Geschwisterstreit: Er treibt uns in den Wahnsinn! – So lässt sich das ändern

geschwister

Kaum ein Thema belastet den Familienalltag mehr als das ewige Streiten zwischen den Geschwistern. Keine Familie, in der mehrere Kinder leben, wo Gezanke und Streits nicht täglich, wenn nicht gar mehrmals am Tag, vorkommen. Sind die Geschwister auch noch in einem ähnlichen Alter, scheint es beinahe so, als gäbe es nichts anderes als streitende Kinder.

Ich bin Mutter von drei Kindern. Ein Zwillingspärchen und einen eineinhalb Jahren jüngeren Sohn. Daneben bin ich das jüngste von ebenfalls drei Kindern. Streits zwischen Geschwistern begleiten mich bereits ein ganzes Leben lang. Und meine Kinder geben mir nun jeden Tag die Chance dazu, meine eigenen Erfahrungen aus der Kindheit zu transformieren.

Warum aber streiten sich Geschwister? Und warum belasten uns diese Streitigkeiten so stark?

In diesem Artikel werde ich genau auf diese zwei Fragen eingehen. Daneben zeige ich auch Wege auf, um souverän und in Beziehung mit solchen Situationen umzugehen.

Hier die drei Hauptgründe warum sich Geschwister streiten:

1) Geschwister streiten sich um in Beziehung zu bleiben!

Ja, richtig gelesen. Wenn Kinder sich streiten, ist es oft ein Ruf danach gesehen zu werden. „Liebe Eltern, kümmere dich bitte um mich!“ oder aber „Zeig mir, dass du mich wirklich lieb hast und dass meine Geschwister mir meinen Platz nicht streitig macht!“

Gerade kleine Kinder sind darauf angewiesen, dass Erwachsene sie unterstützen. Sie sind von ihnen abhängig, um überleben zu können. Es ist also eine reine Überlebensstrategie, wenn kleine Kinder mit ihren Geschwistern in einer Art Konkurrenzkampf einsteigen, um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern.

Besonders befeuert werden Geschwisterstreitigkeiten durch überhöhte Rivalität zwischen den Kindern. Dies kann durch einen geringen Altersabstand gegeben sein, besonders bei Geschwistern desselben Geschlechts oder aber hausgemacht durch Erziehung. Dazu zählen ständige Vergleiche der Geschwister als auch ungerechte Behandlung und Bevorzugung eines der Kinder.

2) Wo Menschen aufeinander treffen, ist die Auseinandersetzung mit dem anderen unvermeidbar.

Geschwister haben kaum eine Chance sich abzugrenzen, sondern müssen mit ihren Brüdern und Schwestern irgendwie klar kommen. Mehr noch, von ihnen wird erwartet, dass sie sich lieben. Oft auch, dass sie teilen, dabei teilen sie bereits das für sie wichtigste im Leben: ihre Eltern!

Anders als bei anderen Menschen, müssen sie sich miteinander auseinandersetzen, auch dann, wenn sie sich gerade, warum auch immer, ziemlich unsympathisch finden. Oft teilen sich Geschwister ein Zimmer und müssen mit den Eigenarten des anderen zurechtkommen. Da ist das eine sehr sorgfältig und ordentlich, das nächste ein richtiger Chaot. Da spielt das größere Kind liebend gerne mit Lego und das jüngere ist noch in der „Zerstörungsphase“.

Teilen sie sich nicht das Zimmer, so bieten sich in den Gemeinschaftsräumen genügend Möglichkeiten für Reibung. Schließlich wollen Kinder, gerade wenn sie klein sind, sich dort aufhalten, wo auch ihre Eltern sind.

3) Kinder streiten sich, weil ihnen andere Strategien fehlen.

Mitunter sind Kinder in Konfliktsituationen regelrecht verzweifelt und überfordert. Gerade bei Kindern bis zu ca. vier Jahren ist dies schnell der Fall. Wenn das eine Geschwisterkind zum Beispiel das Lieblingsauto des anderen in der Hand hat, kann es bei den Kleinen schnell zur körperlichen Auseinandersetzung kommen. Sie wollen ihr Auto zurück. Sofort. Sie entreißen das Spielzeug dem anderen aus der Hand. Sie hauen, treten, beißen.

Bestehen die Eltern oder andere Bezugspersonen dann auch noch darauf, dass die Kinder teilen, wird sich diese Art von Streitigkeiten immer wieder aufs Neue entfachen. Aber selbst dann, wenn jedes Kind das gleiche Spielzeug hat, so ist das in der Hand des anderen oft deutlich interessanter.

Der Umgang mit Konfliktsituationen überfordert sehr viele Erwachsene. Wie können wir da erwarten, dass Kinder diese Situationen harmonisch und im Gespräch lösen? Gerade wenn ihnen noch die sprachlichen Fähigkeiten fehlen, ist dies ein absurder Wunsch.

Das Streiten zwischen Geschwistern ist etwas normales und unvermeidbar.

Doch das Streiten macht nicht nur etwas mit unseren Kindern, sondern auch mit uns. Unsere Reaktion auf die Streitigkeiten zwischen den Geschwistern beeinflusst maßgeblich die Entwicklung ihrer Konfliktlösungsfähigkeit. Hier können wir durch vorleben ihnen einen bunten Blumenstrauß an Strategien an die Hand geben. Die Frage aber ist: Welche Strategien kennen wir?

In vielen Elternratgebern wird empfohlen Streits dadurch zu vermeiden, indem man es eben ignoriert. Die Logik dahinter ist genau so einfach wie gefährlich: „Wenn Kinder sich meiner Aufmerksamkeit wegen streiten, dann hören sie eben auf, wenn sie keine bekommen.“

Ersetzen wir nun das Wort „Aufmerksamkeit“ durch „Beziehung“. Und erinnern wir uns daran, dass kleine Kinder um zu überleben auf uns angewiesen sind. Wenn mein Kind also nach „gesehen werden“ und „Beziehung“ schreit, wäre es da nicht sinnvoller in Beziehung zu gehen anstatt mit Ignoranz zu glänzen?

Was kann ich also im Streitfall der Kinder konkret tun?

1) Bedürfnisse erkennen!

Bevor ich an Konfliktlösungen denke und mich in die Auseinandersetzungen meiner Kinder einmische, versuche ich zunächst zu erkennen welches Bedürfnis meine Kinder haben. Warum streiten sie gerade? Geht es um mich? Oder lernen sie sich und ihre eigenen Grenzen kennen?

2) Herausfinden, ob Begleitung benötigt wird!

Außerdem frage ich mich, ob sie mich gerade brauchen oder ob sie selber Wege finden mit der Situation zurechtzukommen. Eines meiner Kinder fragt zuverlässig nach Hilfe, wenn diese benötigt ist. Ein anderes agiert meist sehr diplomatisch und kooperativ. Das nächste hingegen ist noch sehr jung, verfügt noch nicht über die sprachlichen Mittel und reagiert schnell körperlich. Mit dem Wissen bin ich meist in Alarmbereitschaft und versuche frühzeitig umzulenken und einzugreifen.

Geht es um ganz kleine Kinder, empfiehlt es sich diese zu begleiten und bestimmte Situationen zu antizipieren. So habe ich mein gern beißendes Kind öfters vom Zubeißen abhalten können, indem ich rechtzeitig sein Anliegen verbalisiert habe.

3) Eigene Rolle bei den Streitigkeiten der Kinder bewusst werden!

Befeuere ich durch mein Verhalten unbewusst oder gar bewusst die Auseinandersetzung zwischen den Kindern? Neben Vergleiche zwischen den Geschwistern, Bevorzugung oder ungerechte Behandlungen, zählen auch Zuschreibungen in diese Kategorie.

Frage ich offen und unvoreingenommen, was geschehen ist oder bin ich noch im „Täter-Opfer-Muster“ gefangen und will eigentlich nur wissen, wer gerade Schuld war? Was erhoffe ich mir davon? Ist es überhaupt relevant für die Konfliktlösung wer Schuld trägt? Und hilft mir das Denken in Schuld-Kategorien weiter?

4) Tröste deine (!) Kinder!

Wenn zwei oder mehr Menschen streiten, sind in der Regel alle Beteiligten in Not!

Als meine Kinder noch etwas kleiner waren und sich gestritten haben, nahm ich alle Beteiligten zeitgleich auf dem Arm und tröstete sie erst einmal. Oft war dies bereits ausreichend und der Konflikt war aufgelöst.

Mittlerweile wollen sie sich ein wenig abgrenzen und mir ihre jeweiligen Geschichten erzählen. Ich versuche dann sie links und rechts von mir zu umarmen oder bitte einen weiteren Erwachsenen, falls vorhanden, um Unterstützung mit eines der Kinder.

5) Helfe ihnen Lösungen oder Kompromisse zu finden!

Normalerweise erübrigt sich dieser Teil von selbst, wenn wir uns Punkt 1 bis 4 zu Herzen nehmen. Oder aber die Kinder haben alleine ganz tolle Ideen um die Situation aufzulösen.

Auch hier gilt, umso kleiner die Kinder, desto mehr Begleitung werden sie voraussichtlich benötigen.

Wenn Geschwisterstreitigkeiten also normal sind und es gute Wege gibt diese zu begleiten, warum belasten sie uns so sehr?

Warum sind wir Eltern oft schnell überfordert und überlastet, wenn unsere Kinder ständig streiten und warum verfallen wir dann gerne in alte Erziehungsmuster zurück?

In meinem Artikel 10 Fähigkeiten, an denen Eltern arbeiten können, um mit ihren Kindern in Beziehung zu sein erläutere ich im Punkt 6. Konfliktfähigkeit wie es dazu kommt, dass uns selbst oft diese Fähigkeit fehlt und wie sehr uns das romantisierte Familienbild der Rama-Werbung geprägt hat.

Es wird nicht überraschen, wenn ich nun schreibe, dass der Hauptgrund unserer Überforderung in unserer eigenen Erziehung liegt. Haben uns unsere Eltern als Kind bei Streitsituationen mit Strafen und Sanktionen belegt oder durch Ignorieren brilliert, so haben wir schlicht kein Blumenstrauß zusammen legen können.

Uns fehlen nicht nur entsprechende Strategien im Umgang mit den Streitigkeiten unserer Kinder, sondern sie katapultieren uns oft selbst in unsere Kindheit zurück. Und das bedeutet dann doppelt Stress. Es droht ein System-Absturz.

Bei mir ist es besonders dann der Fall, wenn ich mich beobachtet fühle, oder wenn zum Beispiel ein weiterer Erwachsener zu handeln versucht, der ebenfalls sein Erziehungspaket dabei hat. Spätestens dann muss ich ganz tief Luft holen und mir bewusst machen, dass meine Kinder nun vor Erziehung geschützt werden müssen. Hier geht es dann vor allem um Schadensbegrenzung.

Um die eigene Erziehung überwinden zu können hilft nur heilen. Heilung findet durch Bewusstsein, Achtsamkeit und (Selbst-)Liebe statt. Und da sind wir bereits Mitten in der Transformation…

 

Aida S. de Rodriguez

About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

12 Comments

  • Ilka Abreu

    Reply Reply 13. April 2016

    Mal wieder ein toller Artikel, der mir aus der Seele spricht und mir zeigt, dass ich kein Alien bin. Und erfrischend, so schöne Ideen zur Konfliktlösung zu lesen. Tatsächlich ist umarmen und zuhören meistens die schnellste und beste Lösung. Danke für deinen tollen Blog, Aida!

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 27. April 2016

      Vielen Dank für dein Feedback, liebe Ilka! Es freut mich sehr!

  • Ruth

    Reply Reply 13. April 2016

    Liebe Aida,

    danke! Was für eine umfassende und liebevolle Zusammenfassung dieses komplexen Themas! Da werde ich sicher noch öfter drauf verweisen.

    Sei lieb gegrüßt!

    Ruth

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 27. April 2016

      Dankeschön, liebe Ruth!

  • Lucia

    Reply Reply 14. April 2016

    Liebe Aida,
    Vielen Dank für diesen schönen und inspirierenden Artikel! Vor einiger Zeit habe ich das Internet abgesucht nach einem ausführlichen unerzogenen Beitrag zu Geschwisterstreitigkeiten, konnte aber keinen finden. Jetzt ist er da 💜

    Herzliche Grüße,
    Lucia

    • Aida S. de Rodriguez

      Reply Reply 27. April 2016

      Ich danke dir, liebe Lucia! Ein großes Herzensthema und zugleich mein täglich Brot! 😉

  • Markus

    Reply Reply 15. Februar 2017

    Bei Streitgkeiten zwischen Geschwistern ist dasd wichtigste der Dialog zwischen allen Parteien. Der beste Weg ist eine neutrale Person dazu zu holen der alle vertrauen können um die optimale Lösung zu finden.

Leave A Response

*

* Denotes Required Field