„Entweder du legst es jetzt freiwillig beiseite oder ich nehme es dir weg!“ – wenn ein Machtwort gesprochen wird

Troubled teenage girl and her mom are quarreling at home

Stelle dir vor, du bekommst ein Geschenk. Es ist ein Handy. Nun also – dein Handy. Die Person, die es dir geschenkt hat, ist dein/e Partner/in. Du freust dich und benutzt es regelmäßig. Das Geschenk ist ein voller Erfolg, denn es hat sein Zweck erfüllt: dir Freude bereiten.

Dein/e Partner/in hatte jedoch noch eine weitere Intention: du bleibst für sie/ihn erreichbar. Dieser Erwartung kommst du allerdings nicht nach, denn du beantwortest nicht immer sofort alle Nachrichten oder Anrufe, sondern nimmst dir die Freiheit erst dann zurückzurufen oder die Nachrichten zu beantworten, wenn dir danach ist. „Schlimmer noch“, du chattest täglich mit Leuten, die dein/e Partner/in doof findet.

Die Enttäuschung darüber kann dein/e Partner/in nicht lange verbergen und lässt es ungefiltert an dir aus. Du wirst mit Vorwürfen überschüttert und letztlich sogar mit der Drohung konfrontiert, dir das Handy wieder wegzunehmen. Dein/e Partner/in reagiert immer gereizter, wenn diese/r dich mit dem Gerät sieht und fordert dich auf – zum Beispiel beim Essen, das „blöde Ding“ wegzulegen. Als du dem nicht nachkommst, wirst du dazu genötigt:



„Entweder du legst es jetzt freiwillig beiseite oder ich nehme es dir weg!“

Als genau das dann eintritt, sind sich die Menschen um dich einig:

„Selber schuld! Du wolltest ja nicht hören!“

Ich kann mir vorstellen, dass viele nachempfinden können, dass der/die Partner/in enttäuscht und genervt ist. Mich nervt es auch, wenn meine Nachrichten tagelang nicht beantwortet werden, obwohl diejenige Person scheinbar ständig online ist. Zugleich bin ich so jemand, der manchmal tagelang nicht auf Nachrichten reagiert. Die Gründe dafür sind zahlreich. Mich nervt es, wenn mein Mann sich tagelang hinter seinem Handy versteckt, aber ich muss gestehen, dass auch ich solch ein Verhalten immer mal an den Tag lege.

Doch wir sind uns sicherlich mehrheitlich darüber einig, dass auch wenn es nicht der Fall wäre und ich mich immer „vorbildlich“ (nach wessen Maßstab auch immer) verhalten würde, ich kein Recht hätte, meinem Mann sein Handy aus der Hand zu nehmen oder ihm die Nutzung zu verbieten. Um ehrlich zu sein, mir würde vor allem auch, selbst unter Gewaltanwendung, die Kraft dazu fehlen ihm etwas aus der Hand zu reißen und solch ein Verbot würde er sich auch nicht gefallen lassen. Es ist schließlich ja auch sein Handy und sein Leben – Wille – Sein, wie auch immer. Er hingegen hätte dazu die körperliche Kraft mir etwas mit Gewalt abzunehmen. Sicherlich würden mir viele – sollte er so etwas tun – anschließend zu einer Anzeige raten oder zumindest dazu solch einen gewaltvollen Partner zu verlassen. Mit Recht.



Bei Kindern sieht dies meist ein wenig anders aus

Eltern schenken ihnen etwas und haben eine ganz konkrete Intention dahinter. Zum Beispiel sollen Kinder mit einem Tablet pädagogisch wertvolles Zeug lernen und dann, wenn die Eltern es gerade benötigen, sich einen Moment mit dem Ding gönnen. Oder aber sie wollten ihren Kindern schlicht und von Herzen eine Freude machen, doch der Nachwuchs mag das Ding nun deutlich mehr als erwartet und die Eltern sind vom ständigen spielen genervt.

Fakt ist, es ist egal wem das Ding gehört, die Eltern verfügen nicht selten darüber, wie sie gerade lustig sind. In der Folge wird das Spielzeug zumindest reglementiert, wenn nicht eben unter Drohung aus der Hand genommen und zur Strafe entzogen. Bei Kindern kommt dann das beliebte Argument zum Tragen, es gehe dabei einzig um dessen Wohl, schließlich könne es sich nicht selbst (?) regulieren (vor allem bei digitalen Medien ein Totschlagargument).

Welch eine Farce!

Da kriegt das Opfer eines Übergriffes nicht nur die Verantwortung der Tat übertragen, sondern wird mit der Last der Schuld belegt. Es tut nicht das, was ein anderer für richtig hält. Es wehrt sich und ist am Ende auch noch selbst schuld, wenn es gewaltsam dazu gebracht wird. Man habe ja schließlich höfflich darum gebeten es weg zu legen, es gewarnt und angebliche Kompromisse vorgeschlagen. Nach den eigenen Regeln, versteht sich… Und das auch noch zu seinem Besten. Gewalt aus Liebe. Harter Tobak. Und leider Alltag. Normalität.

Ich werde nach wir vor sehr wütend, traurig und ohnmächtig, wenn ich mir die Absurdität dieser allgemein anerkannten „Logik“ vor Augen führe. Da sollen beispielsweise Mädchen lernen, dass Nein, Nein ist und nur sie über ihre Körper bestimmen dürfen, zugleich werden Mädchen und Jungen jeden Tag dazu genötigt zu gehorchen und bekommen vorgelebt wie man mit Macht über andere verfügt und dessen Würde und Wille mit Füssen tritt. Es werden enorme Anstrengungen zur angeblichen Stärkung von Kindern und Frauen getan sowie zur allgemeinen Gewaltprävention. Aber für das banalste und Augenscheinliche sind wir meistens blind.

Nun ja, ich schweife vermutlich ein wenig ab…



In Konfliktsituationen, auch zwischen Erwachsenen, wird mit gegenseitigen Vorwürfen und Superlativen selten gegeizt

„Immer (!) sitzt du mit deinem Handy da!“ oder „Ständig (!) meckerst du an mir rum!“ sowie „Nie (!) interessierst du dich für etwas anderes!“ – „Nie (!) habe ich auch nur einen Moment Ruhe!“.

Kommt körperliche Gewalt nicht in Frage, vielleicht sogar aus Überzeugung, so wird gerne gedroht, erpresst, genötigt oder mit Liebesentzug gestraft. Da ist die eine Seite tagelang beleidigt, die andere entzieht sich und verschwindet wo auch immer hin. Kinder haben da wenig Raum zum entkommen. Machen sie ihre Not daraufhin bemerkbar, heißt es nicht selten sie seien süchtig, schwierig oder was auch immer…

Das ist nun alles ein wenig konstruiert, aber durchaus ein Szenarium, welches in vielen Familien zu unterschiedlichen Konflikten zu finden ist. Sicherlich auch bei uns. Dann geht es womöglich nicht um das Handy oder zumindest ist es kein Geschenk gewesen, dafür aber um etwas anderes, worüber wir uns regelmäßig ärgern. Selten schaffen wir, den Konflikt an der Wurzel zu packen – hier im konstruierten Fall zum Beispiel begann alles mit der Erwartung der schenkenden Person – und suchen Lösungen durch Symptombehandlung statt Ursachenforschung: das Handy muss weg; ist doch klar.

Das ist bereits in einer gleichberechtigten Beziehung zwischen erwachsenen Menschen scheinbar nicht einfach. Da mag mein Apell einer gleichwürdigen Beziehung mit Kindern verständlicherweise auf dem einen oder anderen noch sehr utopisch erscheinen. Aber diese Art der Beziehung wird bereits belebt. Zum Beispiel hier bei uns Zuhause. Und das lebe ich auch außerhalb meiner Familie. Zur Freude vieler Kinder und erstaunen einiger Eltern darüber wie kooperativ ihre Kinder doch sind oder auch wie ein Erwachsener sich „so etwas“ gefallen lassen kann. Doch auch mir gelingt es nicht immer, immerhin immer öfters.



Es ist möglich zu streiten ohne den anderen Abzuwerten oder zu bedrohen

Wenige Menschen gehen mit Konflikte wirklich beziehungsorientiert und produktiv um. Streit bedeutet meistens Stress und will schnell beendet werden. Mit etwas Glück wird nach scheinbaren Kompromisse gesucht und jeder macht eine Menge Abstriche. In der Regel kündigt eine der Seiten zumindest innerlich die Beziehung und denkt sich „Mach doch was du willst! Es ist mir egal!“. Aus der inneren Kündigung wird dabei nicht selten ein Abschied auf Raten. Nicht selten als Folge zu vieler Pseudo-Kompromisse und eines übersteigerten Wunsches nach Harmonie, der auf der fehlenden Fähigkeit zu Streiten beruht.

Manchmal gelingt es aber Menschen ihre Gefühle zu ordnen, ihre Bedürfnisse dahinter zu erkennen, den Konflikt aus einer Meta-Ebene zu betrachten und achtsam die eigenen Beobachtungen zu schildern sowie konkrete Wünsche zu formulieren. Sie sehen die Chance in der Auseinandersetzung und nehmen zumindest an, dass das Gegenüber ebenfalls gute Gründe für seine Reaktion hat. Es nimmt empathisch an dessen Wünsche teil, ohne sich selbst dabei zu verleugnen. Diese Menschen suchen nach verbindende Lösungen in Beziehung und unter Berücksichtigung aller Bedürfnisse.

Ja, das liest sich nicht nur anspruchsvoll, das ist es auch in der Umsetzung. Erstaunlich, dass viele Erwachsene aber genau das von ihren Kindern verlangen, wo sie es selbst nicht leben können. Es ist eben nicht das, was wir einst beigebracht bekommen haben, geschweige denn vorgelebt. Die Kunst der gewaltfreien Kommunikation fühlt nicht ohne Grund zahlreiche Bücher, Hörsäle und Seminare. Dabei denke ich nicht an die Methode von Marshall Rosenberg, sondern ich spreche von Haltung! Und ja, es ist harte Arbeit, insbesondere dann, wenn die eigene Realität über viele Jahre lang eine gänzlich andere war. Die Hoffnung bleibt, dass unsere Kinder es da schon wieder ein klein wenig leichter haben, aber ich will auch hier meine Beziehung nicht mit zu vielen Erwartungen belasten.

Fakt ist, in der Regel fällt uns Menschen streiten schwer.



Wir haben meist nicht gelernt, verbindend zu streiten, sondern nur trennend

Es geht ums Gewinnen oder ums Recht haben und das kann nur einer. Die Sache ist, da wo es ein Gewinner gibt, gibt es auch zumindest einen Verlierer. Und da niemand – sinnbildlich – gerne verliert, tut er alles, um auf der Gewinnerseite zu sein. Gewinnen bedeutet in dem Fall häufig, seine Würde zu behalten, verlieren hingegen nicht, da ja gerne mit den Konzepten der Schuld und Scham gearbeitet wird.

Kompromisse werden gefunden „um endlich mal Ruhe zu haben“ oder weil das schlechte Gewissen einen sonst gerne plagt. In der Not wird die Wahrheit dann auch gerne mal passend gemacht. Im Inneren bleibt der Konflikt jedoch meistens bestehen. Zumindest arbeiten die Konsequenzen der Pseudo-Kompromisse weiter.

Wir können solche Konflikte vermeiden. Zum Beispiel indem wir an unsere Erwartungen arbeiten. Es ist niemands Aufgabe unsere Erwartungen zu erfüllen. Enttäuschungen sind dann vorprogrammiert. Nun ist uns vermutlich nicht immer schon vorher klar, dass wir Erwartungen hegen, so dass wir diese zumindest offen kommunizieren können.



Konflikte gehören zum Leben und zu Beziehungen dazu

Sie sind eine Chance etwas über uns selbst zu erfahren und daran zu wachsen, sowohl als Individuum als auch innerhalb von Beziehungen. Wir können unsere Beobachtungen, Sorgen und Bedürfnisse kommunizieren, Wünsche äußern, Vorschläge machen und begleiten. Das gelingt uns vor allem dann, wenn wir auch bereit sind in aller Offenheit und Neugier unser Gegenüber anzuhören sowie wahrzunehmen.

Wir können genauso uns für eine innere und später auch äußere Kündigung entscheiden. Das machen viele Paare täglich so. Auch Eltern machen das gegenüber ihren Kindern. Doch Kinder können das nicht. Die einzige Beziehung, die sie kündigen können, ist die zu sich selbst und das tun sie, um die Verbindung zu ihren Eltern, von den sie auf allen Ebenen abhängig sind, nicht zu verlieren. Und das hat weitreichende Folge. Eine davon, ist unsere Unfähigkeit mit unseren Kindern und PartnerInnen zu streiten oder die Beziehung wahrhaftig zu halten.

Aggressionen, die nicht produktiv umgewandelt werden (können) und auch nicht – zum Beispiel in Form von Gewaltausübung – nach außen gehen, richten sich nach innen aus und zerstören eben dort. Das gilt für große, wie für kleine Menschen gleichermaßen. Wenn wir unsere Kinder nicht erziehen und auf jegliche Gewalt verzichten, so inkludiert dies auch sie nicht sich selbst zu überlassen. In Beziehung zu leben ist eine bewusste Entscheidung, die viel Achtsamkeit und Übung verlangt. Jeden Tag ein wenig mehr. Ein Leben lang. Das muss nicht unser Ziel in allen unseren Beziehungen sein, aber zumindest in denen wir die alleinige Verantwortung tragen, sollten wir uns zumindest dessen bewusst sein.

Saluditos & Axé

Eure

Aida

 

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Foto von georgerudy, bei Fotolia.

About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

2 Comments

  • Denise

    Reply Reply 9. Mai 2017

    Hallo liebe Aida, machst du auch coaching in Wien, oder online, oder kennst du jemanden in Wien? Kennst du vielleicht eine passende Webseite für Väter…? Ich finde deine Gedanken und Praxis großartig und waere froh, wenn ich mich in diese Richtung entwickeln könnte. Danke! Einen schönen Tag! Liebe Grüße! Denise

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