Wenn der Wunsch nach Folgsamkeit, von unseren Bedürfnissen ablenkt – Der Weg zurück in die Empathie

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Es ist nicht das erste und sicher auch nicht das letzte Mal, dass ich dieses Thema aufgreifen werde. Immer wieder werde ich von Eltern kontaktiert, mit der verzweifelten Frage, wie sie denn agieren sollen, wenn ihre Kleinkinder Dinge tun, die sie nicht möchten. Ganz oft konkretisieren sie ihre Anfrage mit dem deutlichen Wunsch danach, dass ihre Kinder ihnen folgen sollen. Gemeint ist, die Kinder sollen hören.
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Die Eltern wollen sich oder bestimmte Regeln durchsetzen. Der Gedanke, dass dies auch ohne Machtmissbrauch gehen könnte, scheint so abwegig, dass meist die Frage folgt: Gibt es bei unerzogen keine Regeln?
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Offenbar gibt es für die meisten Menschen eine starke Kausalität zwischen das Bestehen von Regeln und die Durchsetzung dieser mit alle erforderlichen Mitteln. Und dann stellt sich eben schnell die Frage, wie sollen Regeln befolgt werden, wenn keine Sanktionen drohen?
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Manchmal betonen die Eltern auch, dass manch eine Regel eben sein muss, sie diese aber nicht durch Strafen durchsetzen, sondern durch Konsequenzen. Das dies ein Trugschluss ist, habe ich bereits hier im Artikel erklärt: Wenn du in die Pfütze springst, gehen wir nicht auf den Spielplatz.
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Das Thema Regeln verdient ebenfalls einen eigenen Artikel, aber so viel sei bereits hier dazu gesagt: Wir Menschen sind stark kooperative Wesen mit einem großen Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Wir brauchen Orientierung und sind von uns aus gewillt und bereit gemeinsame (!) Regeln des Zusammenlebens aufzustellen und zu befolgen. Immer dann, wenn diese Regeln auch Sinn ergeben und für uns nachvollziehbar sind. Und zwar zu einem bestimmten Zeitpunkt, eingebettet in einem bestimmten Lebenskontext. Aber wie gesagt, dazu mehr in einem eigenen Artikel.
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Die Frage, der ich hier nachgehen möchte, ist, warum ein Kind überhaupt folgen soll oder anders gefragt, warum sich Eltern dies wünschen und zwar unabhängig von ihren erlernten Mustern, die wir immer als erste hinterfragen sollten.
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Warum ist Folgsamkeit uns so wichtig? Und geht es tatsächlich um Folgsamkeit?
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Schauen wir uns dazu ein konkretes Beispiel an: Das Kind soll auf die Mutter hören, wenn diese sagt, dass das Kind nicht auf die Straße laufen soll.
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Hier geht es der Mutter also vermutlich um den Schutz ihres Kindes. Es soll hören, damit seine körperliche Unversehrtheit gewahrt bleibt. Das ist ein typisches Missverständnis und hängt stark mit unseren Erwartungen zusammen. Dazu kannst du hier mehr nachlesen: Wenn Kinder nicht hören wollen.
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Ein Kleinkind ist auf unseren Schutz angewiesen, wir können weder erwarten, dass es sich an unsere Vorgaben hält, noch können wir uns darauf verlassen. Wir erwarten also etwas, was noch nicht an der Zeit ist.
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Wir können versuchen, durch die Androhung von Strafen und somit durch die Erzeugung von Angst, das Kind dazu zu dressieren nicht auf die Straße zu rennen. Wobei vermutlich auch das nicht funktionieren wird. Und wenn doch, hat das Kind immer noch nicht verstanden, warum es nicht einfach über die Straße laufen soll. Die Botschaft ist nicht „Das ist gefährlich für dich“, sondern „Ich will das nicht und mein Wille ist wichtiger als deiner. Und um meinen Willen durchzusetzen ist es legitim auf diese Art von Strategien zurückzugreifen“. Der Preis von Erziehung ist, dass der Beziehung zwischen Mutter und Kind nachhaltig geschadet wird.
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Es geht uns in diesem Fall also nicht wirklich um Folgsamkeit, sondern um den Schutz unseres Kindes. Aber sehr oft fehlen uns gewaltfreie Alternativen.
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Den Schutz unseres Kleinkindes können wir gewaltfrei im genannten Beispiel gewährleisten, indem wir unserer Verantwortung nachkommen und entsprechend aufmerksam sind und falls notwendig durch schützende Macht eingreifen oder zum Beispiel indem wir Phasenweise gefährliche Straßen meiden. Ich habe für uns noch eine weitere Alternative gefunden und einen faltbaren Bollerwagen besorgt. Die beste Anschaffung, seitdem ich Mutter bin!
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Und dann, sind da doch, die Dinge, die „man“ angeblich halt so macht. Oder doch nicht?
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Schauen wir uns auch hier ein Beispiel an: Die Eltern möchten nicht, dass das Kind mit Straßenschuhen auf dem Sofa herum springt.
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Es geht dabei in der Regel um folgende Dinge: Die Eltern wollen nicht, dass das Sofa schmutzig wird oder kaputt geht. Oder aber, es geht konkret um das Springen und die Eltern machen sich Sorgen, dass das Kind sich verletzt.
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Welche Wünsche und Vorstellungen stecken wirklich hinter den vermeintlichen, elterlichen Wunsch nach Folgsamkeit und dem kindlichen Verhalten?
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Schauen wir uns einmal beide Seiten an:
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1. Die Frage, die wir uns selbst stellen müssen ist: Worum geht es mir genau?
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Marshall Rosenberg gibt uns mit der Gewaltfreien Kommunikation eine wunderbare Orientierung dabei uns besser mit uns selbst als auch mit andere empathisch zu verbinden. Er benennt dazu vier Schritte:
  1. Was beobachte ich? Hier geht es um die bewertungsfreie Beschreibung dessen, was ich sehe: Mein Kind springt mit Straßenschuhe auf dem Sofa.
  2. Was fühle ich dabei? Hier geht es darum die eigenen Gefühle, die bei dieser Beobachtung aufkommen zu ergründen und zu erfassen: Ich fühle Wut. Ich fühle Trauer.
  3. Welches Bedürfnis steckt dahinter? Hierbei geht es darum herauszufinden, was hinter dem Gefühl von Wut und/oder Trauer steckt. Es geht also um das unerfüllte Bedürfnis: Mein Bedürfnis nach Wertschätzung ist nicht erfüllt, wenn das von mir gepflegte oder mühsam erarbeitete Sofa verschmutzt und beschädigt wird (vielleicht geht es auch um etwas gänzlich anderes, dies dient lediglich der Veranschaulichung).
  4. Welche Bitte ergibt sich dadurch an mein Gegenüber? Ich bitte dich, vom Sofa herunterzugehen.

Wenn wir wissen, worum es uns in einer ganz konkreten Situation geht, können wir dies leichter kommunizieren.

Wir können uns außerdem reflektieren und Fragen, inwiefern unsere Erwartungen, aber auch Sorgen berechtigt sind bzw. einen Einschnitt in die Freiheit unserer Kinder rechtfertigt.

2. Der nächste Schritt ist es, sich beim Kind einzufühlen und in einen neugierigen Austausch zu gehen: Worum könnte es meinem Kind gehen?

Was genau ist meinem Kleinkind daran so wichtig mit Schuhen auf dem Sofa zu springen?

Ist es ihm überhaupt wichtig, dass er dabei Schuhe trägt oder aber dass es das Sofa sein muss? Kann ich ihm vielleicht einfach vorschlagen die Schuhe auszuziehen? Kann ich ihm eine Alternative zum Springen anbieten?

Oder geht es meinem Kind um etwas gänzlich anderes und es sucht Verbindung zu mir und braucht gesehen zu werden?

Geht es meinem Kind vielleicht um Autonomie und Selbstbestimmung? Gerade, aber nicht nur, in der Autonomiephase ein wichtiger Gedanke…

Wenn erst einmal klar ist, was uns wichtig ist, worum es uns selbst geht und wir auch eine Vorstellung davon haben, worum es dem gegenüber gehen könnte, indem Fall unserem Kind, können wir beginnen zu unden. Das heißt nach einer gewaltfreien Lösung zu suchen, die ein sowohl als auch ermöglicht. Und zwar unter Rücksichtnahme der Reife des Kindes und seiner kognitiven, emotionalen und motorischen Fähigkeiten. Wir sind in der Lage dazu darauf Rücksicht zu nehmen, unser Kind nicht.
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Wenn wir also annehmen, dass hinter jedem Verhalten unsererseits und auch seitens unserer Kinder ein legitimes Bedürfnis steckt, entspannt es die Situation bereits ungemein. Wir können aus dem Kampfring aussteigen und beginnen nach alternative Lösungen zu schauen.
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Ganz konkret:
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Die Eltern wollen ein sauberes, funktionstüchtiges Sofa. Das Kind will über sich autonom bestimmen, braucht Unterhaltung und Bewegung. Die gewählte Strategie des Kindes konterkariert die Wünsche der Eltern. Also ist es an mir als Erwachsener, meinem Kind Alternativen zur Erfüllung seines Bedürfnisses zu bieten oder aber mein Bedürfnis anderweitig zu erfüllen.
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Natürlich können auch hier die Eltern ihre Macht und Kraft (aus)nutzen und diese zur Durchsetzung ihrer Wünsche und Ziele einsetzen und den Willen des Kindes unberücksichtigt lassen oder gar unterdrücken. Dann haben sie Folgsamkeit. Allerdings auch ein Kind, was sich in seinen Bedürfnissen nicht gesehen und ernst genommen fühlt.
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Ich kann es gar nicht oft genug wiederholen: Das Kind will nichts Böses. Es macht keine Kampfansage gegen seine Eltern. Es zieht nicht in den Krieg. Es ist kein Tyrann. Sein Lebensziel ist es nicht, das Leben der Eltern zur Hölle zu machen. Es ist ein Mensch mit Bedürfnissen, dem einer kinderfeindlichen Lebenswelt gegenüber steht und dem noch alternative Strategien fehlen.
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Wenn ich also davon ausgehe, dass nur ich als Erwachsener aufgrund meiner Reife, kognitiven und motorischen Fähigkeiten dazu in der Lage bin Rücksicht zu nehmen, so weiß ich auch, dass ich alleine, aufgrund meiner Macht (!) für die Beziehungsqualität zum Kind Verantwortung trage.
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Wenn ich meine Macht unreflektiert und willkürlich einsetze, so setze ich das Vertrauen meines Kindes aufs Spiel. Es folgt mir aus Angst. Weil es von mir abhängig ist und keine Wahl hat. Es schadet unserer Beziehung.
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Was kann ich also tun und meinem Kind sagen, nachdem ich die Gesamtsituation in Blick habe?
  • „Kind, ich ziehe deine Schuhe aus. Danach kannst du gerne weiterspringen.“
  • „Kind, lass uns bitte herausgehen. Dann suchen wir nach einem Trampolin.“ / „Kind, nimm das Trampolin! Das Bett! Das Springkissen!“
  • „Kind, du kannst nicht auf dem Sofa springen (warum auch immer)“ – und ich habe gerade auch keine Alternative für dich. Aber ich verstehe, dass du darüber frustriert bist und ich begleite dich dabei. Ich tröste dich, wenn du soweit bist. Und vielleicht gibt es etwas gänzlich anderes, was du oder wir gemeinsam machen können.
Es geht also nicht darum dem Kind alles zu „erlauben“. Es geht darum sich zu hinterfragen und Bedürfnisse zu erkennen! Eine Ja-Umgebung zu schaffen, Dinge soweit es geht möglich zu machen und an der eigenen Flexibilität zu arbeiten, anstatt diese vom Kind abzuverlangen. Es geht um kreative Lösungen und vor allem darum die legitime Frustration des Kindes anzunehmen und adäquat zu begleiten.
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Indem ich Folgsamkeit erwarte, sage ich zugleich, dass die Gefühle des Kindes nicht ok sind. Und damit ist die Botschaft ans Kind: Du bist nicht ok. Das ist falsch, was du machst, deine Bedürfnisse sind falsch, du bist falsch.
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Was anderes aber ist: „Ja, das ist echt doof, dass dies nicht möglich ist. Ich kann gerade nicht über meinen Schatten springen oder aber es gibt triftige Gründe, warum es nicht möglich ist (zum Beispiel beschränkte Ressourcen), aber ich sehe dich und bin für dich da. Weil deine Gefühle ok sind. Weil du ok bist. Und, weil du mir wichtig bist. 
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Ich setze keine Dinge gegen meine Kinder durch. Ich zeige mich authentisch mit meinen Wünschen, Bedürfnisse, Sorgen und auch mit meiner Unwissenheit oder Verunsicherung. Ich führe empathisch, nicht durch Macht. Und trotzdem führe ich, gebe Orientierung und Halt. Was ich genau unter empathische Führung verstehe, verrate ich demnächst in einen neuen Blogartikel. Du möchtest darüber informiert werden? Dann trage dich in mein Newsletter ein oder like meine Facebook-Seite!
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Aida S. de Rodriguez
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About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

7 Comments

  • Lothar Miethe

    Reply Reply 4. Juni 2016

    Gehorsam sorgt dafür, das diese Welt so bleibt, wie sie ist. Das ist der gemeinsame Nenner. Wohin kämen wir nur hin, wenn niemand mehr den Autoritäten dieser Welt gehorchen würde? Klare Sache – wir kämen zu einer besseren Welt. Eine Welt voller Menschen, die verstehen und agieren, statt zu gehorchen und zu reagieren. Für gewisse Medien und für so manche Branche wäre dies das sichere Ende. Denn ohne die angestaute Frustration und Aggression im Gepäck sind wir Menschen längst nicht mehr so leicht manipulierbar. Bis dahin funktionieren diese Kontrollmechanismen.
    You may say I´m a dreamer. But I´m not the only one. (`Imagine´ von John Lennon)

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 8. Juni 2016

      Danke, lieber Lothar! Dem habe ich nichts hinzuzufügen! <3

  • Jeannine Herrgesell

    Reply Reply 6. Dezember 2016

    Liebe Aida, Ihre Ausführungen sind in meinem LEBEN sehr wichtig geworden. Leider schaffe ich es nicht immer, meinen Wünschen zu folgen und ich spüre oft die eigene Kindheit und auch den Druck des Alltags mit nur zwei kleinen Kindern Zuhause ohne kita und gleichzeitiges Betreiben einer kleinen Firma. Es gibt immer wieder ‚Ausrutscher‘ i.S.von Nerven gehen durch. Dann bin ich sehr traurig und frage mich, welche Schäden unsere Beziehung nimmt. Wir sprechen auch über diese Ausrutscher und ich sage dass es mir leid tut und dass es passiert ist weil ich gern… Oder weil ich so müde bin oder… Nur macht es das nicht ungeschehen. Es gibt wohl leider kein patentrezept. Vielen, vielen Dank für Ihre Texte u Beiträge.

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