Treten, hauen, beißen, spucken, schreien und stänkern – Wenn Kinder aus dem Rahmen fallen

close-up portrait of a very angry screaming boy

Wenn Kinder treten, hauen, beißen, spucken, schreien oder „stänkern“, lese und sehe ich in der Regel vor allem eines: viel Not. Bei Eltern und Kindern. Aber auch bei Fachkräften, also Erzieherinnen, Pädagogen, usw.

Auch ich bin Mutter. Auch ich habe Kinder. Ich kenne also diese Not nicht nur vom Lesen, Beobachten oder meiner Arbeit als Coach oder als Elternsprecherin und Mutter ehemaliger Kindergartenkinder, sondern bin auch mal mitten drin in ihrer Wut und in meiner Überforderung.

Die Reaktion vieler Erwachsener auf das beschriebene, aggressive Verhalten der Kinder, ist oft mindestens genauso destruktiv: es werden „Grenzen gesetzt“ und sogenannte „Konsequenzen“ gezogen. Manch einer verzweifelt sogar am gleichwürdigen Umgang mit ihrem Kind.


Das untragbare, unangepasste Verhalten soll bloß aufhören



Es ist unangenehm und peinlich. Es überfordert, stresst und nervt. Es erscheint uns mitunter auch „vollkommen unnötig“. „Es gehört sich (außerdem) einfach nicht!“ und „man kann es doch nicht zulassen!“, vor allem aber sehnen sich viele von uns im Alltag nach ein wenig Harmonie und „Flow“. Die Kinder sollen doch bitte das eine mal hören. Tun sie aber nicht. Weil sie nicht können.

Hinter Beschreibungen und Aussagen, die das negative Verhalten des Kindes in den Fokus stellen, stecken meist Menschen, die sehr ausgelaugt, verzweifelt und maßlos überfordert sind. Das kann ich gut nachvollziehen und auch nachfühlen. Ich kenne dieses Verhalten von meinem Sohn, der schon immer stark körperlich kommuniziert hat. Ich weiß wie sehr es an die eigenen Grenzen bringen kann, wenn ein Kind so intensiv und „unangepasst“ ist. Nicht zuletzt dank der allgemeinen Verurteilung und Erwartungshaltung.

Mir ist also bewusst, dass nicht immer ein (offensichtlicher) Übergriff vorausgegangen sein muss, wenn Kinder sich durchs <hauen, beißen, spucken> Gehör verschaffen wollen. Das eigene Kind scheint mitunter sogar vollkommen aus dem Rahmen zu fallen, weil doch – zumindest in der eigenen Wahrnehmung nach – alle anderen Kinder so „lieb und problemlos“ sind, während unser eins ständig über die Stränge schlägt. Dann ist das Kind auch noch ausgerechnet mit dem „schwierig“, was gesellschaftlich so tabuisiert ist und „nicht geduldet werden darf“. Gewalt finden alle doof, auch wenn kaum jemand sich im Alltag davon freisprechen kann, gewalttätig zu sein und sich wirklich mit dem Thema auseinandersetzt.

Ein intensives Kind und allgemein der Umgang mit Aggressivität bleibt eine unglaubliche Herausforderung. Das unsere Wahrnehmung oft verzerrt ist, mag ich an dieser Stelle noch einmal betonen…

Die Sache ist, dieses eine Kind  i s t  im Moment zumindest so. Es drückt sich auf diese Art aus und eben nicht, wie das Kind, was seinen Ärger anderweitig kommuniziert oder immer freundlich und empathisch ist. Wir können es, also das Kind, samt seinen Verhalten, ablehnen; aber es wird nichts daran ändern, dass das Kind so ist, wie es ist. Vielleicht schaffen wir es, dass er sich fügt und lernt sich genauso wenig zu mögen, wie wir es ihm in solchen Situationen womöglich zu verstehen geben. Es unterdrückt vielleicht, so scheint es, erfolgreich seine Impulse und verlagert seine Aggression künftig lieber nach innen.

Wir können uns aber auch dazu entscheiden, unser Kind anzunehmen und zu lieben, wie es nun einmal ist. Auch trotz aller Ablehnung für das Verhalten, welches wir jedoch auch annehmen können, wenn wir verstehen, dass es uns Zugang zu den Bedürfnissen des Kindes gewährt. Wir können im jeden Fall wenigsten das Kind in seiner Würde respektieren. Das wäre ja schon mal ein guter Anfang.

Das bedeutet übrigens NICHT, dass es in Ordnung ist, wenn Kinder andere schaden und wir unsere und die Integrität anderer nicht schützen dürfen oder sollen. Unbedingt sollten wir das sogar. Es ist unser Job dies zu tun. Wir müssen dabei jedoch nicht unser Kind oder die anderen Eltern diskreditieren, diagnostizieren, ausschimpfen oder gar bestrafen.

Was Kinder an dieser Stelle brauchen ist Begleitung, Verständnis und Vorbild zur konstruktiven und friedvollen Konfliktlösung! Eltern, die es liebevoll an die Hand nehmen und für eine Umgebung sorgen, indem es sich geschützt entfalten kann. Menschen, die erkennen, wenn etwas zu viel ist und Co-regulation anbieten und bei Überforderung ebenfalls übersetzen, vermitteln, spiegeln und respektvoll intervenieren durch Moderation und Mediation. Das ist mit Augenhöhe gemeint und nicht, dass wir unsere Arme verschränken und unser Kinder dabei beobachten, wie es in sein eigenes Verderben läuft.

Was wir jedoch verstehen müssen:


Kinder machen nichts gegen ihre Eltern oder andere. Sie machen stets etwas für sich



Sie wollen uns nicht provozieren, um uns zu ärgern, sondern wollen eine Reaktion hervorrufen, weil sie Verbindung suchen, Beziehung brauchen und gesehen werden wollen in ihrer Not. Sie suchen und brauchen ihre Eltern und womöglich auch Hilfe, Unterstützung und Begleitung.

Es ist sogar sehr gut möglich, dass Kinder, die sich so verhalten, sich gerade selber nicht sonderlich gut leiden können. Die erlebte Ablehnung macht es nicht einfacher, gerade mitten in der Autonomiephase oder der „Wackelzahnpubertät„.

Das muss sich wirklich ganz schrecklich anfühlen für ein Kind, dass noch nicht über so viel Lebenserfahrung und Impulskontrolle verfügt, so dass es die Situation selber für sich gut einschätzen kann. Es glaubt mit größter Wahrscheinlichkeit dem Urteil anderer, vor allem dem seiner Eltern. Aber es kann sich nicht anders verhalten und sucht dann erst Recht Kontakt und ist dabei wieder „falsch“. Es erfährt nochmals Ablehnung, da es sich auf einer Weise ausdrückt, die bei vielen Menschen offensichtlich nicht willkommen ist. Dabei ist Aggressivität eine menschliche Form sich auszudrücken, die mit fehlender Reife, wie bei Kindern, absolut nicht ungewöhnlich ist. Es braucht einfach auch ein wenig Zeit und die Erfahrung, dass es anders geht, indem das Kind auf sein aggressives Gebaren, keine aggressive Antwort erhält. Aggressivität ist aber auch häufig das Resultat fehlender Resonanz und Kooperation des Gegenübers. Es ist in dem Fall ein Hilfeschrei, dass auch Erwachsene, in unterschiedlicher Ausprägung, oft und gerne von sich geben!

Was für ein gemeiner Teufelskreis das doch ist. Die Sache ist, Kinder können da nicht alleine raus. Sie brauchen uns. Trotz aller Überforderung und Erschöpfung unserseits. Wir können aus dem Teufelskreis und aus dem Kampfring aussteigen! Es ist unsere Aufgabe, uns nicht anstecken zu lassen.

Es gibt viele Gründe, warum Kinder auf aggressive Art reagieren. Darüber habe ich beispielsweise auch in meinen Artikel 6 Gründe warum kleine Kinder hauen geschrieben. Ich kann also versichern, dass sie Gründe haben, wenn sie treten, beißen, hauen, spucken, kneifen oder was auch immer. Wenn wir uns überfordert und verzweifelt fühlen in solchen Situationen; unsere Kinder umso mehr.

Was kannst du also tun, wenn es nicht nur eine Ausnahmesituation ist, sondern euer Alltag? Im oben verlinkten Artikel gebe ich darauf bereits einige, sehr gezielte Antworten, weitere könnten sein:

1. Versuche eure Situation aus der Vogelperspektive zu betrachten!

Was ist bei euch los? Welche Situationen eskalieren? Was mutest du deinem Kind und dir selbst zu? Welche Veränderungen fanden in letzter Zeit statt? Versuche alle Lebensbereiche zu betrachten: Familie, Betreuung durch andere, Gesundheit, eigene Belastung als Eltern, etc.

2. Gehe in Selbstreflexion!

Und was ist da, mit uns los, wenn wir das, was andere denken könnten, so viel Raum einräumen, dass es uns im Umgang mit unseren Kindern verunsichert und nervös macht? Woher kommt die Vorstellung alle Kinder seien angepasst, empathisch und nett? Woher der Wunsch, dass das eigene Kind bitte so sei? Warum macht es uns so sehr zu schaffen, dass manch einer das eigene Kind, zumindest in der unmittelbaren Situation, sogar ablehnt?

3. Höre in dich hinein und sorge für dich!

Schaue auf deine Bedürfnisse und erfülle sie! Nur nicht auf Kosten deiner Kinder. Es ist nicht deren Job unsere Bedürfnisse zu erfüllen, sondern unser!

4. Unterstelle deinem Kind vor allem stets die besten Absichten!

Es gibt mit Sicherheit sein Bestmögliches, so wie auch du, es tust. Es KANN schlicht nicht anders. Es tut etwas für sich, nichts gegen dich! Komm raus aus der Opferrolle und lerne in der Verantwortung zu bleiben, denn diese trägst du für die Qualität eurer Beziehung so oder so.

Ich wünsche dir, als Eltern eines intensiven Kindes, viel Kraft und Liebe für diese große Herausforderung und dass du irgendwann das große Geschenk ein intensives Kind zu haben, erkennen kannst.

Saluditos & Axé

Eure

Aida

 

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Foto von mellevaroy, Fotolia.

About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

4 Comments

  • Anna

    Reply Reply 8. Mai 2017

    Liebe Aida, gerade stoße ich zufällig auf deine Artikel zu den intensiven Kindern. Mir stehen die Tränen in den Augen. Nach so langer Verzweiflung und offensichtlichem Fehlverhalten meinerseits, lese ich etwas, was mir aus der Seele spricht. Ich bin dir sehr dankbar für deinen Artikel und hoffe mit mir und meinen Kindern weiter zu kommen.
    Anna

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 16. Mai 2017

      Liebe Anna,

      das freut mich von Herzen und ich wünsche euch ganz viele Begegnungen!

      Alles Liebe
      Aida

  • Saskia

    Reply Reply 15. Juli 2017

    Liebe Aida, vielen vielen Dank für Deinen Blog! Es ist regelrecht befreiend, diese Dinge mal mit der Selbstverständlichkeit zu lesen, in der Du sie geschrieben hast. Es ist zutiefst menschlich, Kinder nach den Gründen für ihr Verhalten zu fragen, zu verstehen und ihnen dann bessere Lösungen anzubieten und dennoch ist es keine Selbstverständlichkeit in unserem Land.

    Dickes Danke!! Viele Grüße, Saskia

  • Kia

    Reply Reply 16. Juli 2017

    Danke für den wertvollen Artikel. Ich tue mich in der Umsetzung schwer. Meine Tochter (4,5) spuckt seit ein paar Monaten und sei ein paar Wochen auch uns Eltern an, das wollen wir nicht. Weder ich noch mein Mann wollen angespuckt werden, das sagen wir ihr auch ( immer und immer wieder). Bieten ihr Alternativen an, bleiben bei ihr, reden mit ihr. Sie spuckt uns weiter an, es kommt einfach aus ihrem Mund -> sagt sie <3
    Ich weiß nicht genau wie wir gut in diesen Spucksituationen reagieren sollen, ohne ihr ein Gefühl von Ablehnung zu geben? Vielleicht gibt es Praxisbeispiele 😏

    Vielen lieben Dank schon mal ♥️

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