. Warum ich davon nichts halte und es für massiv beziehungsschädigend erachte, habe ich in meinen Artikel Fremdregulation von Kindern und in meinem Video Gewaltfrei geht nur ohne Erziehung! erklärt.

Kinder brauchen Empathie. Beziehung. Zuwendung. Interesse. Verbindung. Orientierung. Zuverlässigkeit. Authentische Menschen. Begleitung… Keine willkürlich gesetzten Grenzen. Kein Mensch braucht solche Grenzen. Grenzen begrenzen. Grenzen trennen. Aber sie sind da. Und sie frustrieren mitunter. Das Leben begrenzt uns von ganz allein. Wir brauchen keine künstlichen Grenzen. Auch Kinder nicht. Was Menschen brauchen, ist Verbindung, Beziehung und somit ehrliches Interesse aneinander.

Saluditos & Axé

Aida S. de Rodriguez

 

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9 Comments

  • Anne

    Reply Reply 22. Juli 2016

    Zu diesem Thema gibt es ein ganz tolles Buch von Rebeca Wild – „Freiheit und Grenzen – Liebe und Respekt“. Ich kann es sehr empfehlen, all Deine Worte finden sich darin wieder!

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 27. Juli 2016

      Danke, liebe Anne! Ich schließe mich der Empfehlung an! 🙂

  • Wibke

    Reply Reply 22. Juli 2016

    Hallo liebe Aida
    Das ist in schöner Text, so sehe ich das auch, es gibt Grenzen in der Welt, an die kommen unsere Kinder ganz automatisch, oder besser gesagt natürlicherweise, und dann bin ich da.
    Allerdings „regulieren“ wir sehr wohl Süßigkeiten, TV etc. Dafür gibt es bei uns klare Regeln, und je selbstverständlicher wir diese Regeln, man könnte auch positiver sagen „Rituale“ (manche mögen ja das Wort Regeln nicht) leben, desto einfacher und entspannter für ALLE.
    Manchem Dinge „sind einfaxh so“, ich weiss, ich mahe mich jetzt bestimmt bei einigen Leserinnen unbeliebt, aber zum Beispiel übers Zähneputzen diskutiere ich nicht, das wird gemacht, aber kindgerecht. Ich überrede nicht mein Kind oder übe Zwang aus, ich gestalte Dinge, die sein müssen, als Spass und als Ritual, dann gehen sie leichter.
    Liebe Grüße
    Wibke

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 27. Juli 2016

      Hallo Wibke,

      ich denke, du sprichst da ein wichtiges Missverständnis an. Unerzogen bedeutet nicht Dinge nicht anzubieten, vorzuleben und all seine Kreativität zu nutzen, ganz im Gegenteil.

      Spannend wird es aber doch genau an dem Punkt, wo ein Kind eben nicht einverstanden ist mit dem, was wir als selbstverständlich nehmen und mit viel Spiel und Feingefühl zu vermitteln versuchen. Was passiert, wenn ein Kind sagt: „Mama, mein Mund, mein Körper und ich will nicht! Auch dann nicht, wenn es zu unserem täglichen Ritual gehört, du mir bereits gesagt hast, wie wichtig es ist und welche Folgen es haben könnte und du mich auch noch so liebevoll behandelst und daraus ein Spiel machst. Ich will nicht! Hier und heute und jetzt, will ich es nicht.“?

      Nun, ich denke tatsächlich, dass es dann hier nichts zu diskutieren gibt, schließlich ist es nicht mein Körper und alles, was ich ab nun tun würde in meinen Augen Gewalt wäre. Hier geht es um Ambigüitätstoleranz zB. Mehr dazu, kannst du hier nachlesen: http://elternmorphose.de/10-faehigkeiten-an-denen-eltern-arbeiten-koennen-um-mit-ihren-kindern-in-beziehung-zu-sein/

      Mir fällt es schwer zu verstehen, was du unter Regeln verstehst, wenn du diese zugleich als Rituale bezeichnest. Magst du es anhand eines Beispiels ein wenig erläutern?

      Liebe Grüße

      Aida

  • Saskia

    Reply Reply 31. Juli 2016

    Ich habe einen Sohn von 19 Monaten. Er klettert gerne und viel. Und oft will er wohin wo es mir einfach zu riskant ist. Ich bin schon sehr locker und lasse ihn Viel selbst machen. Aber manchmal habe ich kein gutes Gefühl dabei. Dann versuche ich ihm zu erklären warum. Naja. Er ist 19 Monate alt und versteht das doch noch nicht so sehr wie ich es gerne hätte. Wenn ich ihn einfach schnappe und von dem weg hole wo mir nicht gefällt aber er gerne weiter machen würde ,breche ich da nicht auch seinen Willen?? Ist es meine Angst ,mein Thema ? Aber dennoch meine Aufgabe als Mutter aufzupassen, dass er sich nicht lebensgefährlich verletzt ?? Ablenkung nützt da leider auch nix bei ihm. Haben Sie einen Tipp ? Oder auch zwei ?😄😀

  • Lisa

    Reply Reply 23. Februar 2017

    Ich stimme hier in Vielem zu!
    Nur eine Sache sehe ich anders – auch durch persönliche Erfahrung :

    Manche v.a. längerfristige Folgen von (unterlassenen) Handlungen können Kinder auch einfach noch nicht abschätzen.
    Ich selbst habe Zähneputzen als Kind gehasst. Meine Mutter hat mich nicht gezwungen. Fast alle meine Milchzähne hatten Löcher. Je nach Veranlagung und Ernährung kann das passieten. Ich werfe es meiner Mutter heute noch vor und ja – bei meinen Kindern achte ich sehr auf Zahnhygiene.
    Ich glaube ein Kind, welches hier und jetzt nicht putzen möchte denkt einfach nicht daran, dass das irgendwann schlimme Folgen haben kann.
    Dafür lebt es zu sehr im hier und jetzt. Und ich weiß wie schlimm Zahnprobleme sind. Ich wünschte meine Mutter hätte mich gezwungen.

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