Wann sollten Eltern mit ihren Kindern verhandeln? – Kompromiss oder Kooperation

Family holding hands together closeup

Verhandlungen und Absprachen sind Bestandteil meiner beruflichen Realität. Daneben habe ich eine relativ große Familie und befasse mich täglich mit Verhandlungen zur Kompromissfindung. Ich mag Verhandlungen. Sie sind spannend und sie lassen unterschiedliche Rollen zu. In welcher Rolle befinde ich mich? Wie gut ist meine Verhandlungsposition? Welches Ziel verfolge ich? Warum gehe ich überhaupt in Verhandlung?

Wenn ich in der Vergangenheit im Beruf in Verhandlung trat, dann in der Regel, um den größtmöglichen Nutzen für mein Anliegen zu erzielen. Ich verfolgte ein klares Ziel, hatte einen sehr klaren und in der Regel vorgegebenen Rahmen, war hart in der Sache, aber dennoch „weich“ zur Person. Manchmal aber auch nicht. Ich hatte einen Auftrag und war als Vertreter meines Arbeitgebers unterwegs.

Manchmal hatte ich aber mehr Spielraum und konnte ganz neugierig an die Sache heran gehen. Ich hatte kein klares Zwischenergebnis vor Augen, und konnte die Makroebene betrachten. Das Ziel lautete lediglich: löse das Problem. Diese Art der Verhandlung habe ich in der Regel als sehr bereichernd und beziehungsfordernd erlebt, denn ich wollte nicht gewinnen, sondern kooperieren! Die andere hingegen erlebte ich oft eher als taktisch, manipulativ und abgrenzend. Mein Wohlwollen und das meines Gegenübers war im beruflichen Alltag regelmäßig davon abhängig, wer am längeren Hebel saß. Es war und ist in der Regel eine Frage von Macht und zum Teil auch von Verhandlungsgeschick. Die Beziehungsebene spielte ebenfalls eine große Rolle, allerdings weniger im Sinne von Neugierde, sondern vom Nutzen aus betrachtet. Das empfand ich insgesamt als sehr belastend und trennend. Letztlich erkannte ich, dass ich in solch einem Umfeld nicht sein wollte.

Ich fürchte, so ähnlich geht es vielen Kindern oder erkennst du nicht die Parallelen zum Familienalltag? Von wegen „Erziehungsauftrag und der Gleichen? „Kinder brauchen Grenzen und andere limitierende Glaubenssätze? „Zähne müssen geputzt werden, darüber diskutiere ich nicht…“

Übertragen wir es also auf die Eltern-Kind Beziehung:



Per se bin ich als Mutter in der stärkeren Position: ich bin stärker, älter, vermeintlich wissender und allgemein gesellschaftlich gestärkt

Dazu kommt, dass mein Kind voll und ganz von mir abhängig ist. Seine Ausgangslage ist äußerst bescheiden. Nun frage ich mich, warum ich als Mutter überhaupt in Verhandlung gehen sollte.

Die Antwort lautet: weil ich eine Haltung habe, die von Gleichwürdigkeit und Verantwortung getragen wird.

Meine Motive könnten aber auch ein wenig banaler und unreflektierter ausfallen: weil ich mich weniger schlecht fühle, ergo ich die Verantwortung gefühlt teilen kann.

Vielleicht liegt es auch daran, wie es so gerne Menschen vorgeworfen wird, die Kinder mit Respekt begegnen, dass man sich nicht durchsetzen kann und mit einem faulen Kompromiss wenigstens ein wenig das Gefühl hat, die Fäden in Händen zu halten…

Was heißt das nun konkret?

Wenn ich der Meinung bin, dass Fernsehen schädlich ist; wenn ich der Meinung bin, dass ich nur zur Ruhe komme, wenn mein Kind schläft; wenn ich der Meinung bin, dass Zucker Gift ist; etc., dann liegt es in meiner Verantwortung, klare Ansagen zu machen! „Kind, ich will das nicht und ich erlaube es nicht!“ – Punkt.

Ja, das ist ätzend. Zum Kotzen sogar, aber es ist ehrlich. Und ich mache keinen Menschen für meine Ängste und Glaubenssätze verantwortlich, auch wenn ich meine Bedürfnisse dann über andere weiterhin befriedige. Ich überrolle immerhin niemanden mit falschen Erwartungen und ich bin klar.

Dafür brauche ich keine Verhandlungen. Nicht aus der Position heraus, in der ich mich befinde. Solche Verhandlungen dienen dann nämlich nur dem Schein, dienen meinem Gewissen, dienen dazu mir, das Leben einfacher zu machen. Ist es aber fair gegenüber einem Kind? Ist es fair, ihm diese Last aufzubürden? Nein, ist es nicht! Also warum nicht lassen und wenigstens dazu stehen, dass man eben erzieht?!

Erziehung ist gemein. Kinder im Unklaren zu lassen ebenfalls.

Wenn ich aber daran glaube, dass Kinder kompetent sind, bereits bin an mir zu arbeiten und tatsächlich ergebnisoffen bin, dann machen Verhandlungen sogar Spass, sind ehrlich und nicht an Erwartungen geknüpft, denn das Ergebnis ist dann lediglich ein Wunsch, ein „schauen wir mal, wie es läuft“ oder „ob es uns tatsächlich gefällt“, es ist ein „ja, probieren wir mal aus“.

Sind aber Verhandlungen immer nötig, wenn unterschiedliche Wünsche oder Bedürfnisse aufkommen und diese gleichberechtigt nebeneinander stehen?

„Mama, ich will Eis.“ – „Puh, wir haben nichts im Haus und ich hatte eigentlich vor, jetzt die Wäsche zu machen.“ – „Hm, ich habe aber echt große Lust auf Eis!“ – „Ok, dann mache ich schnell die Wäsche und kaufe dir danach Eis.“ – „Warum gehen wir nicht jetzt Eis kaufen und machen danach die Wäsche zusammen?“ – „Dann ist sie nicht trocken, wenn ich sie brauche. Wenn du mir aber schnell hilfst, dann sind wir schneller beim Eis.“

Das wäre eine sogenannte ergebnisoffene Verhandlung. Im Grunde wird dann, wenn du mich fragst, nicht wirklich verhandelt. Es wird kooperiert und gemeinsam erörtert, was jeder will und realisierbar ist, um so gemeinsam eine Lösung zu finden, in der alle Beteiligten mit seinen Bedürfnissen Berücksichtigung findet. Die Haltung des „Mächtigeren“ ist vom Willen zu kooperieren getragen. Und genau das, ist es im Grunde, was Kinder so dringend brauchen: kooperative Eltern!

Steht für die Mutter im Beispiel in dem Moment das Eisessen aber per se gar nicht zur Diskussion (Zucker, Geld, Weg, etc.), kann man sich die vermeintliche Verhandlung hier sparen. Pseudokompromisse sind nämlich schlicht nicht fair und dienen lediglich dazu, demjenigen am längeren Hebel, ein gutes Gewissen zu machen. Daneben bietet es den perfiden Nebeneffekt, das Kind in Zukunft immer wieder manipulativ darauf hinzuweisen, man habe sich doch geeinigt und das Kind würde sich nicht dran halten. Ziemlich unfair, wenn du mich fragst.

Kinder wollen kooperieren. Ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist enorm. Die Frage ist also, wie so oft, ob wir kooperativ sind und/oder daran arbeiten wollen, es zu werden. Konflikte lassen sich nicht durch Kompromisse nachhaltig in Beziehung lösen. Eine beziehungsorientierte Konfliktlösung innerhalb der Familie erfordert zunächst Kooperationsbereitschaft der Eltern und den Willen Bedürfnisse zu verbinden. Genau das schafft nämlich auch nachhaltige Verbindung.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Willen, aber darüber schreibe ich beim nächstem Mal…

Saluditos & Axé

Eure

Aida S de Rodriguez

 

 

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Foto © Dmitry Naumov, bei Fotolia.

About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

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