Ich erziehe meine Kinder nicht! – warum auch du auf Erziehung verzichten solltest

Unerzogen ist die Abwesenheit von Erziehung. Es geht um Erziehungsfreiheit. Ich entscheide mich dazu, auf Erziehung zu verzichten. Ich erziehe nicht liebevoll oder nur ein bisschen. Ich erziehe gar nicht.

Punkt.

Ja, das meine ich tatsächlich vollkommen ernst.

Meine Kinder werden nicht zu Höflichkeit erzogen und auch nicht dazu, auf mich zu hören. Ich zwinge sie nicht, sich die Zähne zu putzen und auch nicht, ins Bett zu gehen. Ich bestrafe sie nie (!) – auch dann nicht, wenn sie jemanden hauen oder nicht teilen wollen und sich untereinander streiten. Ich verlange nicht von ihnen, dass sie ihr Zimmer aufzuräumen. Sie dürfen wütent sein und sogar „trotzen“. Ja, egal ob Autonomiephase oder Wackelzahnpubertät, ich behandle meine Kinder auf Augenhöhe! Sie müssen nicht einmal zur Schule gehen

Das muss sich für jemanden außerhalb der unerzogen-Welt ziemlich heftig anhören. Vermutlich sogar unverantwortlich. Dabei halte ich genau das Gegenteil davon für unverantwortlich. Mehr noch, in meinen Augen ist Erziehung Gewalt!

Ist meine Haltung radikal?

Ich finde sie vor allem sehr konsistent. Aber nun Schritt für Schritt…



Erziehe ich manchmal "aus Versehen"?

Nein.

Ich erziehe auch dann nicht, wenn ich reflexartig in alte Verhaltensmuster verfalle. Zum Beispiel aus Erschöpfung, Überforderung oder weil mein Triggerpunkt berührt wird. Dann verhalte ich mich erzieherisch, gemein und ungerecht, verfolge dabei aber keine Ziele, meine Haltung bleibt unberührt.



In diesen Situationen freue ich mich auf Unterstützung, auf jemanden, der mir Empathie schenkt und mir sagt, dass ich gerade nicht nach meinen Werten handle

Dieser Jemand ist oft eines meiner Kinder selbst. Sie artikulieren deutlich „Stopp“, bitten um Verbindung oder verdeutlichen es durch ihr Verhalten. Dieser Jemand ist manchmal mein Mann, der mich eine Runde ins Bett oder in die Badewanne schickt oder alternativ die Kinder zum Spielen ruft. Dieser Jemand ist auch mal die tolle unerzogen Gemeinschaft, die mir zuverlässig eine authentische Rückmeldung gibt. Dieser Jemand bin manchmal ich selbst, die achtsam genug ist, einmal tief Luft zu holen…



Erziehe ich vielleicht unbewusst?

Ganz bestimmt!

Es gibt immer wieder Themen, die uns unsere erzieherische Haltung offenbaren. Wir erziehen dann, weil wir Angst haben. Manchmal sind wir uns dessen nicht bewusst oder es ist eine für den Moment wohlüberlegte Entscheidung. Klassische Themen hierfür sind Schule, der Konsum von digitalen Medien, Ernährung, Gesundheit und Hygiene.

Auch ich habe viele solcher Erkenntnisse gehabt. So habe ich mich sehr lange mit dem Thema Bildung auseinandergesetzt, weil ich hier Ängste erkannt habe, die mich zur Erziehung geführt hätten. Erziehung ist für mich aber keine Option, hier hilft es allerdings auch wenig, die eigenen Ängste zu übergehen und in überstürzten Aktionismus zu verfallen.



Bewusstsein über die eigene Angst, Information und Wissen sowie die Untersuchung der eigenen Gedanken sind der Schlüssel auf dem Weg zu einer neuen Haltung und Handlungsweise

Wo Leistung für mich früher an erster Stelle stand, steht heute die persönliche Potentialentfaltung. Wo einst Druck das Mittel der Wahl gewessen wäre, stehe ich heute für Vertrauen ein. Eine vorbereitete Umgebung statt Kontrolle…



Was aber ist Erziehung für mich, dass es mir so wichtig ist, darauf zu verzichten und es vorziehe, meine Gedankenwelt einer Überprüfung zu unterziehen?

In der meiner Arbeit zugrundeliegenden Definition bedeutet Erziehung:

die bewusste Formung eines Menschen in eine von einer anderen Person, in der Regel die Eltern, Pädagogen oder andere dem Kind nahestehende Menschen,  für richtig befundene Richtung.

Das Kind wird zum Objekt der Erziehungsziele des Erwachsenen degradiert. Um diese Ziele zu erreichen, bedienen sich erziehende Menschen verschiedener Methoden. Sowohl diese als auch Erziehung an sich, sind in meinen Augen Gewalt. Und weil das so ist, verzichte ich darauf. Ganz logisch, oder?

Dabei ist es vollkommen irrelevant, ob auf besonders liebevolle und bedürfnisorientierte Methoden geachtet wird und ob die Ziele mit den allerbesten Absichten verfolgt werden. In aller Deutlichkeit: Es bleibt Erziehung und somit Gewalt. Selbst die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg lässt sich prima zur „liebevollen“ Manipulation missbrauchen. Aus Haltung wird Methode. Ob liebevoll oder nicht, es bleibt manipulativ.



Ich begreife Kinder als gleichwürdige Menschen

Ihre Würde ist unantastbar und auch ihnen stehen die Menschenrechte zu. Mit dieser Haltung könnte ich keine Erziehung und somit Objektisierung meiner Kinder und die Anwendung von Gewalt vereinbaren.



Mir ist bewusst, dass sich einige Eltern, Pädagogen und Experten durch diese Aussagen attackiert fühlen

Zum Beispiel weil sie selbst eine andere Definition von Erziehung haben. Das ist vollkommen in Ordnung und ich finde es ziemlich spannend, über Begriffe zu philosophieren, schließlich habe ich unter anderem Sprachwissenschaften studiert. Darum geht es nicht. Ich schreibe nicht über das, was andere meinen, was Erziehung ist, sondern über das, was Erziehung für mich (!) ist! Deswegen werde ich auch nicht müde, die Definition immer wieder zu erwähnen.

Manchmal wird mir allerdings vorgeworfen, ich würde anderen Eltern ein schlechtes Gewissen einreden, sie verurteilen oder mich gar über sie erheben. Alle drei Annahmen sind allerdings nicht zutreffend.



Ich verurteile keine Menschen, ich lehne gewaltvolle Handlungen und eine erzieherische Haltung gegenüber Kindern ab

Und wenn ich Erziehung wahrnehme, mache ich deutlich darauf aufmerksam. Auch mir selbst gegenüber, denn obwohl ich bereits für mich klar entschieden habe, auf Erziehung verzichten zu wollen und eine hohe Sensibilität dafür entwickelt habe, so erwische ich mich doch immer wieder dabei, nicht meinen Werten entsprechend zu handeln. Wie könnte ich mich da über andere erheben?

Mein Anliegen ist es, aufzuklären, Bewusstsein zu ermöglichen und für strukturelle sowie allgemein akzeptierte Gewalt gegenüber Kindern zu sensibilisieren.

Ich bin verantwortlich für meine Worte, aber nicht für die Ursache der Gefühle, die entstehen, wenn meine Texte gelesen werden. Ich kann niemandem ein Gefühl von schlechtem Gewissen machen, ich kann höchstens den Auslöser dafür bieten. Diesem Auslöser, also meinen Texten, muss sich aber niemand stellen.



Erziehung hat eine konkrete Vorstellung davon, was sein soll und sein muss

Mit Erziehung verliert der Erziehende die Chance, das Objekt der Erziehung – das Kind – wahrhaftig kennenzulernen. Hier zählt primär das angestrebte Ergebnis, auch wenn auf einen vermeintlich liebevollen Weg geachtet wird. Das Ziel ist wichtig. Ungeachtet davon bleibt das, was ist.

Um zu erreichen, dass ein Mensch nach den Vorstellungen eines anderen oder der sie umgebenden Gesellschaft wird, was per se eine gewaltvolle Haltung ist, bedient sich der Erziehende Methoden, die ihrerseits ebenfalls gewaltvoll sind.

Die Tatsache, dass es sich bei Erziehung um gesellschaftlich unterschiedliche Vorstellungen und Normen handelt, zeigt bereits, dass Erziehung, wie wir sie im stillen Konsenz innerhalb einer Gruppe (Familie, Gesellschaft, usw) praktizieren, keine Bedingung für die erfolgreiche Existenz der Spezie Mensch ist. Erziehung ist lediglich sozialisiert und in einem bestimmten Kontext unter ganz individuellen Voraussetzungen erdacht. Alleine das verdeutlicht die Absurdität von Erziehung an sich.

Alles um uns ist stets im Wandel.



Wir sind die Vergangenheit, unsere Kinder die Zukunft

Wie können wir da nur annehmen, die Antworten für unsere Kinder zu wissen?

Ich möchte, dass wir (!) Eltern in unsere Verantwortung kommen und für unsere Rechte sowie die unserer Kinder einstehen können. Ich lade dich dazu ein!

Hast du Lust?

Das setzt die Bereitschaft voraus, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Ich biete keine Lösungen für das Verhalten von Kindern, sondern helfe dir gerne dabei, dieses Verhalten als bestmöglichen Ausdruck deines Kindes und als Antwort auf seine Umgebung anzunehmen sowie es zu übersetzen. Im Mittelpunkt aber steht, dein eigenes Denken und Handeln zu reflektieren. Und ja, manchmal ist das sehr irritierend und schmerzhaft. Aber absolut lohnenswert und bereichernd!

Saluditos & Axé

Eure

Aida

 

Das Thema hat dich berührt und du brauchst Unterstützung auf deinem Weg in einem Leben ohne Erziehung? Gerne begleite ich dich dabei mit meinem 



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Foto von JorgeAlejandro, Fotolia

About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

9 Comments

  • Ailine

    Reply Reply 14. Januar 2017

    Hallo 🙂
    Ich finde die Methode gut und lese seit kurzem deine Beiträge. Ich habe das Gefühl, dass es auch mein Weg werden soll, wenn ich einmal Kinder habe.
    Nur eine Frage habe ich:
    Mir wurde immer beigebracht, dass Kinder Regeln und Grenzen brauchen, um sich sicher zu fühlen.
    Ich weiß, man übernimmt immer weiter Ansichten ohne sie zu prüfen.
    Deshalb möchte ich wissen, wie ist das bei dir?
    Wie lässt du deine Kinder sich sicher fühlen? Was ist deine Erfahrung damit?

    Achso, eines fällt mir noch ein:
    Du sagtest, du greifst auch nicht ein, wenn ein Kind ein anderes haut. Was tust du? Fühlt sich das geschlagene Kind nicht allein gelassen?
    Was ist, wenn dein Kind frech gegenüber Erwachsenen wird. Vielleicht sogar fremden Erwachsenen? Wenn es den Menschen weh tut. Wie reagierst du da?
    Ich interessiere mich wirklich sehr dafür.
    Ich möchte später selbst mal Kinder haben, aber dafür muss ich erst mit meinem inneren Kind Frieden schließen und daher hoffe ich, in diesen Texten Antworten zu finden.

    Herzliche Grüße

    • Carolin

      Reply Reply 28. Mai 2017

      Die Antwort auf die von Ailine gestellten Fragen würden mich auch sehr interessieren!

  • Michael Radke

    Reply Reply 15. Januar 2017

    Hallo Aida,

    ich finde gut was du tust.
    Wir machen es genauso – mit allen notwendigen Lebensänderungen die dadurch entstehen.
    Alles gute Dir und viel Freude beim Kind sein
    Michael

  • Antje

    Reply Reply 7. Februar 2017

    Hallo Aida,
    deine Einstellung zur Erziehung bzw zum „unerzogen sei“ gefällt mir. Ich habe im meinem Umfeld verstärkt mitbekommen, dass Drohungen und Vorschriften die Kinder umso mehr herausfordern zu rebellieren. Ich halbe bereits eine 3 jährige Tochter und erwarte bald eine Sohn. Ich würde ihn gerne auf eine andere Art und Weise erziehen. Ich frage mich bei deiner Herangehensweise, wie und ob es sich umsetzen lässt, einem Kind, das Erziehung gewohnt ist, diese quasi abzugewöhnen und das Baby dann auf die neue Art großzuziehen.
    Vielleicht kannst du mir Tipps zu Umstellung geben?
    LG Antje

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