Urlaub mit der Verwandtschaft? – 10 Tipps damit der Familienurlaub nicht zum Spießrutenlauf wird

Little girl in straw hat sitting in the trunk of a car

Urlaub und Erholung? Fehlanzeige! Feiertag ist Streittag. So jedenfalls in zahlreichen Familien. Die hohen Erwartungen aller Beteiligten auf entspannte, harmonische Tage wird selten erfüllt. Der Druck der zurückliegenden Tage und Wochen kann sich entladen und die Enttäuschungen über nicht erfüllte Erwartungen tun ihr übriges.

Kommen da noch lange Flug- oder Fahrtzeiten zu den Verwandten oder dem Urlaubsort dazu, aufgeregte Kinder, die sich auf die Familie, den Osterhasen, den Weihnachtsmann oder auf die Sommerferien freuen sowie erzieherische Verwandte, ist Streit vorprogrammiert.

Besonders spannend zu beobachten ist es, dass selbst reflektierte Menschen unter den Einfluss von Stress und im Umfeld der eigenen erzieherischen Familien in alte Muster fallen.

Kommt dir das auch so bekannt vor? Mein Mann und ich tappen jedenfalls regelmäßig in dieser Falle.

Die vielen erwartungsvollen Augen, die nur darauf warten, die elterlichen Qualitäten zu bewerten, so jedenfalls oft durch die Eltern empfunden (!), und schlecht geschlafene Nächte in der fremden Umgebung für Kinder und Eltern machen die Situation nicht einfacher.

Ganz schnell wird da der Ruf nach Gehorsam der Kinder laut: „Sie könnten doch einmal – wirklich nur dieses eine Mal – hören…!“. 😉 Können die Kinder dann „nichts damit anfangen“, ist der oder die Schuldige schnell gefunden: der/die PartnerIn oder die Eltern insgesamt.

„Deine Erziehungsmethoden funktionieren nicht!“ ertönt es da schnell. Manchmal auch nur in der Phantasie und in den Gedanken der Eltern. Sie fühlen sich verurteilt und werden zunehmend unsicher und gereizt. Ein Teufelskreis entsteht, der sich meist schnell durch ein klärendes Gespräch durchbrechen lässt. In der Regel setzen wir uns ganz unnötig unter Druck.

In dem Moment, da dieser Satz aber tatsächlich fällt, hilft es recht wenig, dem Gegenüber zu erklären, dass unerzogen weder funktioniert, noch eine Methode ist. Und auch Gegenattacken führen ganz sicher nicht zur erwünschten Harmonie und Entspannung.

Wie aber reagiert man in solchen Situationen?

Wie behält man einen kühlen Kopf, wenn scheinbar alle um einen herum nach Regeln und Grenzen rufen und selbst der/die Partner/in einem in den Rücken zu fallen scheint oder allgemein nicht sonderlich überzeugt von der eigenen Haltung ist und sich nun zusätzlich in seiner erzieherischen Haltung gestärkt fühlt?

Wie schützt man sich und die eigenen Kinder vor übergriffigem Verhalten durch die Verwandtschaft?

Hier meine 10 Tipps für eine gelungene Zusammenkunft aus vielen Jahren interkontinentaler Reiseerfahrung zu und mit meiner Familie:

1) Zuallererst: Ruhe bewahren!

Diese Art von Vorwürfen verletzen, bringen uns oft dazu, uns zu rechtfertigen oder machen uns selber wütend und aggressiv. Da hilft es, für einen freien Kopf zu sorgen und die Situation nicht überzubewerten. Besonders dann, wenn es nur eine Ausnahmesituation ist und ihr als Elternpaar normalerweise beide euer Kind respektvoll begleitet. Oft bleibt es nur eine Momentaufnahme, die Wut verfliegt und die Situation ist schnell ohne weitere Eskalation vergessen. Was dir deine Wut sagen möchte und wie du mit dieser umgehen kannst, ist hier nachzulesen.

2) Empathie für dein Gegenüber

Dein/e Partner/in ist vermutlich gestresst, genau wie du nicht ausgeschlafen und hat gerade womöglich selber mit dem eigenen innerem Kind zu tun. Offenbar sind Bedürfnisse nicht gestillt und Überforderung macht sich breit.

Wenn es dir gelingt auch noch deinem Partner / deiner Partnerin empathisch zu begegnen, fühlt er/sie sich gesehen und ist offener für alternativen Strategien. Wir sind eher bereit zuzuhören, wenn wir den Eindruck gewinnen, dass auch uns zugehört wird. Gerade wenn es um die eigene Familie geht, liegen nicht selten die Nerven blank.

3) Ausflüge schaffen Entspannung

Solche Situationen eskalieren besonders gerne in geschlossenen Räumen. Die gewohnte Umgebung ist nun „belagert“. Die Kinder wollen alles genau inspizieren und erforschen. Die Umgebung ist womöglich auch gar nicht vorbereitet auf den kindlichen Besuch.

Auch wenn sich die Verwandtschaft sehr über die Gäste gefreut hat und man selbst sich auf die Zusammenkunft, so bieten sich auf neutralem Boden oft entspanntere Begegnungen. Dies lässt sich auch ganz spontan besprechen. Manchmal reicht bereits ein kleiner Spaziergang zum nächsten Spielplatz, um ein wenig runter zu kommen.

4) Das ruhige Gespräch

Der Ruf nach Vernunft wird sehr schnell laut. In der Regel aber wird dies leider von den ganz Kleinen verlangt und erwartet. Sie sollen sich bitte erwachsen und konform benehmen.

Ich würde das vernünftige Gespräch stattdessen beim Erwachsenen ansetzen. In einer ruhigen Minute, wenn die Situation deeskaliert ist und man die nötige Aufmerksamkeit hat, lässt sich viel konstruktiver diskutieren und Lösungen finden als im Eifer des Gefechts.

5) Separate Wohnungen

Wenn der Besuch bei der Verwandtschaft immer wieder zum Spießrutenlauf wird, lohnt es sich, darüber nachzudenken, zukünftig separate Wohnungen zu nehmen. Gerade wenn man die Eltern oder Schwiegereltern besucht, zieht man ja mit allem Drum und Dran förmlich ein. Einerseits ist da diese vertraute Atmosphäre, andererseits ist es eine regelrechte Invasion. Liegen die Meinungen in Bezug auf den Umgang mit Kindern auch noch meilenweit auseinander, so ist die Enttäuschung und Anspannung auf beiden Seiten vorprogrammiert.

Ein Umzug beim gemeinsamen Urlaub lässt sich notfalls auch vor Ort regeln. Niemand muss irgendwo durch! Es ist in Ordnung, wenn die Lebensweisen nicht zusammenpassen. Mit dem nötigen Abstand kann der Blick wieder auf die Gemeinsamkeiten gelenkt werden.

6) Vorleben

Gehe mit deinen Mitmenschen so um, wie du dir wünschst, dass mit dir umgegangen wird. Das gilt nicht nur für die Beziehung zu deinen Kindern, sondern auch zu allen anderen.

Viele Erwachsene gehen sehr respektvoll miteinander um. Bei Kindern hingegen haben wir durch Erziehung noch eine sehr archaische Vorstellung davon, wie der adäquate Umgang mit ihnen aussehen soll. Umso wichtiger ist es, uns dies bewusst zu machen und unseren Kindern mit Respekt zu begegnen.

Auf der anderen Seite leben viele zunehmend achtsam und bedürfnisorientiert mit ihren Kindern, sind aber im Umgang mit Erwachsenen noch in ihrer erzieherischen Haltung gefangen. Hier ist Neugier und Achtsamkeit gefragt, nicht zuletzt auch, weil unsere Kinder (sowie alle anderen auch) am Vorbild lernen.

7) Jedem seine Beziehung lassen

Dieser Teil ist nicht ganz so einfach. Wie soll ich anderen die Beziehung zu meinem Kind lassen, wenn ich ihren Umgang nicht für gut halte?

Hier ist Feingefühl gefragt. Kinder haben ein Recht auf Erfahrung und auf ihre Beziehungen. Und diese werden sich von Mensch zu Mensch stets unterscheiden. Kinder sind auch unglaublich kompetent und können dies in der Regel wunderbar unterscheiden und melden sich, wenn etwas nicht in Ordnung ist und eine entsprechende Vertrauensbasis vorhanden ist.

Dein/e Partner/in oder die Großeltern müssen nicht alles genau wie du machen. Sie sind verantwortlich für die Qualität ihrer Beziehung zum Kind und das kannst du auch bei ihnen lassen.

Das bedeutet aber nicht, dass du dein Kind übergriffigem Verhalten aussetzen und es sich selbst überlassen sollst. Du musst dich auch nicht zum verlängerten Arm anderer und derer Methoden machen (lassen). Dies braucht aber nicht in Konfrontation stattzufinden. Mit einer wohlwollenden Haltung und der Annahme, dass alle nur ihr Bestes geben und die besten Absichten hegen, kannst du schneller die Überforderung erkennen und unterstützend statt anklagend eingreifen.

8) Das Vorgespräch

Wenn sich bestimmte Situationen gerne wiederholen, lohnt es sich, das Thema bereits im Vorhinein anzusprechen und gemeinsam nach Alternativen zu suchen.

Wenn ich weiß, dass mein/e Partner/in nach einer langen Autofahrt schlechte Laune bekommt, so könnten wir ausmachen, mit dem Zug zu fahren. Oder aber ich plane gleich bei Ankunft einen Ausflug mit den Kindern und gebe ihm so Zeit sich zu regenerieren. Wenn ich weiß, dass mein/e Partner/in in seinem Elternhaus wieder in alte Erziehungsmuster fällt, kann ich dies gezielt ansprechen und den Umgang damit besprechen.

Genauso kann ich auch mit der Verwandtschaft das Gespräch suchen und so für alle die bestmögliche Lösung suchen. So weiß ich, dass meine drei kleinen Kinder in einer Stadtwohnung schnell einen Lagerkoller bekommen und meine Oma zugleich viele kleine Porzellan-Figuren sammelt. Keine gute Kombination also, und darüber sollten wir sprechen.

9) Die Vermeidungsstrategie

Manchmal ist es eine ungünstige Phase. Die Kinder schlafen schlecht. In der Familie war viel Stress. Das Autofahren oder gar eine längere Flugreise klappt gerade nicht so gut. Oder aber es fehlt an Kompatibilität und es artet immer in Stress für alle Beteiligten aus.

In diesem Fall kann es hilfreich sein, Familienfeste, Ausflüge, den Feiertag oder gar längere Reisen einfach mal gut sein zu lassen. Das Jahr hat 365 Tage. Niemand verpflichtet uns, uns zu einem ungünstigen Zeitpunkt solchen Stress auszusetzen.

10) Klare Statements

Das Kind braucht auch mal Grenzen!“ – „Nein.“ Punkt.

Keine Diskussionen, keine Rechtfertigung. Höchstens ein Stattdessen: „Es braucht Ruhe.“ oder „Es hat Hunger.“

Nimm dein Kind in solchen Situationen aus der Schusslinie und gebe dem Anderen die Zeit sich zu beruhigen. Lass dich weder auf erhitzte Diskussionen ein (meine Schwachstelle), noch versuche zu überzeugen. Kümmere dich um dein Kind und um dich selbst.

Unsere Fähigkeit, Dinge ein wenig Vorauszuplanen, kann sehr hilfreich sein, nur fokussieren wir uns in der Regel dabei auf Gegenstände und vergessen die zwischenmenschliche Ebene. Dabei lassen sich neue Zahnbürsten oder Schwimmflügel notfalls auch vor Ort besorgen, ein Grundsatzstreit in der Familie hingegen kann einen langersehnten Urlaub zur Katastrophe werden lassen.

Wenn wir dann auch noch schaffen, trotz aller Planung spontan auf die Gegebenheiten einzugehen, die Perspektiven anderer einzunehmen oder wenigstens anzunehmen sowie überhöhte Erwartungen abzulegen, dann haben wir gute Chancen eine schöne Zeit zusammen zu verleben.

Achtsamkeit, gegenseitiger Respekt und Empathie erlauben uns nicht zuletzt auch in unserer Selbstwirksamkeit zu bleiben.

Ich wünsche eine gute Zeit!

Dein Urlaub ist längst vorbei? Der nächste kommt bestimmt… 😉

Saluditos & Axé

Aida S. de Rodriguez

 

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Foto von GTeam bei Fotolia.

About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

6 Comments

  • Jana

    Reply Reply 5. September 2016

    Herzlichen Dank für Ihre vielen weiterhelfenden Artikel.

    Manchmal habe ich mir beim Lesen gewünscht, so beziehungsfähige und rücksichtsvolle Eltern gehabt zu haben wie Sie. Leider habe ich Verhaltensweisen, wie Sie diese beschreiben, niemals selber kennen gelernt und wäre auch nicht im Traum darauf gekommen, dass es also auch anders gehen kann.

    Bei Urlauben zum Beispiel war das Wichtigste bei uns (wie sonst auch) die Sparsamkeit – obwohl die Eltern inzwischen längst nicht mehr arm waren wie zu ihrer Studentenzeit. Und dann wurden (dauerhafte) soziale Belastungen lieber inkauf genommen statt eine Alternative zu erwägen, die etwas zusätzlich gekostet hätte.

    Noch eine Frage, die mich schon länger beschäftigt: Früher habe ich manchmal Erwachsene gesehen, die mit ihren Kindern überfordert waren, oder die sogar überzeugt sind von ihrem Umgang mit Kindern, dass man sie schlagen müsse. Ich habe nie gewusst, wie man dort eingreifen kann, so dass es eine positive Wirkung hat und nicht nur weiteren Ärger für das Kind und den Kritisierenden bringt. Könnten Sie darüber auch mal einen Text schreiben?

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 13. September 2016

      Hallo Jana,

      vielen Dank für deine Zeilen (ich hoffe, das informelle Du ist in Ordnung?). Es freut mich, dass ich dir damit eine neue Perspektive aufzeigen kann und es dir einen Mehrwert bietet.

      Das, was du über deine Erfahrungen schreibst, berührt mich auf zwei Ebenen sehr. Auf der einen Seite sehe ich dich und meine in deinen Zeilen auch sehr viel Trauer zu lesen?! Auf der anderen Seite sehe ich die Erwachsene, die dich umgaben und es höchstwahrscheinlich einfach nicht anders konnten, weil auch sie ihre Geschichten hatten. Umso wichtiger und schöner, dass du diesen Schritt des Bewusstseins gehst und für dich diesen Kreislauf durchbrechen kannst!

      Danke für die Anregung zu einem Artikel zu diesem wichtigen Thema. Bereits vorab kurz dazu: An erster Stelle steht Schutz für das Kind. Je nach Ausgangslage versuche ich zu den Eltern in Beziehung zu gehen, Hilfe anzubieten, stelle mich aber dabei schützend vor das Kind und gehe auch zu diesem in Beziehung. Ich versuche die Eltern möglichst nicht zu verurteilen, bin aber deutlich in meiner Haltung, dass ich dieses Verhalten nicht toleriere und auch nicht zuschauen werde. Ist es jemand, mit dem ich in Kontakt stehe und etwas ändern möchte, biete ich Hilfe zur Entlastung und begleite bei der Suche nach entsprechender Therapie und Unterstützung. Ist die Person nicht kooperativ, melde ich es dem Jugendamt. Werde ich Zeuge im öffentlichen (oder auch privaten) Raum und diejenige Person wirkt aggressiv und Verständnislos, rufe ich die Polizei.

      Herzliche Grüße
      Aida

  • Dalia

    Reply Reply 5. September 2016

    Dieses Jahr habe ich Nein zum ersten Großfamilienurlaub gesagt, und das war eine der besten Entscheidungen. Ich wusste vorher schon wer mit wem Streit anfangen würde, und sogar weswegen. Und trotz jahrelanger Erfahrung diesbezüglich, teilten sich alle eine klaustrophobische Plastikhütte. Und mein einjähriger hasst Autofahren, und wir sollten mit zwei Babies und einem Kleinkind zu neunt in den Kleinbus…
    Naja, jedenfalls wollte keiner auf mein fröhliches „Wie war der Urlaub“ antworten. 😀

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 13. September 2016

      😉

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