„Wenn du das tust, gehörst du nicht dazu.“ – Eine Botschaft, welche an Grausamkeit kaum zu überbieten ist

the little girl is afraid

Mein Brief an die verantwortlichen Geschäftsführer der Procter & Gamble Service GmbH zum veröffentlichten Artikel „Kinder richtig bestrafen: Auszeiten“ auf der Homepage von Pampers:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit großem Entsetzen und enormer Fassungslosigkeit habe ich, Mutter dreier Kinder im relevanten Alter und als jemanden, der sich für ein gewaltfreies Aufwachsen von Kindern einsetzt, den Artikel „Kinder richtig bestrafen: Auszeiten“ auf Ihre Homepage gelesen. Ich bin stark erschüttert, denn Sie legitimieren damit massivste psychische Gewalt gegenüber kleinen Kindern durch Isolation und durch Ausschluss der Familie. Dazu ein Zitat aus den genannten Artikel: <<Die Auszeit ist als eine abgeschwächte Form von Isolation zu verstehen. Damit bringen Sie zum Ausdruck: „Wenn du das tust, gehörst du nicht dazu.“>>

Es irritiert mich zutiefst, dass ein Konzern, der behauptet, ihm lägen Kinder am Herzen, solch ein Artikel veröffentlicht. Es zeigt, dass Sie sehr wenig über das gesunde Aufwachsen von Kindern verstehen und sämtliche Erkenntnisse über die kleinkindliche Entwicklung der vergangenen Jahre ignorieren.

Im Artikel wird geschrieben, dass die Auszeit dazu dient das bestrafte Kind aus der Situation zu nehmen und zwar alleine und ohne große Erklärungen. Ein Kind aus einer Situation zu nehmen, welche zu eskalieren droht und in der die Beteiligten überfordert sind, macht durchaus Sinn. Allerdings nicht als Strafe, sondern als Chance, die vorhandenen Impulse und Gefühle zu beruhigen. Dabei ist es unabdingbar, dass vor allem kleine Kinder eine liebevolle Begleitung erfahren und nicht alleine gelassen werden, insofern sie sich das nicht ausdrücklich wünschen. Kinder brauchen die Möglichkeit, sich von sich aus zurückzuziehen, wenn sie wütend sind oder einfach Ruhe benötigt. Sie sollten aber wissen, dass ihre Eltern immer für sie da sind. Anstatt ihren Kindern eine einsame Auszeit zu verpassen, können Eltern sich im Notfall Zeit gönnen, um „zur Besinnung zu kommen“. Bevor Eltern ihre Kinder anschreien, wegschicken oder sonst wie angreifen, sollten sie einen Moment aus der Situation gehen, um ihre Kinder zu schützen. Und zwar am besten noch bevor es eskaliert. Eltern müssen lernen mit sich, den eigenen Bedürfnissen und die ihrer Kinder achtsam zu werden, aber sicherlich nicht ihre Kinder <<richtig>> zu bestrafen!

Daneben heißt es im Artikel, dass die Auszeit dazu diene das Kind „von der Versuchung fernzuhalten“. Ich frage mich was dies genau sein soll und vor allem welches Menschenbild dem zugrunde liegt. Ist damit die natürliche Neugier von Kindern gemeint, wodurch Menschen gesund lernen und sich entwickeln? Warum werden dann nicht Gegenstände entfernt, die beschädigt oder gefährlich werden könnten anstatt ein Kleinkind hier erneut in die Verantwortung zu bringen? Oder sind damit zwischenmenschliche Beziehungen und Auseinandersetzungen gemeint, wie zum Beispiel Konflikte zwischen Geschwister? Wie sollen Kinder den Umgang mit solchen Konflikten lernen, wenn wir ihnen es nicht vorleben und sie anstatt dessen mit Ignoranz abstrafen, wie im Artikel vorgeschlagen?

„Eine Versuchung ist der Anreiz oder die Verleitung zu einer Handlung, die reizvoll erscheint, jedoch unzweckmäßig ist, einer sozialen Norm widerspricht bzw. verboten ist.“ heißt es bei Wikipedia. Wenn also etwas oder jemand zu einer Handlung verleitet, wäre es da nicht sinnvoller den Fokus auf dieses etwas oder jemand zu legen, noch besser darauf, was jemanden womöglich fehlt oder braucht, um sich verleiten zu lassen, anstatt den „in Versuchung gebrachten“ zu strafen? Inwiefern kann ich etwas als „unzweckmäßig“ betrachten, wenn ich mir nicht einmal die Mühe gebe, zu hinterfragen aus welchem Grund etwas getan wird, also den Zweck gar nicht kennen? Vor allem mit welchem Mindset und nach welchem Maßstab werden die Handlungen kleiner Kinder – im Artikel geht es um Kinder von 18 Monaten (!) bis ca. fünf Jahren – bewertet und betrachtet, um diese als Widerspruch zur sozialen Norm zu werten?

Indem wir immer nur das Verhalten betrachten, vergessen wir unseren Blick auf die dahinterliegenden Bedürfnisse zu lenken. Was wollte uns das Kind mit seinem Verhalten sagen? Fühlt es sich nicht gesehen? Will es erfahren wie etwas funktioniert? Ist es frustriert, wütend oder traurig? Benötigt es Hilfe? Wollte es lediglich sein Spielzeug wiederhaben? Kinder sind keine bösen Tyrannen, die uns das Leben schwermachen wollen. Sie sind gleichwürdige Menschen, denen noch Reife, Erfahrung und Fähigkeiten fehlen, um – unserem erwachsenen Verständnis nach – adäquat mit bestimmten Situationen umzugehen. Sie brauchen unsere Begleitung und ganz unbedingt unser Vorbild!

Laut Artikel soll das Kind sich durch die Auszeit beruhigen, sammeln, „wieder in den Griff bekommen“ und „über das nachdenken, was von ihm erwartet wird“. Wir neigen dazu, von Kindern Dinge abzuverlangen und zu erwarten, wozu sie schlicht noch nicht in der Lage sind (und mal ehrlich, selbst Erwachsene sind hier oft mit den eigenen Emotionen vollkommen überfordert) und bei den Sachen, die sie eigentlich können, unterschätzen wir ihre Kompetenz. Kinder kooperieren dann nicht, wenn sie – warum auch nimmer – nicht können! Da lohnt es sich den Fokus dahin zu lenken, wo der Hinderungsgrund ist. Durch Bestrafung soll das Kind aber etwas lernen, wozu es gar nicht in der Lage ist. Es soll Kausalitäten zwischen einem schlechten Benehmen und der Strafe erkennen, das eigene Verhalten reflektieren und es vor allem möglichst sofort einstellen. Ja, ich mag behaupten, dass das Kind tatsächlich eine ganze Menge dabei lernt. Nur leider nicht das, was sich die Erwachsenen wünschen. Während die ganz kleinen noch gar nicht in der Lage sind, so völlig abstrakte Dinge zu erfassen, entwickeln größere Kinder vor allem sehr kontraproduktive Gedanken. Insgesamt fühlen sich Kinder in ihre Not allein gelassen. Ein eineinhalbjähriges Kind, welches zum Beispiel an den Haaren der Schwester zieht und auf einen Stuhl gesetzt wird, kann weder die Kausalität zwischen seinem Tun und das Verhalten seiner Eltern nachvollziehen, geschweige denn noch darüber reflektieren, wie es sich beim nächstem Mal verhalten sollte. Es hat wahrscheinlich nicht einmal verstanden, was an sein Verhalten falsch war und auch nichts darüber erfahren, wie es sich anstatt dessen verhalten hätte können.

Was das Kind aber sicher verinnerlicht hat, ist, dass es so falsch ist, dass es die Liebe seiner Eltern nicht verdient und alleine mit seinen Gefühlen gelassen wird. Nicht ohne Grund steht im Artikel, wie bereits oben zitiert: <<Die Auszeit ist als eine abgeschwächte Form von Isolation zu verstehen. Damit bringen Sie zum Ausdruck: „Wenn du das tust, gehörst du nicht dazu.“>> Es handelt sich also um eine Behandlung von Kindern, die auf Angst, Ausschluss, Willkür und somit auf Gewalt basiert. Ein Kind hat bei solch einer Botschaft schlicht panische Angst. Der Ausschluss des Kindes verstärkt außerdem in der Regel auch noch zusätzlich das unerwünschte Verhalten, denn das Kind fühlt sich zunehmend nicht gesehen. Ein Teufelskreis entsteht. Oftmals mit immer heftigeren Konsequenzen und größerem Ausmaß an Gewalt, worauf im Artikel mit dem perfiden Hinweis auf den Bedarf an noch „raffiniertere Methoden“ hingewiesen wird. Dazu kommt nicht selten die Schlussfolgerung, mit dem Kind stimme etwas nicht, dabei reagiert es schlicht mit dem ihm vorhandenen Mittel auf seine Umwelt, oder aber dass die Eltern unfähig ihre Kinder zu erziehen seien, dabei handelt es sich in der Regel um artgerechtes Verhalten von Kindern, welches liebevolle, alternative Handlungsoptionen für das Kind bietende Begleitung bedingt oder aber zugewandte, professionelle Begleitung, meist der ganzen Familie.

Kinder, die sich nicht gesehen fühlen und auch noch bestraft werden, fühlen sich – wie die meisten andere Menschen in solch einer Situation auch – zunächst beschämt, wütend und verärgert. Sie sehen ihre Eltern nicht als liebende Menschen, sondern sie sehen Machtmissbrauch und Ablehnung, auch wenn sie dies nicht so benennen können. Sie entwickeln den Wunsch, sich für die Ungerechtigkeit zu rächen. Kinder sind jedoch zutiefst von ihren Eltern abhängig und daher eher bereit sich von sich selbst abzuspalten, wie Alice Miller es Eindrucksvoll in ihrem Buch Am Anfang war Erziehung beschreibt. Die Botschaft ans Kind ist also, dass es nicht ok ist, so wie es ist. Es vertraut seinen Eltern und deren Urteil so sehr, dass es lieber an sich selbst zweifelt. Und das hat Folgen für das Selbstbewusstsein und für die Selbstachtung. Das Kind lernt außerdem womöglich, dass Ehrlichkeit sich nicht lohnt und dass sie möglichst versuchen sollten, ihre Fehler zu vertuschen. Sie lernen, dass sie mit ihren Themen alleine sind und werden zweimal überlegen, bevor sie etwas diese straffende Person anvertrauen. Sie lernen außerdem, dass ihre Bedürfnisse und Wünsche nicht angebracht sind und keinem interessieren. Vor einigen Monaten erschien eine sehr umfassende und Augen öffnende Studie (http://psycnet.apa.org/index.cfm?fa=buy.optionToBuy&uid=2016-17153-001), der American Psychological Association, welche die schädlichen Auswirkungen dieser vermeintlich harmlosen Bestrafung aufzeigt.

Kinder, die bestraft werden, verlieren das Vertrauen. In ihre Eltern, in die eigenen Gefühle, daran geliebt zu werden und letztlich auch das Vertrauen an sich selbst. Strafen aller Art schaden, unabhängig davon, wie harmlos sie uns zunächst erscheinen mögen. Nicht zuletzt auch der Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern. Kinder müssen wissen, dass sie bedingungslos geliebt werden und dass sie jederzeit zu ihren Eltern kommen können. Passiere was wolle. Es reicht nicht, dass die Eltern das wissen, es kommt darauf an, dass die Kinder es auch spüren! Eine Auszeit wie im Artikel beschrieben sendet ihnen eine völlig falsche Botschaft. Eltern tun etwas aus Liebe und senden dabei die genau gegenteilige Botschaft an ihre Kinder. Diese fühlen sich nicht gesehen und nicht geliebt. Sie werden problematisiert, etikettiert und dank der starken Fokussierung auf das Verhalten des Kindes für falsch erklärt.

Viele Eltern tragen einen großen Schmerz in sich, da sie sich nicht nur überfordert fühlen, sondern sich auch noch für das Verhalten ihres Kleinkindes unter dem gesellschaftlichen Druck schuldig und vor allem auch verurteilt fühlen. Das macht sie sehr empfänglich für solche Handlungsempfehlungen, die fatalerweise als valide und harmlose Problemlösung dargestellt werden, wie sie im genannten Artikel. Dabei tanzen ihnen ihre Kinder nicht auf der Nase rum. Sie leben! Sie tun nichts gegen ihre Eltern und Mitmenschen. Sie tun etwas für sich. Und sie als Konzern, der von sich behauptet sich um das Wohl der Kinder zu sorgen, tragen eine große Verantwortung! Anstatt an die Vernunft der Kinder zu appellieren oder sie mit solchen menschenfeindlichen Methoden wie der Isolation dazu zu zwingen zu versuchen, was schlicht nicht möglich ist, möchte ich an dieser Stelle für die Vernunft beim Erwachsenen werben und Sie darum bitten, sich von solchen erzieherischen Empfehlungen zu distanzieren, besser über die kleinkindliche Entwicklung und einen gewaltfreien Umgang zu recherchieren und dieser Art Artikel keiner Bühne mehr zu bieten!

Über eine zeitnahe Stellungnahme freue ich mich.

Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen

Aida S. de Rodriguez

 

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#meineKindergehörenimmerdazu

Das Bild heißt „afraid“ und ist von Konstantin Yuganov, erworben bei Fotolia.

About The Author

Aida S. de Rodriguez

Aida ist Mutter eines Zwillingspärchens und eines ein Jahr jüngeren Sohnes. Ihre Kinder wachsen interkulturell, mehrsprachig sowie bedürfnisorientiert auf. Als Coach, Beraterin und Trainerin begleitet sie Menschen rund um die Themen Unerzogen, Selbstwirksamkeit, Transformationsprozesse und Diversity. Ihre Vision ist ein gleichwürdiges Miteinander aller Menschen. Dafür setzt sie sich für die Rechte von Kindern auf gewaltfreien Umgang sowie auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen ein.

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