„Wenn du in die Pfütze springst, gehen wir nicht auf den Spielplatz!“ – Warum mit Konsequenzen meistens Strafen gemeint sind

happy little girl, wearing a pink jacket,  jumps into a puddle

Viele Eltern, aber auch Elternratgeber und Erziehungsexperten sind der Meinung, dass Kinder lernen müssen, dass ihr Verhalten Folgen hat. Darunter verstehen viele, dass ihre Kinder Konsequenzen erfahren müssen.

Hier sind einige Beispiele davon:

  1. „Wenn du in die Pfütze springst, gehen wir nicht auf den Spielplatz!“
  2. „Wenn du keine Hausaufgaben machst, dann darfst du nicht am Computer spielen!“
  3. „Wenn du zu spät nach Hause kommst, dann bekommst du Hausarrest.“
  4. „Wenn du dein Zimmer nicht aufräumst, dann gibt es kein Taschengeld.“
  5. „Wenn du dich nicht benimmst, dann bekommst du kein Geschenk.“
  6. „Wenn du dich nicht schlafen legst, dann gibt es keine Geschichte mehr für heute.“
  7. „Wenn du nicht deine Zähne putzt, dann gebe ich dir keinen Gutenachtkuss.“

Die Liste und der Einfallsreichtum der Eltern und Experten in Bezug auf angeblich logische Konsequenzen ist schier unendlich. Vielleicht fühlst auch du dich bei dem einen oder anderen Satz ertappt? Ich kann mich jedenfalls nicht gänzlich davon freisprechen. Auch mir rutschen sie schon mal über die Lippen.

Was ist aber nun das Problem daran?

Es sind zum einem, in dem Fall, alles „Wenn-dann-Sätze“ und nicht zuletzt keine Konsequenzen. Logische noch viel weniger. Nennen wir es beim Namen: es sind Androhungen von Strafen.

Eine Konsequenz ist eine unabdingbare Folge auf etwas. Sie ist logisch und zwingend.

Schauen wir uns eines der genannten Beispiele genauer an und überlegen wir uns, wie echte Konsequenzen und somit Folgen des Verhaltens aussehen könnten:

  • „Wenn du in die Pfütze springst, dann wirst du womöglich nass!“

Eine Pfütze enthält Wasser und wenn ich hinein springe, könnte es passieren, dass ich nass werde. Und es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass es passiert. Insofern ich keine Wasserabweisende Kleidung trage, ist es sogar unausweichlich.

Springen ins Wasser – ohne Schutzkleidung – führt logischerweise und zwingend dazu, dass man nass wird. Das ist eine logische und zwingende Konsequenz meiner Handlung. Mein Verhalten „in die Pfütze springen“ hat mit absolute Wahrscheinlichkeit die Folge „nass werden“.

Die Frage ist also, was hat der Spielplatz damit zu tun bzw. wie kann die Absage des Spielplatzbesuches zu einer logischen Konsequenz werden?

Schauen wir uns erst einmal zwei mögliche Szenarien an:

Das Kind sieht eine Pfütze. > Die Begleitperson ermahnt das Kind nicht in die Pfütze zu springen. > Das Kind interessiert sich weiterhin für die Pfütze. > Die Begleitperson „warnt“ den Spielplatzbesuch zu streichen, sollte das Kind in die Pfütze springen. > Das Kind hat Angst nicht auf dem Spielplatz zu dürfen. > Das Kind springt nicht in die Pfütze. > Das Kind darf weiterhin auf dem Spielplatz.

Oder:

Das Kind sieht eine Pfütze. > Die Begleitperson ermahnt das Kind nicht in die Pfütze zu springen. > Das Kind interessiert sich weiterhin für die Pfütze. > Die Begleitperson „warnt“ den Spielplatzbesuch zu streichen, sollte das Kind in die Pfütze springen. > Das Kind springt in die Pfütze. > Das Kind wird nass. > Die Begleitperson wird sauer. > Das Kind darf nicht mehr auf dem Spielplatz.

Die Begleitperson wird vermutlich argumentieren:

a) ich habe vorgewarnt,

b) mit nassen Sachen kann man nicht auf dem Spielplatz,

c) das Kind muss lernen, dass es hören muss

Machen wir es kurz: die Absage des Spielplatzbesuches ist keine Konsequenz auf meinem Sprung in die Pfütze.

Es ist hier eine Strafe.

Auf die Androhung einer Strafe reagiert das Kind im ersten Fall mit Angst und Gehorsam sowie möglicherweise mit Frust oder aber es reagiert wie im zweiten Fall, in dem es die Drohung ignoriert und weiter macht. Möglicherweise reagiert es anschließend auf die konsequente Umsetzung der Strafe ebenfalls mit Frust. Und da das Kind ja vorgewarnt war, angeblich etwas Falsches Tat und eben lernen soll, zu hören, wird es in den meisten Fällen auch nicht adäquat in der Frustration begleitet, sondern weiterhin ermahnt und schuldig gemacht. Selber schuld halt…

Was ist aber mit meiner Vorwarnung?

Die Vorwarnung war die Androhung einer Strafe. Keine Warnung über eine logische Konsequenz. Diese hätte sonst lauten müssen: „Wenn du in die Pfütze springst, dann wirst du nass!“

Es hätte darauf weitere Konsequenzen geben können: „Wenn du in die Pfütze springst, dann wirst du womöglich nass! Und du bleibst erst einmal nass, weil es nicht warm genug ist/ich dich nicht abtrocknen kann/keine Wechselkleidung habe.“

Aber wie verhält es sich mit meiner Fürsorgepflicht? „Mit nassen Sachen kann man nicht auf dem Spielplatz!“

Kann man schon, aber womöglich habe ich als Begleitperson gute Argumente warum ich es nicht möchte. Zum Beispiel mache ich mir dann (legitimerweise oder nicht) Sorgen, um die Gesundheit meines Kindes. Das kann ich dann meinem Kind auch so erklären. Oder aber, ich kann bei entsprechendem Wetter darauf achten immer auch Wechselkleidung dabei zu haben, gerade wenn mein Kind noch keine langen Erklärungen aufnehmen kann oder es öfters zu dieser Situation kommt.

Die Wahrheit hinter „Wenn du in die Pfütze springst, gehen wir nicht auf dem Spielplatz!“ ist:

  • Angst vor Konflikten.
  • Das Fehlen von alternativen Strategien zur Problemlösung.
  • Erzieherische Glaubenssätze in Bezug auf das Kind.
  • Das Verfallen in alten Erziehungsmuster.
  • Überforderung.
  • Machtmissbrauch.

Dabei meinen viele Eltern, die einen beziehungsfördernden Weg einschlagen wollen, eigentlich:

„Wenn du in die Pfütze springst, dann wirst du womöglich nass und bleibst auch erst einmal nass, da ich keine Wechselkleidung für dich dabei habe. Mit nassen Sachen will ich dich allerdings nicht auf dem Spielplatz lassen, da ich mir dann sorgen um deine Gesundheit mache. Ich will dann, dass wir nach Hause gehen. Und möglicherweise ist es dann zu spät für den Spielplatz oder ich habe einfach keine Lust mehr wieder zurückzulaufen.“

Also doch eine logische Konsequenz?

Nein!

Die logische Konsequenz bleibt „Wenn du in die Pfütze springst, dann wirst du womöglich nass!“, das Ergebnis kann dennoch am Ende dasselbe sein, nämlich, dass der Spielplatzbesuch ausfällt. Allerdings nicht, weil ich mein Kind bestrafen will oder weil es eine logische Konsequenz ihrer Handlung ist, sondern weil ich mir Sorgen mache.

Und nein, ich sage nicht, dass wir unsere Kinder zu Tode quatschen sollen, vor allem dann nicht, wenn sie gar nicht in der Lage sind all das aufzunehmen. Mir geht es auch nicht darum die Absolution und das Verständnis der Kinder zu erhalten. Es geht mir um das Bewusstsein darüber, worum es uns in Wahrheit geht. Mit Bewusstsein und entsprechender Klarheit lässt sich viel leichter nach Alternativen suchen und von als Konsequenz getarnten Strafen und Drohungen wegkommen.

Soll ich also mein Kind in ihr Unglück rennen lassen, wenn ich doch nun mir bewusst gemacht habe, dass am Ende der Spielplatzbesuch dennoch ausfällt, weil ich eben – warum auch immer – keine Wechselkleidung dabei habe und es gerade möglicherweise einen legitimen Grund gibt, warum ich mir Sorgen machen würde, wenn es nass bliebe?

Nein!

Übernimm die Verantwortung und zeige deinem Kind die Alternativen:

  • Wir gehen zuerst auf dem Spielplatz und du springst auf dem Rückweg in die Pfütze oder aber
  • du springst jetzt in die Pfütze und wir gehen danach (erst einmal) nach Hause. Der Spielplatz fällt für heute dann (möglicherweise) aus.

„Warte, du wirst nass! Lass uns zuerst auf dem Spielplatz, auf dem Rückweg springst du!“

Kurz und bündig.

Wenn das Kind dann nicht sowieso längst gesprungen ist, habe ich vermutlich nun die notwendige Aufmerksamkeit und wir können das Thema gemeinsam besprechen. Oder aber, es ist längst auf dem Arm oder an der Hand und wir auf dem Weg zum Spielplatz.

Möglicherweise reagiert das Kind aber auch frustriert, weil es jetzt springen will und dennoch auf dem Spielplatz gehen möchte. Oder aber, weil es gesprungen ist und du gerne nach Hause willst. Deine Aufgabe hier ist es dann zu trösten und zu begleiten. Und genau das ist es, was es lernen soll: ich werde gesehen und ernst genommen.

Ganz sicher ist es nicht beziehungsfördernd oder zielführend das Kind zu bedrohen und zu bestrafen! Damit schiebst du nämlich zusätzlich die Verantwortung auf dein Kind. Diese kann es aber gar nicht tragen! Was an Strafen außerdem so schädlich ist, welche Alternativen es dazu gibt und warum Gehorsam sowie Folgsamkeit nicht das Ziel sein kann, erzähle ich demnächst sehr dezidiert in einer eigenen Artikelserie.

Saluditos & Axé

Eure

Aida S de Rodriguez

 

 

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About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

16 Comments

  • Karin Seidel

    Reply Reply 2. Juni 2016

    Ich liebe deine Artikel und freue mich auf Neuigkeiten per E-Mail. Danke für deine Texte.

  • Adina

    Reply Reply 13. Januar 2017

    Vielen Dann! Ich freue mich schon auf den neuen Artikel! Mir fällt es noch schwer, Situationen richtig aufzulösen, da sind deine Beispiele super 🙂

  • Tanja Richmond

    Reply Reply 23. Januar 2017

    Hallo, ich hätte gern auch Ihre Berichte per E-Mail.
    Liebe Grüße Tanja

  • Sabine

    Reply Reply 12. Juni 2017

    Wirklich sehr schön und einleuchtend erklärt. Solche Verhaltensweisen sind einem oft nicht bewusst. Gerne möchte ich meiner Tochter die Wurzeln für ein glückliches und selbstbestimmtes Leben geben. Ich habe dafür noch viel zu lernen und solche Artikel helfen da sehr. Vielen Dank. Freue mich auf weitere Artikel. Sabine

  • Christopher Felix

    Reply Reply 27. August 2017

    „Wenn, dann“-Sätze finde ich überhaupt nicht Bedürfnisorientiert. Vielleicht habe ich es auch falsch verstanden, aber es klingt hier so, als würden bedürfnisorientierte Eltenr diese Sätze benutzen. Für mich sind sie eher Synonym für die klassische Erziehung.

  • Gisa

    Reply Reply 17. September 2017

    Danke für diesen Artikel. Das erste Mal hab ich verstanden, was wirklich gemeint ist.
    Intuitiv mache ich es auch (meistens) genau so. 🙂

  • Wolfgang

    Reply Reply 9. Oktober 2017

    Das ist exakt die Anwendung dessen, was in den 60er Jahren ein amerikanischer Erziehungswissenschaftler u. Psychologe mit vielen Praxisbeispielen in seinem Ratgeber für junge Eltern erklärt hat. Das Buch hatte den Titel „Kinder fördern uns heraus“.

  • Wolfgang

    Reply Reply 9. Oktober 2017

    Richtig: „Kinder fordern uns …“

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