„Das Trauma der Erziehung“ – ein offener Brief

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Ein offener Brief meiner lieben Freundin Birgit Assel vom igtv – Institut für Gesundheitsförderung und Therapeutische Verfahren an meiner wunderbaren Freundin und Kollegin (Ponyhof Podcast) Lena Busch von Familienleicht, den ich mit ihren Erlaubnissen euch hier zur Verfügung stellen darf. Ich wollte euch diese Gedanken nicht vorenthalten, denn genau das ist es, womit ich mich auseinandersetze und wovon meine Arbeit getragen wird. Die für mich wichtigste Erkenntnis und Aussage, habe ich für euch sichtbar gekennzeichnet, denn ich teile sie und danke Birgit für ihren Mut diese auszusprechen.

 

Liebe Lena,

ich habe gerade deinen Artikel in der Zeitschrift „Unerzogen“ gelesen, zu dem Thema Kriegskinder und Kriegsenkel. Alles, was du schreibst ist richtig, doch leider ist in unserem Bewusstsein noch nicht angekommen, dass die nachfolgenden Generationen flächendeckend bindungstraumatisiert sind und somit ihre Kinder auch wieder traumatisieren.

Trauma ist ein Begriff, mit dem die meisten Menschen besonders schwere Ereignisse wie Krieg, Vergewaltigung, Naturkatastrophen, schwere Unfälle u.u.u verbinden. Von daher sind sehr, sehr vielen Menschen der Überzeugung nicht traumatisiert zu sein.

Aida sagte: "Erziehung ist Gewalt!" Und als ich das hörte, wurde mit klar, dass das stimmt. Und wenn Erziehung Gewalt ist und jede Form von Gewalt traumatisiert, dann sind Kinder, die erzogen werden traumatisiert.

Dieser Gedanke hat weitreichende Folgen und ja, wir sehen ja, was heute mit kleinen Menschen passiert. Viele Eltern wissen, dass sie ihre Kinder nicht mehr Schlagen dürfen, dennoch passiert es immer noch. Wenn Eltern heute schlagen, dann oftmals nicht um ihre Kinder mit Schläge zu erziehen, sondern aus der eigenen Hilflosigkeit und Ohnmacht heraus. Hilflosigkeit und Ohnmacht sind Traumagefühle und um die nicht zu fühlen, müssen wir handeln und werden zu Tätern.

Die eigene Täterschaft sich einzugestehen ist unendlich schwer, schließlich müssten wir dann für unsere Taten die Verantwortung übernehmen, sie uns eingestehen. Die häufigste Form dies zu vermeiden sind Rechtfertigungen…

Die Traumatisierung gehen dann in der KiTa, im KiGa und in den Schulen weiter, auch dort arbeiten traumatisierte Menschen, die ihr Leben nur aushalten, wenn es in ihrem Leben klare Grenzen und klare Regeln gibt, so dass sie möglichst nicht mir ihrer eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit in Kontakt kommen.

Für mich gibt es heute den Begriff „Das Trauma der Erziehung“ und damit meine ich nicht die Erziehung, die noch meine Generation erleiden musste, sondern die Erziehung denen heute die meisten Kinder ausgeliefert sind.

Franz Ruppert [Professor für Psychologie und langjähriger Freund von Birgit] sagte in dem Gespräch mit Katharina Walter [von MeinGeliebtesKind für das „Kinder sind Frieden“ Symposium]: „Die Kinder werden heute auf Staatskosten traumatisiert“ und damit hat er leider Recht.

Ich weiß nicht wie und ob es zu schaffen ist, mehr Bewusstsein für Trauma in unserer Gesellschaft zu wecken. Zum Trauma gehören immer Schuld- und Schamgefühle und die Täter-Opfer-Dynamik. Das wir selbst traumatisiert wurden, selbst Opfer wurden bzw. sind, dafür können wir nichts, doch wenn wir uns weigern unser Opfersein anzuerkennen, mit unseren Ohnmachts- und Hilflosigkeitsgefühlen und den Schuld und Schamgefühlen in Kontakt zu kommen, sondern aus Selbstschutz zu Täter werden, dann laden wir neue Schuld auf uns. Wir können, was wir als Eltern getan haben, nicht mehr rückgängig machen, doch wir können dafür in die Verantwortung gehen. Und das zu jedem Zeitpunkt, egal wie alt wir sind und wieviel tatsächliche Schuld wir auf uns geladen haben. Gerne wird der Schuldbegriff vermieden, weil er in Zusammenhang mit Strafe gebracht wird, dass kenne ich zumindest aus meiner eignen Kindheit. Doch schuldig zu werden gehört zum Leben mit dazu, wir bleiben nicht unschuldig…

Das schlimmste Gefühl, was wir kennen ist die Scham. Wenn wir uns schämen, möchten wir am liebsten das sich Boden auftut und uns „verschlingt“, wir möchten verschwinden…

Doch Schuld und Schamgefühle sind genau solche Gefühle wie alle anderen Gefühle auch, nur wir bewerten sie anders, weil wir als Kinder erniedrigt worden sind, beschämt wurden, bestraft wurden oder ausgelacht wurden.

Mir ist natürlich klar, dass ich dir nichts Neues schreibe, dass du das alles weißt… Doch ich spüre immer wieder auch die Angst, die Dinge beim Namen zu nennen! Lieber wird gesagt, dass sich Trauma „vererbt“…nein Trauma wird nicht vererbt, sondern es wird ungefiltert an die nächste Generation durch eigene Täterschaft weitergegeben. Wenn wir etwas „Erben“ bleibt die eigene Täterschaft außen vor, vielleicht gelingt es noch in Kontakt zu kommen mit unserem Opfersein… und ja, das sind auch die ersten Schritte ohne die geht es gar nicht weiter. Doch dabei dürfen wir nicht stehen bleiben, weil aus dem Opfersein auch schnell eine Opferhaltung werden kann nach dem Motto: da kann ich jetzt nicht dafür, dass ich so oder so bin!

In meinen Kursen und in meinen Weiterbildungen ist die größte Herausforderung nach dem erkennen, selbst ein Opfer zu sein, sich auch zu dem eigenen Tätersein zu bekennen. Wenn das gelingt, dann erst kann ich aus der Opfer-Täter-Spirale aussteigen und übernehme wirklich die Verantwortung für mich selbst und auch für meine Mitmenschen.

[...]

Rainer Maria Rilke schrieb:

„Es gibt noch keine Eltern, welche in ihrem Kinde vom ersten Tag an, die neue Individualität sehen und achten, die doch mit jedem neuen Kinde im Keime gegeben ist. Die Besten streben danach, „etwas aus ihrem Kinde zum machen“ und ahnen nicht, wie sehr sie sich damit an dem Leben versündigen, das nicht gemacht, sondern nur genährt sein will.“

Einen lieben Gruß und ich bewundere sehr, was du, Aida und all die anderen tollen Mütter für Aufklärungsarbeit leisten… ihr seid wahre Schätze für die heutige Elterngeneration! Und auch für mich als Omi 😊

Birgit

 

Saluditos & Axé

Eure

Aida S. de Rodriguez

 

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Foto: Jan H. Andersen (Fotolia)

About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

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