Digitale Medien für Kinder: Glaubenssätze und Ängste versus Kompetenz und Selbstbestimmung

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Ich bin in Brasilien geboren und aufgewachsen. Mein Mann in Mexiko. In beiden Ländern ist es nichts Ungewöhnliches, dass der Fernseher regelmäßig läuft und dass auch Kinder freien Zugriff darauf haben. Uns fiel Selbstbestimmung in Bezug auf Medienkonsum also nicht schwer. Mehr als das, digitale Medien waren und sind für uns ein zusätzliches Angebot und so waren wir da auch mal proaktiv. Fernseher und Computer stehen im Wohnzimmer. Unserem Begegnungsraum. Hier sind wir immer zusammen. Hier ist auch das halbe Kinderzimmer. Oft auch unser Bettenlager.

Meine Kinder schauen regelmäßig Fernsehen. Sie haben freien Zugang und mittlerweile eigene Tablets. Gerade auf Transatlantikflügen sehr praktische und unterhaltsame Spielzeuge. Und ja, sie sind mitunter sehr ausdauernd dabei. So wie bei allen Dingen, die sie herausfordern, begeistern und interessieren. Sie spielen, entdecken und lernen selbstbestimmt, beschützt und begleitet.

Mir ist bewusst, dass unsere Einstellung zum Thema in der hiesigen Kultur nicht besonders populär ist. Es existieren unglaublich viele Glaubenssätze und Ängste darum. Eine dieser Ängste betrifft das Thema Sucht. Darüber habe ich in meinen Artikel Machen Fernsehen und Süßigkeiten Kinder süchtig? sehr ausführlich geschrieben. Die Resonanz darauf war, wie erwartet, enorm und mitunter sehr kritisch und empört. Ein Phänomen, welches mir aus unterschiedlichen Elternforen, Facebook-Gruppen und in der persönlichen Auseinandersetzung mit Eltern nicht unbekannt ist.

Meine erste Konfrontation mit dieser unterschiedlichen Wahrnehmung und mit dem konträren Umgang mit digitalen Medien in Haushalten mit Kindern hatte ich vor nun 25 Jahren. Hier begann ich mich mit Erziehung und ihrer kulturellen Prägung mehr oder weniger auseinanderzusetzen. Meine damals engste und erste Freundin in Deutschland wuchs sehr behütet und klassisch erzogen auf. Sie durfte sich zwei Mal in der Woche jeweils eine Sendung mit der Dauer von ca. 20 Minuten am Nachmittag anschauen. Vorausgesetzt, die Hausaufgaben waren erledigt und ihre Klavierübungen gemacht. Das war der absolute Kulturschock für mich. Bei uns stand die „Glimmerkiste“ schließlich frei zugänglich im Wohnzimmer und auch über meine Hausaufgaben und Freizeitaktivitäten bestimmte ich selbst.

Es ist vermutlich unnötig zu erwähnen, dass meine Freundin liebend gerne den Nachmittag bei uns verbrachte und sich eine Sendung nach der anderen ansah. Ich selbst hatte damals bereits wenig Interesse an dem Ding und spielte derweil am Boden mit meinen Puppen, nähte oder bastelte vor mich hin. Für mich war daran nichts magisch, denn es war ja da und konnte jederzeit benutzt werden, sofern meine Brüder es nicht belagerten. Meine Freundin aber fühlte sich wie im Paradies. Darüber sprechen wir heute noch sehr oft.

Was aber sind nun die typischen Ängste in Bezug auf digitale Medien, die Eltern dazu verleiten, ihre Kinder hier – vermeintlich schützend – zu reglementieren?

Wie sind meine persönlichen Erfahrungen, derentwegen ich einen anderen Weg gehe und mich sehr gut dabei fühle?

1. Fehlendes Einfühlungsvermögen und eingeschränkte Kreativität

Es gibt kaum ein Argument, welches öfters fällt, als „Fernsehen schränkt durch die vorgefertigten Bilder die Kreativität und die Phantasie ein“. Auch gerne genannt:„Es sei nicht möglich, sich einzufühlen, denn dafür bräuchte man das Gegenüber“. Dabei wird gerne der Vergleich zum Buch gestellt und pauschal geurteilt, dass Menschen durch den gelesenen Text mehr empfinden würden, als wenn sie sich zum Beispiel die Verfilmung dessen anschauten.

Darüber bin ich jedes mal sehr erstaunt und irritiert, da ich persönlich bei Filmen und Bildern sehr schnell emotional involviert bin. Ich kann mich wunderbar in den Menschen einfühlen und leide regelrecht mit. Auch im gelesenen Text stellt sich bei mir recht schnell eine Betroffenheit ein, allerdings kann ich mich hier deutlich besser abgrenzen. So kann ich Berichte über Gewalt an Kindern meistens relativ „sachlich“ lesen, muss mich aber bei Bildern nicht selten sofort übergeben. Ich fühle regelrecht mit.

Die Kraft der Bilder ist so stark, dass Bilder im Coaching-Alltag längst dazu gehören. Sie gewähren uns einen leichten Zugang zu unseren Emotionen und erlauben uns, eine Vielzahl an Assoziationen zu finden. Etwas, was mit einem Text für viele schier unmöglich wäre. Und ja, es liegt eben auch an unserer Phantasie, dass wir uns da die wildesten Sachen vorstellen und Hypothesen bilden können. Es werden womöglich andere Bereiche unserer Kreativität angesprochen, aber ich persönlich sehe nicht, inwiefern das eine Medium dem anderen nachsteht.

Manchmal wird wiederum genau diese Kraft der (bewegten) Bilder kritisch betrachtet. Ich verstehe zwar nicht, inwiefern sich das grundlegend zum Buch unterscheidet, aber mir ist Begleitung und Interesse unsererseits unheimlich wichtig. Ich will nicht, dass meine Kinder ihre natürliche Neugier und ihr Interesse – wie einst meine Freundin – bei den Nachbarn oder anderen Freunden befriedigen müssen. Kinder leben in einer von Medien immer stärker geprägten Welt und in dieser werden sie sich zu orientieren wissen müssen.

„Je früher Kinder sich aktiv mit Medien auseinandersetzen können, desto größere Chancen bestehen, dass sie […] kompetent und selbstbestimmt mit Medien umgehen können.“ Das stammt übrigens nicht von mir, sondern vom eigentlich digitalen Medien kritisch gegenüber stehenden Prof. Dr. Gerald Hüther, himself. In seinem Artikel Warum schon kleine Kinder lernen müssen, mit Medien umzugehen kannst du dort nachlesen.

Kreativität ist die Fähigkeit Neues zu erschaffen. In unserer Familie sind wir insgesamt sehr kreativ. Sowohl wir Eltern, als auch unsere drei Kinder. Ob Rollenspiele, Geschichten erfinden, nähen und gestalten oder sich selbst immer wieder neu erfinden. Privat wie beruflich. Alles kein Problem und lebende Realität. Schließlich heißt Kreativität auch die Fähigkeit, Unsicherheit und Transformation zuzulassen und das lebe ich ja zum Beispiel durch und mit Elternmorphose.

Meine fünfjährige Tochter allein sprudelt dermaßen an Kreativität, dass es mir beinahe unheimlich ist. Ihr haben es vor allem Tutorials auf YouTube angetan. Und sie liebt malen, basteln, zeichnen, schreiben. Sie ist da so entspannt und selbstbewusst, dass sie regelmäßig im Atelier ihres Kindergartens die anderen Kinder anleitet. Zuletzt gab sie ihnen die Bastelanleitung für einen Elefanten, den sie durch eine Kindersendung gelernt hatte.

Kreativität ist übrigens eine Eigenschaft, die Lateinamerikanern ja gerne zugesprochen wird. Offenbar scheint auf sie der regelmäßige Fernsehkonsum – dafür sind sie mit ihren Telenovelas ja sehr bekannt – keine hemmende Wirkung zu haben. Über die Inhalte können wir uns an anderer Stelle gerne vertieft unterhalten…

2. Passivität, Fehlende Bewegung und frische Luft

Das ist ein Argument, das ich durchaus nachvollziehen kann, wenn ich an meine eingangs erwähnte Freundin denke. Sie traute sich tatsächlich kaum, sich vom Fleck zu bewegen, um ja nicht zu riskieren, dass ihr das Objekt der Begierde irgendwie abhanden kommt. Ein ansonsten sportbegeistertes Mädchen. Und auch meine Kinder oder wir Eltern sitzen mittlerweile eine kurze Weile entspannt zusammen vor einem Film. Ein Segen nach einer langen, energiereichen Tag.

Das ist aber eine seltene Ausnahme, denn im Normalfall geht das bunte Treiben währenddessen ganz normal weiter. Es wird gebastelt, geturnt, getanzt, Tierfiguren werden aufgestellt und vieles mehr getan. Von stundenlangem Stillsitzen keine Spur, es sei denn, es wird gerade etwas konzentriert und nicht durch Nachahmung gelernt. Dazu hätte ich zum Beispiel in Bezug auf Regelschule und den stundenlangen Zwang zum Sitzen durchaus große Bedenken und Sorgen. Kinder sind gar nicht dazu gemacht und jeder, der einem Bürojob nachgeht, hat es ganz präsent, dass dies wenig mit unseren natürlichen Bedürfnissen zu vereinbaren ist.

Meine Kinder schauen also in der Regel mal etwas und widmen sich dann wieder anderen Dingen zu. Sie springen, laufen und rennen. Obwohl sie alle (extreme) Frühgeborene waren, sind sie motorisch ganz normal entwickelt. So schlägt mein fünfjähriger Sohn aus dem Stand heraus eine Brücke. Sein kleiner Bruder war keine zwei Jahre alt als er im Trampolin begann Saltos zu schlagen.

Und vielleicht ist das der ganz entscheidende Punkt: digitale Medien sind bei uns ein Angebot von vielen. Meine Kinder können es jederzeit nutzen. Das erlaubt es ihnen, sich ganz frei für andere Aktivitäten zu entscheiden und ihrem natürlich Drang nach Bewegung nachzukommen. So sind sie heute trotz neuer Filme im Haus seit Stunden draußen unterwegs. Nach einem anstrengenden Tag im Kindergarten oder am Meer sieht es dann am Abend auch mal anders aus.

Ob manche Kinder viel Fernsehen schauen, weil ihnen andere Angebote fehlen oder ob sie auf vorhandene Angebote verzichten, um Fernsehen schauen zu können, ist eine Frage, die bis Dato noch keine der viel zitierten Studien beantworten konnte. Dabei ist ebenfalls meist nicht berücksichtigt, ob die Kinder fremdreguliert werden oder eben sich gerade leidenschaftlich einer bestimmten Sache widmen.

Die American Academy of Pedriatics (AAP) im Interview dazu:

Does TV viewing take the place of other activities, such as playing outside?

Not really, for children between the ages of six months and 3 years.

However, among four- to six-year-olds, who tend to have greater mobility and independence, there may be a connection. Heavy viewers in this age group spend an average of 30 minutes less per day playing outside and eight minutes less per day reading than children who are not heavy TV watchers. It is not clear why this happens. For example, children who watch more TV may do so because they are unable to go outside or it may be that they do not go outside because they are watching more TV.

3. Veränderungen im Gehirn

Das Gehirn ist ein plastisches Organ. Es verändert sich ständig. Das liegt in der Natur der Sache. Nicht an der Glotze. Jeder Impuls, jede Erfahrung führt zu Veränderungen. Ein Leben lang. So natürlich auch, während Mensch digitale Medien nutzt. Neue Erfahrungen, neue Verknüpfungen und wieder etwas dazu gelernt. Und da Kinder viele Dinge neu erfahren, sind diese Veränderungen oder Entwicklungen besonders deutlich erkennbar. Von Hirnforschern wird an dieser Stelle gerne von Pfaden gesprochen, die entsprechend angelegt werden.

Diese Veränderungen werden von den Experten dann in die eine oder andere Richtung interpretiert. Der eine bietet vermeintlich stimulierende Einsteinfilmchen für Babys an, besonders in Süd- und Nordamerika äußerst beliebt, der nächste sagt, es sei Teufelswerk. Das vor allem im hiesigen Kulturkreis. Eine sehr breite und langjährige Studie der bereits erwähnten American Academy of Pedriatics führte zu einem Umdenken und einer neuen Empfehlung in Bezug auf den Umgang mit digitalen Medien und deren Nutzung durch Kinder. Die Studie zeigte, dass keine Kausalität zwischen Konsum und negativen Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung nachgewiesen werden konnte. Dabei wollte das digitalen Medien gegenüber kritisch eingestellte Institut genau das beweisen.

In der neuen Guideline heißt es nun:

„Media ist just another environment. Children do the same things they have always done, only virtually. Like any evironment, Media can have positive and negative effects.“

Also, im Grunde das, was wir immer sagen: digitale Medien sind ein weiteres Angebot, wie jedes andere auch. Weiter heißt es:

„In a world where „screen time“ is becoming simplily „time“, our policies must envolve or becomes obsolete.“

Wir leben in einer digitalisierten Welt. Das ist die natürliche Umgebung, in der unsere Kinder aufwachsen. Natürlich werden bei Kindern, die im tropischen Regenwald aufwachsen, andere Pfade im Gehirn angelegt bzw. andere Lernprozesse stattfinden, als bei einem Stadtkind. Schließlich ist genau das, was uns Menschen erfolgreich macht: die Anpassungsfähigkeit an jede erdenkliche Umwelt.

Gerade deshalb ist es in meinen Augen, so wichtig, dass wir unseren Kindern Zugang zu ihrer Welt gewähren und sie im gegenseitigen Vertrauen begleiten. Es wird uns nicht gelingen, sie in einer Blase aufwachsen zu lassen und wir sind gut beraten, sie nicht durch einen nett gemeinten Schutz erstrecht zu gefährden, denn sie werden digitale Medien benutzen. Nur wissen wir gegebenenfalls nichts davon und sie können sich uns bei Gefahr nicht anvertrauen.

Veränderungen im Gehirn finden also statt. Die Auswirkungen – in positive wie negative Richtung – sind allerdings nicht signifikant belegt. Da helfen auch keine populistischen Theorien. Viele Studien fokussieren sich außerdem auf einen Teilaspekt und vergessen dabei – wie bereits oben gezeigt – den Gesamtkontext zu betrachten: Wozu dient das digitale Mediengerät? Wie wächst das Kind insgesamt auf? Welche Angebote stehen dem Kind darüber hinaus zur Verfügung? Bekommt es Zuwendung? Usw.

Und ja, meine Kinder klettern auf Bäume, bauen Gemüse an und benutzen dennoch auch ein Tablet. Dies lässt sich wunderbar miteinander vereinbaren und unden.

4. Sprachliche Entwicklung

Mein Lieblingsthema. Ich spreche drei Sprachen auf muttersprachlichem Niveau und kann mich auf einer weiteren Sprache gut verständigen. Dazu habe ich Kenntnisse in zwei weiteren Sprachen, die ich einst ebenfalls sehr gut beherrschte. Das kleine Latinum habe ich erfolgreich gemacht. Deutsch habe ich im Alter von zehn Jahren, nicht zuletzt auch dank TV, binnen sechs Monaten gelernt. Bereits im ersten Schuljahr in Deutschland hatte ich im Fach Deutsch eine Zwei auf dem Zeugnis, auch wenn Grammatik augenscheinlich nicht meine Stärke ist.

Mein Mann hat, seitdem er hier lebt, als Erwachsener parallel zwei Sprachen gelernt. Deutsch insbesondere dank seines großen geschichtlichen Interesses für den zweiten Weltkrieg. Die besten Dokumentarfilme dazu gibt es nun einmal auf Deutsch.

Meine kleinen Kinder sprechen bereits jetzt drei Sprachen mehr oder weniger gut. Derzeit lernen sie mit Begeisterung Englisch noch dazu. Nicht zuletzt dank Dora the Explorer und lustiger Kinderlieder auf YouTube. Seitdem interessieren sie sich verstärkt in der Kita mit offenem Konzept für die englischsprachigen ErzieherInnen. Intrinsisch motiviert und ganz alleine wird außerdem auch – dank wunderbarer Tutorials – noch das Schreiben und Lesen gelernt.

Viel Selbstdarstellung, lange Rede, kurzer Sinn: unseren Spracherwerb scheint es nicht negativ zu beeinflussen. Und offenbar sehen es die Fachleute ebenfalls nicht so eindeutig, wie oft dargestellt. Wie das bereits oben zitierte Interview zeigt, geht es womöglich viel mehr um das Was, als um das Ob oder um das Wie viel geschaut wird:

Can TV help a young child’s language development?

Yes and no, depending on what the child is watching.

Studies have found that children at 30 months of age who watched certain programs (one study focused on Dora the Explorer, Blues Clues, Clifford and Dragon Tales) resulted in greater vocabularies and higher expressive language whereas overall television viewing (including adult programs) has been associated with reduced vocabulary.“

5. TV macht dumm / stumpf

Woran macht man dies fest? Versuchen wir es mit gesellschaftlichen Normen: ich habe einen akademischen Abschluss mit Diplom und andere zertifizierte Weiterbildungen. Außerdem stehe ich mit beiden Beinen im Leben und bin erfolgreich in dem was ich tue. Idem mein Mann.

Unser Sohn entwickelte durch den Impuls eines Filmes eine große Leidenschaft für Dinosaurier. Diese dauert bereits über drei Jahren an. Wir verbrachten seitdem viele Wochenenden im Naturkundenmuseum. Mittlerweile hat er eine kleine Bibliothek mit einer großen Sammlung von Büchern sowie Dokumentarfilmen zu den Themen Dinosaurier, Planeten, Meerestieren, Entstehung der Erde, der Mensch, etc. Außerdem fragt er sich bereits im Alter von vier Jahren hoch philosophische Dinge wie: „Warum bin ich wohl in meinem Körper und nicht in Mamas?“.

Sind wir da als Familie die Ausnahme? Mir fällt es schwer zu glauben, dass Nord- und Südamerikaner, die bekanntlich einen vollkommen anderen Zugang zu digitalen Medien haben, den Deutschen in Bezug auf ihr Potential und ihre Intelligenz in irgendeiner Weise nachstehen. Solch eine Behauptung wäre nicht nur anmaßend, sondern vor allem rassistisch. Es würde sich außerdem nicht mit meinen Erfahrungen decken, aber konkrete Zahlen habe ich an dieser Stelle nicht. Sie ließen sich aber bestimmt herausfinden.

Ich bin davon überzeugt, dass Intelligenz wenig mit Erziehung zu tun hat (im Sinne von Intelligenz anerziehen). Jeder Mensch bringt ein „Maß“ an Potential mit. Die Offenheit und Toleranz des Umfeldes sowie der Zugang zu den benötigten Dingen ermöglichen uns, uns zu entfalten. Umso beschränkter mein Umfeld, aus welchem Grund auch immer (zum Beispiel Erziehung(!!!), finanzielle Armut, Krieg, Rassismus, Vorurteile aller Art, Glaubenssätze, Homogenität aller Art (!!!) etc. pp.), desto enger mein Korsett, desto weniger Vielfalt lerne ich kennen, desto weniger Entfaltungsspielraum habe ich. Und ja, umso mehr Erfahrungen und Anregungen, desto mehr Verknüpfungen im Gehirn.

Daraus resultiert, dass ein Mensch mit vielen unterschiedlichen Anregungen und Berührungspunkten in jungen Jahren (oder wann auch immer) eben einen breiteren Entwicklungshorizont hat. Ob er nun Theaterstücke rezitiert oder besonders viele Computerspiele kennt, sagt nichts über seine Intelligenz aus, sondern nur, dass der eine Mensch eben viel Kontakt mit Theater hatte und der andere mit Computerspielen. Vielleicht hatten auch beide Menschen gleichermaßen viel Kontakt mit beiden Medien, aber sie haben schlicht und ergreifend unterschiedliche Interessen. Den Wert der Inhalte bestimmt der Wertende, nicht die Sache an sich.

Genug der Selbstdarstellung à la ‚Ich bin der Beweis‘. Aber das sind meine persönlichen Erfahrungen und zugleich bin ich davon überzeugt, dass es eine Menge mit Haltung zu tun hat. Meine Kinder müssen nicht kämpfen. Digitale Medien sind für uns ein Angebot unter vielen und kein Objekt der Begierde. Wir schauen außerdem viel zusammen und können uns austauschen. Meine Kinder fragen mich dabei ununterbrochen. Der TV ist hier kein Babysitter, sondern, wie jede andere Sache, mal spannender, mal weniger spannend und wird am meisten genossen, wenn wir Eltern dabei sind. Es findet somit Austausch statt. Wir sind achtsam und schauen, wie es den Kindern damit und dabei geht.

6. Sucht

Über das Thema hatte ich in meinem bereits erwähnten Artikel sehr ausführlich geschrieben. Allerdings blieben dennoch einige Fragen offen und der Vollständigkeit halber greife ich dieses Thema hier erneut kurz auf.

Wenn du dich mit Sucht befasst, wirst du herausfinden, dass das Mittel seltenst das wirkliche Problem ist. Es geht um Kompensation. Das Suchtmittel ist lediglich Mittel zum Zweck. Die Frage ist, welches Bedürfnis steht dahinter und wurde nicht erfüllt. Es wäre zu einfach, einem Gegenstand die Verantwortung zu überlassen. Aber leider liegt die Ursache für eine Sucht in der Regel auf der Beziehungsebene. Warum also sollte jemand, der Beziehung lebt, vor Sucht eine solche diffuse Angst haben?

Es ist wichtig, zu unterscheiden, achtsam zu bleiben und zu hinterfragen: Wird kompensiert? Was wird kompensiert? Geht es um das Bedürfnis nach Unterhaltung? Entsteht da womöglich gerade eine wunderbare Leidenschaft? Oder passiert hier etwas auf der Beziehungsebene und ich bekomme es nicht mit? Egal, ob es um die Beziehung zu mir, jemand anderem oder zu sich selbst geht.

Die Frage ist außerdem auch, ab wann eine Sucht beginnt und nicht lediglich eine Leidenschaft ist: Warum darf jemand leidenschaftlicher Sportler sein, aber als Gamer ist er gleich computer- oder spielsüchtig?

In unserer Familie wird Respekt, Vielfalt und Selbstbestimmung groß geschrieben. Begleitung angeboten, statt Verbote aufgestellt oder gar Dinge verbannt.

Wenn auch du in deiner Familie diese Werte lebst oder leben willst, ob nun mit oder ohne digitale Medien in eurem Familienalltag, dann abonniere für neue Impulse meinen Newsletter und like meine Facebook-Seite! Demnächst werde ich erzählen, was an Selbstbestimmung so wichtig ist, warum wir Fremdregulierung meiden sollten, inwiefern es unserer Beziehung zum Kind nachhaltig schadet und auch was es mit Co-Regulation auf sich hat.
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Aida S. de Rodriguez
About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

15 Comments

  • Barbara

    Reply Reply 3. Juli 2016

    Hallo liebe Aida, vielen Dank für Deinen spannenden, inspirierenden Artikel… Lässt mich etwas über unser Sein mit digitalen Medien nachdenken und fühlen.
    Magst Du einige spannende – (lernreiche😉) Dinge aus dem Internet mitteilen, die Deine Kinder spielen, lernen, erfahren, entdecken….? Ich habe einfach zuwenig Erfahrung und würde mich freuen über Inputs! Jetzt schon ein DANKE!

    Danke Dir für all die spannenden Texte von Dir!
    Alles Liebe
    Barbara

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 27. Juli 2016

      Liebe Barbara,

      vielen Dank für dein Feedback und Wertschätzung! Aber auch für deine Anregung!

      Ich lasse mir etwas einfallen, wie ich das in ein Artikel einbringe, ohne in die Werbefalle zu tappen.

      Alles Liebe
      Aida

  • Claudia

    Reply Reply 3. Juli 2016

    Hallo Aida,
    danke für den tollen Beitrag. Hast du vielleicht Empfehlungen für Apps, Tutorials oder ähnliches zum Thema Zahlen und Buchstaben?
    LG
    Claudia

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 27. Juli 2016

      Hallo Claudia,

      auch dir danke ich!

      Ich überlege mir etwas. Ansonsten schickt mir doch bitte eine PN!

      Liebe Grüße
      Aida

  • Anna

    Reply Reply 5. August 2016

    Brasilien hat weltweit die höchste Kaiserschnitt Rate und überdies ist es das Land der Schönheits OPs. Auch Mexiko verzeichnet überdurchschnittliche Kaiserschnitt Raten. Ina May Gaskin, Hebamme und Frauenrechtlerin sagte schon „wie Frauen die Geburt erleben sagt viel über die Geisteshaltung und den Horizont einer Gesellschaft aus“.
    Ferner sind Mexiko und auch Brasilien Spitzenreiter in Gewalttaten und Kriminalität. Wie du sagst ist es in beiden Ländern Gang und gebe dass rund um die Uhr der Fernseher läuft.
    Hmmmm..Also MIR gibt das zu denken….

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 5. August 2016

      Hallo Anna,

      danke für diese interessante Perspektive.

      Dass Computerspiele gerne für die Gewalttaten einzelner Jugendliche verantwortlich gemacht werden, ist ja bekannt. Aber das nun gleich alle strukturellen Probleme einer gesamten Weltregion auf den Schultern des kindlichen Medienkonsums lasten, hinterlässt mich tatsächlich ein wenig sprachlos zurück. Die These bleibt dennoch spannend.

      Ja, es ist richtig, in „Brasilien“ herrscht Körperkult (wenn man dies so undifferenziert den Medien entnehmen mag). Ja, es ist richtig, die Kaiserschnittquoten sind außerordentlich hoch. Ja, in beiden Ländern ist die Kriminalität sehr hoch.

      Ja, strukturelle Gewalt ist ein großes Thema in Lateinamerika. Gewalt gegen Frauen. Gewalt gegen Sozial benachteiligte Menschen. Gewalt gegen Kinder. Rassismus. Alles allgegenwärtige Realität.
      Alles Themen, die wir – möglicherweise in einen anderem Ausmaß – auch im hiesigen Kulturkreis wiederfinden.

      In den letzten Jahren steckt Brasilien in einen gesellschaftlichen Umbruch und all diese Themen kommen an die Oberfläche und Wandel wird möglich. (Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt…)

      Und ja, die Medien haben auch dort großen Einfluss auf die Menschen, die Meinungsbildung, Politik, Kultur, Gesellschaft. Und ihr Einfluss ist umso größer, wenn andere Quellen zur Meinungsbildung und Bildung fehlen. Und selbstverständlich bedienen sich bestimmte Gruppen der Medien, um ihren Einfluss zu erweitern. Ob nun digital oder nicht.

      Nun aber weit über 500 Jahre Geschichte dieser Staaten auszublenden, Armut, Ausbeutung, Diktatur, Kolonialherrschaft, Korruption, etc und somit alle Probleme auf den kindlichen Konsum von digitalen Medien zu schieben, halte ich für zumindest sehr undifferenziert und einseitig, wenn nicht gar populistisch.

      Ja, der Umgang mit Medien sagt auch immer etwas über die Kultur aus. Und ja, es ist genauso spannend der Frage nachzugehen, wie Medien aller Art ihrerseits eine Kultur prägen und beeinflussen.

      Zu behaupten, dass Menschen, die viel TV konsumieren per se weniger intelligent sind oder werden – und das war der Bezug in meinem Artikel – ist äußerst vermessen und nicht zu belegen. Und auch deine Ausführungen zeigen dies nicht auf.

      Du weist berechtigterweise auf das Ergebnis zahlreicher Einflussgrößen und vor allem von Ignoranz hin. Ignoranz hat aber nichts mit Intelligenz zu tun, sondern mit fehlendem Wissen und Information. Und siehe da, digitale Medien können wunderbare Informationsquellen sein oder aber sich der Ignoranz bedienen. Umso wichtiger ist es, Kinder zu begleiten und ihnen so die Möglichkeit zu geben entsprechende Kompetenzen im Umgang mit Medien insgesamt aufzubauen.

      Alles Gute
      Aida

      • Hildegard

        Reply Reply 23. August 2016

        Hallo Aida,
        danke für die differenzierten Ausführungen. Leider neigen wir dazu – und manchmal befürchte ich, dass es sich tatsächlich um ein deutsches Phänomen handelt – für gesellschaftspolitische Probleme die Schwächsten verantwortlich zu machen. Wenn die Digitalisierung unserer Lebenswirklichkeit „Schuld“ wäre an den Problemen der Gesellschaft, dann wäre die Welt vor 30 Jahren noch in Ordnung gewesen.
        DAS war sie nicht! Ich kann hier nur von Deutschland sprechen, aber ich weiß wovon ich rede, denn ich gehöre zu den s.g. Kriegsenkeln.
        In einer, durch den 2. Weltkrieg traumatisierten Gesellschaft, waren psychische und physische Gewalt in vielen Familien an der Tagesordnung. Erst zu Beginn dieses Jahrtausends wurde sogar per Gesetz Gewalt gegen Kinder unter Strafe gestellt. Das soll nur ein Bespiel sein, die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.
        Ich war wirklich begeistert von deinem ursprünglichen Artikel, denn deine Argumente sind stimmig.
        Die vorangehenden Generationen bereiten den Boden für die nachkommenden; in der Familie genauso, wie in der Gesellschaft allgemein. Das wird leider viel zu oft vergessen!
        LG
        Hildegard

        • Aida S. de Rodriguez

          Reply Reply 13. September 2016

          Liebe Hildegard,

          vielen Dank für deine Rückmeldung und die darin ausgedrückte Wertschätzung. Vielen Dank auch für das Teilen deiner Gedanken und Erfahrungen. Das ist ein großer Schatz! Ich kann deinen Ausführungen nur zustimmen.

          Ganz herzliche Grüße
          Aida

  • MiniMama

    Reply Reply 15. Oktober 2016

    Hallo Aida,
    Sehr interessanter Artikel. Ich stimme dir in den meisten Punkten überein, selber habe ich einen Masterabschluss, meine Kinder gut in der Schule. Und ja, bei uns herrscht auch ein selbstbestimmter Umgang mit den Medien. Unsere Söhne (Teenager) benutzen ihr Smartphone ohne Beschränkung. Und am liebsten schauen sie auch Reportagen, Tutorials (comiczeichnen, basketballtechniken etc.) und auch “Quatsch“ zur Entspannung. Sie sprechen znd verstehen sehr gut Englisch, was weniger der Verdienst der Schule ist, sondern eher der von Serien, Videos etc., die sie fast ausschließlich auf Enflisch schauen.

    Ich denke, das große Problem hier in D ist das Ideal der “besten“ Mutter. Es wird ständigverglichen, bewertet und verurteilt. Nicht nur in Bezug audMedienkonsum, sondern in Bezug aufalles was Mutterschaft mit sich bringt, wer hat die natürlichere Geburt, wer erzieht binsunfsoeientuert vs autoritär etc pp.

    Und speziell TV und Medien…ich denke, was wichtig ist ist folgendes: wird der TV ANSTELLE von anderen Angeboten genutzt oder nur als eine Komponente unter vielen Tätigkeiten.

    Btw…früher wurde das Buch und das Lesen genauso verteufelt wie heute der TV…und heute gilt “lesen“ als bildungsbewusst 😉

  • Shanta

    Reply Reply 20. November 2016

    Liebe Aida, vielen Dank für deinen erhellenden und engagierten Artikel.
    Ich bin immer wieder im Zwiespalt, weil ich einerseits spüre, dass der Weg der Selbstbestimmung richtig ist und dass unsere 10jährige Tochter ihre Selbstbestimmung auch immer wieder einfordert. Im Bereich Medienkonsum und Schule tue ich mich allerdings noch schwer damit, da ich immer wieder mit meinen Ängsten und Glaubenssätzen konfrontiert werde. Unsere Tochter spielt leidenschaftlich gern ein online Computerspiel – ich habe keine Ahnung, wie lange sie es spielen würde, wenn mein Mann und ich es nicht auf je 1 1/2 Stunden pro Tag und nur am am Wochenende beschränken würden. Ich habe einfach kein gutes Gefühl dabei, wenn sie noch länger so passiv, lediglich ihre Finger bewegend, vor dem Bildschirm sitzen würde. Sie ist danach auch sehr hibbelig und aufgekratzt (vielleicht sollten wir danach für Bewegung sorgen…). Auch knüpfen wir das Spiel bislang daran, dass erst die Hausaufgaben gemacht sein müssen. Wegen dieser Medienzeit und dem Streit, der oft entsteht, weil sie lieber erst spielen und dann die Hausaufgaben machen will, sind wir an den Wochenenden oft zeitlich eingeschränkt, was mich sehr nervt. Alles muss immer gut im Voraus geplant sein und es darf auch nicht zuviel an Terminen sein, damit genug Zeit für die Hausaufgaben und das Computerspiel bleibt. Hast du da „unerzogene“ Ideen für uns?
    ❤️ Dank!
    Shanta Richter

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