Wenn Kinder nicht hören wollen – 6 Schritte zu einer gewaltfreien Lösung

Mother berating her little kid son for disorder at home

Kennst du das, wenn du den Eindruck hast, deine Kinder tanzen dir förmlich auf der Nase rum? Du willst ihnen auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen, aber sie hören einfach nicht?

Als Mutter von drei praktisch gleichaltrigen Kindern kenne ich solche Momente sehr gut. Da läuft der eine nach links, der nächste nach rechts und der dritte wieder zurück. Man hat womöglich den ganzen Tag die Wohnung aufgeräumt und geputzt und binnen weniger Minute sieht es aus wie vorher. Oder auch sehr beliebt: die morgendliche Verweigerung, gerade dann, wenn man es besonders eilig hat. Oder man denkt sich vielleicht eine tolle Unternehmung aus, aber es artet in Chaos und Stress aus.

Viele bedürfnis- und beziehungsorientierte Eltern durchleben in solche Momente starke Verunsicherung, vor allem dann, wenn Stimmen laut werden, die nach Erziehung rufen und einem vorwerfen zu lasch zu sein. Manchmal ist es sogar der Partner oder die Großeltern, die meinen, die Kinder würden sich aufgrund fehlender Orientierung, gemeint ist aber Erziehung, völlig egoistisch und Rücksichtslos verhalten. Ganz oft kommt auch der Einwand, dass es ja auch um die eigenen Bedürfnisse gehe und man doch seine Grenzen wahren müsse.

Bedürfnisse, Grenzen, Rücksicht, Respekt, alles starke Worte. Und diese Dinge stehen uns allesamt zu. Wie also unsere Kinder, gerade wenn sie noch sehr klein sind, dazu bringen uns Respekt entgegenzubringen, unsere Grenzen zu achten, unsere Bedürfnisse zu berücksichtigen und somit rücksichtsvoll zu sein?

Die Antwort auf diese Frage dürften diejenigen, die meine Arbeit bereits eine Weile kennen oder selbst unerzogen leben, vollkommen klar sein: Durch Vorleben!

Wenn du jetzt hier aber Erziehungstipps erwartet hast, dann muss ich dich leider enttäuschen. Gerne aber teile ich dir Alternativen zur Erziehung mit und erzähle dir wie du durch Vorleben mit deinem Kind eine respekt- und rücksichtsvolle Beziehung führen kannst .

Über Respekt und Rücksichtnahme habe ich sogar ein Video aufgenommen, das findet ihr Hier.

Fangen wir also von vorne an und gehen gleich ans Eingemachte:

Das Problem liegt nicht am Kind, es liegt in der Regel an unsere Erwartungen! Wir erwarten einfach zu viel. Von uns und vor allem von unseren Kindern. Gerade, wenn sie noch sehr klein sind.

Wir neigen dazu, von Kindern Dinge abzuverlangen und zu erwarten, wozu sie schlicht noch nicht in der Lage sind und bei den Sachen, die sie eigentlich können, unterschätzen wir ihre Kompetenz und limitieren sie.

Es ist wundervoll, wenn Eltern ihre Kinder nicht durch Angst zum Gehorsam erziehen. Aber sie sollten sich nicht der Illusion hingeben, dass ihre Kinder dann eben durch Beziehung und Augenhöhe gehorsam werden. Das ist aber auch gar nicht erst das Ziel, da Gehorsam nicht erstrebenswert ist.

Dies bedeutet allerdings auch nicht, dass wir nicht nein sagen dürfen. Wir Eltern setzen keine Grenzen, Grenzen sind da! Und sie sind überall da legitim existent, wo es um den Schutz von Integrität geht. Es geht also im Grunde nicht um Grenzen, wonach oft schnell gerufen wird, sondern um Schutz. Wir neigen aber dazu diese Schutzverantwortung beim Kind abzuladen und erziehen an ihrem Verhalten rum.

Natürlich kann und sollte ich Nein sagen, wenn trotz aller Reflexion und Alternativensuchen Nein gemeint ist. Es geht auch nicht darum Konflikte um jeden Preis aus dem Weg zu gehen, denn sie gehören zum Zusammenleben dazu. Es geht darum den berechtigten Frust der Kinder zu begleiten, ihre Gefühle zuzulassen und eben nach Lösungen außerhalb der Box zu suchen.

Wenn eine bestimmte Situation immer wieder eintritt, dann liegt es nicht daran, dass das Kind etwas nicht versteht, sondern das offenbar wir etwas nicht verstanden haben! Es sind unsere Erwartungen, die uns da im Wege stehen!

Unsere überhöhten Erwartungen bringen uns schnell in die Opfer-Rolle! Das schlimme daran ist, dass wir dadurch den Kindern die Verantwortung überstülpen. Eine Verantwortung, die sie gar nicht tragen können. Und wir machen sie zum Täter, nicht ohne Grund hält sich die Legende des tyrannischen Kindes, der Feind im eigenen Haus, so verdammt hartnäckig.

Von kleinen Kindern kann man keine Empathie erwarten, schon mal gar nicht für Dinge, die für sie schlicht noch keinen Sinn ergeben. Sie wollen ihre Welt entdecken und erfahren! Und gerade wenn es mehrere kleine Kinder auf einmal sind, wie es bei uns Zuhause zum Beispiel der Fall ist, so haben sie außerdem viel damit zu tun, nicht zu kurz zu kommen. Über das Thema Geschwisterstreit habe ich hier ausführlich geschrieben.

Unsere Kinder tanzen uns also nicht auf der Nase rum. Sie leben! Sie tun nichts gegen uns. Sie tun etwas für sich.

Aber ja, ich kenne dieses Dilemma und die dazugehörige Erschöpfung sehr gut. Eine übermenschliche Anstrengung. Drei kleine Kinder auf einem Mal und jeder läuft in einer anderen Richtung. Es gibt nie einen Moment Ruhe. Puh.

Aus der Erfahrung der letzten Jahre kann ich allen Eltern folgendes ans Herz legen: Gestalte dir die Welt einfacher!

Hier meine 6 Impulse an dich:

1. Meide Situationen, die anstatt Freude, Stress bereiten! Manchmal sind es Unternehmungen, welche wir sehr gerne machen oder aber uns eigentlich entlasten sollten. Tun diese aber gerade nicht. Es geht aber auch nicht um die Vermeidung für immer, vielleicht nicht einmal für Wochen, aber für den Moment!

2. Suche nicht die Lösung am Benehmen der Kinder! Es ist nicht ihr Verhalten, das sich ändern muss, sondern der Rahmen, in dem ihr euch bewegt und deine Einstellung zu den Dingen! Beides kannst du gestalten! Schaffe also eine Ja-Umgebung und arbeite an deiner Haltung!

3. Ändere deine Perspektive auf die Dinge! Dann sieht die Wohnung eben eine Weile wie nach einem Wirbelwind aus, daran stirbt niemanden! Aber eurer aller Nerven, vor allem aber eure Beziehung zueinander wird geschont.

4. Lege deine Erwartungen ab! Es sind Kinder und du bist auch nur ein Mensch. Sie müssen nicht funktionieren und du musst nicht alles schaffen.

5. Lasse dir helfen! Kinder zu begleiten ist eine herausfordernde Aufgabe. Wir sind dabei oft großen Stress ausgesetzt, müssen blitzschnell entscheiden, sind ständig gefragt. Es ist nicht nur ok für sich zu sorgen und eine Pause zu machen, sondern es ist unabdingbar.

6. Lehne dich zurück! Deine Kinder werden schnell groß, aber es wird noch eine ganze Weile brauchen bis bei euch „Ruhe“ eingekehrt ist. Schone also deine Kräfte und genieße diese kurze Zeit. Wann, wenn nicht jetzt, hat man schon einen so wichtigen Grund, um Fünfe gerade sein zu lassen???

Es kann gar nicht oft genug wiederholt werden: Wir Erwachsenen tragen die Verantwortung für die Qualität der Beziehung zum Kind. Wir allein. Nicht das Kind! Wir können für die Entlastung und Veränderung der Situation sorgen. Nicht das Kind. Wir sind gefragt, die Bedürfnisse aller (!) zu erkennen und nach einen Weg des Unden (ein sowohl als auch) zu suchen. Wir! Nicht die Kinder! Weil sie es nicht können. Und, weil es genau unsere Aufgabe und Verantwortung ist.

Fokussiere dich also auf das Bedürfnis hinter dem Verhalten und nicht auf das Verhalten an sich. Es gibt immer einen Grund warum Menschen agieren, wie sie agieren. Mehr dazu kannst hier nachlesen: Wenn der Wunsch nach Folgsamkeit, von unseren Bedürfnissen ablenkt.

Und wenn du frustriert darüber bist, wie es gerade läuft, so schaue genau hin! Was brauche ich? Was braucht mein Kind? Und wie bekomme ich es hin uns allen gerecht zu werden? Das klappt immer dann, wenn ich Bedürfnisse erkenne und den Rahmen danach gestalte. Und sei es, indem ich eben Hilfe annehme!

Saluditos & Axé

Eure

Aida S de Rodriguez

 

 

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Artikelfoto von Oksana Kuzmina, erworben auf Fotolia.

About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

11 Comments

  • Elisa Prall

    Reply Reply 3. Juni 2016

    Habe mich gefreut wieder mal solche tolle Ratschläge von Ihnen zu lesen. Die 6 Punkte sind sehr leicht umsetzbar, wenn man eigentlich alle Sorgen und Probleme von sich abschüttelt und einfach die Kinder in ihrem Erkunden, Wachsen und Lernen begleitet.

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 8. Juni 2016

      Hallo Elisa,

      es ist mit Sicherheit keine leichte Aufgabe an sich zu arbeiten und auch noch den Alltag zu bewältigen. Es ist nicht nur, nicht leicht, sondern extremst herausfordernd.

      Aber es ist ein Weg, der sich wirklich lohnt. <3

      Alles Liebe

      Aida

  • Katy

    Reply Reply 3. Juni 2016

    Hallo Aida!
    Ich kenne deine Seite (noch) nicht daher interessiert es mich brennend, gehen deine Kinder, oder eins der Kinder in die Kita? Falls ja, wie regelst du das, dass die Erzieher deinem Konzept folgen? Oder anders herum, meiner (2 Jahre) geht in eine städtische Kita und mir wird immer gesagt er würde beißen und ich solle ihm nix durchgehen lassen, dabei ist er zuhause meist lieb aber ich möchte ihn nicht andauernd Strafen, ich möchte aber auch dass er lieb in der Kita ist und da nicht gestraft wird… 🙁 hast du einen Tipp für mich?

    Lieben Gruß, die auf deiner Seite crawlende Katy

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 8. Juni 2016

      Mensch Katy,

      da wird mir ganz schwer ums Herz.

      Also, ja, meine Kinder besuchen alle drei eine Kita. Ich lebe allerdings eine Haltung. Ich folge kein Konzept. Unerzogen bedeutet die Abwesenheit von Erziehung. Erziehung verstanden als eine bewusste Formung eines Kindes. Und das lehne ich für mich ab.

      Und da ich Erziehung für schädlich halte, lehne ich dies auch ab, für die Menschen, denen ich meine Kinder für so viele Stunden am Tag anvertraue.

      Ich habe mir also eine Institution gesucht, die von der Haltung ähnlich eingestellt ist wie ich. Die Menschen, die dort arbeiten begegnen Kinder respektvoll und sind um Augenhöhe bemüht. Aber es sind eben Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Ansichten. Und so sind auch einige erzieherische Menschen dabei. Deswegen war mit wichtig, dass meine Kinder die Möglichkeit haben, sich dem zu entziehen. Es ist also eine Kita mit einem offenen Konzept und wenn es doch mal Schwierigkeiten gibt, suche ich das Gespräch und setze mich für meine Kinder ein. Gerade, wenn viele neue Erzieher_innen hinzu kommen, kann es schnell kippen.

      Wenn also eine pädagogische Kraft mir sagen würde, dass a) mein Kind viel beißt (was es Zuhause nicht macht) und b) ich da nichts durchgehen lassen soll, dann würden bei mir die Alarmglocken wirklich ordentlich läuten!!!!!!

      Offenbar fehlen da wichtige Kenntnisse über die kleinkindliche Entwicklung und auch darüber, wie Kinder in dieser sensiblen Phase begleitet werden sollten. Sicherlich nicht, indem nichts durchgelassen wird.

      Kleine Kinder beißen. Und das aus verschiedenen Gründen. Und wenn dieses Verhalten nur dort stattfindet, dann liegt das Problem vermutlich auch dort. Womöglich ist es ihm zu viel. Zu viele Kinder, zu viel übergriffiges Verhalten, zu viele Stunden, zu viele Regeln, oder oder oder.

      Vielleicht geht es auch um Kommunikation. Das findest du leicht raus, wenn dein Kind auch außerhalb der Kita Kontakt zu Kindern hat und sich dann ähnlich verhält.

      Ich würde also dringend (!!!) das Gespräch suchen und mir genau beschreiben lassen, wann und wie es dazu kommt sowie wie dann darauf eingegangen wird.

      Gerne kannst du mich dann erneut kontaktieren und wir schauen weiter gemeinsam drauf.

      Hast du das hier schon entdeckt? Kannst du dir auch gerne ausdrucken und ggf. mitnehmen:
      http://elternmorphose.de/6-gruende-warum-kleine-kinder-hauen/

      Alles Liebe
      Aida

  • Jannie

    Reply Reply 24. Oktober 2016

    Hallo,

    der Artikel kam mir sehr gelegen. Noch am Freitag habe ich mir von meiner Mutter eben diese oben genannten Vorwürfe anhören dürfen. Ich weiß, dass ich es gut und richtig mache, aber es ist manchmal wirklich schwer. Unsere Große (3) ist momentan typischerweise für ihr Alter sehr anstrengend. Sie spielt gerne mit ihrer kleinen Schwester, aber in einer Art und Weise die ich nicht gut finde. Sie steckt ihr den Finger in den Mund, teilweise bis sie würgt, die Nase, die Ohren, hält ihr ein Springseil hin und reißt es dann plötzlich weg, obwohl es sich um die Hand der Kleinen gewickelt hat (7 Monate). All das sind Dinge, gegen die die Kleine sich teilweise wehrt, aber aufgrund ihres Alter noch nicht effektiv genug, oder die ich für gefährlich halte. Wenn ich der Großen sage, dass ihre Schwester das nicht möchte hat das keinerlei situationsverbessernde Wirkung, ebenso wenig wie ein Nein, bzw. führt zu einem Wutanfall. Ich weiß ja, das sie es nicht böse meint, aber in solchen Situationen will ich einfach nur, dass sie tut was ich ihr sage… Und die ganze Zeit die Kleine von ihr fern zu halten ist ja auf lange Sicht auch keine Lösung. Ich bin noch recht neu „dabei“, was gewaltfreie Elternschaft betrifft, daher fehlt mir da noch ein wenig das nötige Wissen mit der Situation umzugehen, sodass wir alle zufrieden sind. Hast du einen Tipp für mich?

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